Hamburger Flughafen

Drei Stunden warten, weil „jemand die Koffer vergaß“

Christian Noack (45), Geschäftsführer von HAM Ground Handling, am
Förderband eines Flugzeugs auf dem Vorfeld in Hamburg

Christian Noack (45), Geschäftsführer von HAM Ground Handling, am Förderband eines Flugzeugs auf dem Vorfeld in Hamburg

Foto: Andreas Laible / HA

Christian Noack von der Flughafentochter HAM Ground Handling über das Chaos am Hamburger Flughafen.

Hamburg.  Nach den massiven Problemen mit der Gepäckabfertigung am Hamburger Flughafen hat sich eine Diskussion darüber entzündet, wie es überhaupt passieren kann, dass Passagiere bis zu drei Stunden auf ihre Koffer warten müssen – und in einem Fall sogar ein Pilot entscheidet, mit dem Gepäck der ankommenden Fluggäste wieder zurück nach Barcelona zu fliegen, weil es nicht rechtzeitig von Bord geholt werden konnte. Das Abendblatt hat darüber mit Christian Noack gesprochen, dem Geschäftsführer von HAM Ground Handling, einer Tochtergesellschaft des Flughafens, die für rund 60 Airlines die Bodendienste abwickelt.

Herr Noack, sind Sie von den Ferien überrascht worden, wie manche Spötter behaupten?

Christian Noack: Nein, natürlich nicht. Wir passen unsere Kapazitäten selbstverständlich an die jeweils erwartbaren Spitzenzeiten an, müssen aber hinnehmen, dass bei einer derart hohen Auslastung wie zurzeit nicht jeder Flug so schnell ausgeladen sein kann, wie wir es gerne hätten. In der 30. Kalenderwoche haben wir 409.902 Passagiere gezählt, das sind 62 Prozent mehr als in der ersten Januarwoche. Auch die Zahl der Flugbewegungen ist mit 3103 gegenüber 2276 deutlich höher.

Aber rechtfertigt das eine Situation, wie sie am vergangenen Wochenende in Hamburg eingetreten ist?

Noack: So was habe ich in den zehn Jahren, die ich hier tätig bin, noch nicht erlebt. Um es klar zu sagen: Mein Team und ich sind hier an unsere Grenzen gestoßen, und ich kann die Passagiere, die lange warten mussten oder ihr Gepäck gar nicht bekommen haben, nur um Entschuldigung bitten. Im Falle der Vueling-Maschine, die mit Gepäck zurückgeflogen ist, waren wir nach 25 Minuten zur Stelle. Der Kapitän hat dann entschieden, dass ihm die Zeit bis zum Abflug nicht reicht. Wir mussten einige Gepäckstücke sogar wieder zurück an Bord bringen. Beim Ryanair-Flug hingegen, wo man drei Stunden warten musste, hat jemand Koffer auf dem Rollfeld vergessen. Zudem hat hier die sonst übliche Rücksprache nicht optimal funktioniert.

Bodendienste

Wie viele Gepäckstücke werden in Hamburg eigentlich bewegt? Und wie schnell kommen die aufs Laufband, wenn alles normal läuft?

Noack: Etwa 13 Millionen pro Jahr, also etwa 36.000 pro Tag. Im ersten Quartal des Jahres haben wir das erste Gepäckstück im Schnitt nach 14 Minuten auf dem Band gehabt und das letzte nach 16 Minuten. Im zweiten Quartal lagen die Zahlen bei 16 und 24 Minuten. Bei durchschnittlich 3,5 Prozent der Flüge dauert es länger als 45 Minuten.

Wenn es Verzögerungen gibt, was sind die häufigsten Gründe?

Noack: Kommt es, wie im Juli, über weiten Teilen Deutschlands zu Gewitterlagen, sind davon auch die Ankünfte betroffen. Sind erst einmal ein paar Maschinen unpünktlich, kommt die ganze Planung durcheinander. Zudem gibt es Flüge, bei denen der Zoll besonders hinschaut, das kann dann auch mal dauern. Laufzeiten über einer Stunde müssen wir aber mit allen Mitteln verhindern.

Oft wird behauptet, es läge an der Personalplanung.

Noack: Unser ursprüngliches Ziel für den Sommer 2017 war es, das Personal auf 900 Mitarbeiter aufzustocken, ausgehend von etwa drei Prozent Passagierwachstum. Tatsächlich haben wir jetzt 934 Kolleginnen und Kollegen insgesamt, davon 727 bei Ground Stars. Allerdings ist auch das Passagierwachstum mit zehn Prozent größer gewesen als erwartet. Was wir nicht auffangen konnten, ist die hohe Zahl der kurzfristigen Krankmeldungen in den vergangenen zwei Wochen, welche aber aufgrund der schlechten Wetterbedingungen beim Arbeiten im Freien nachvollziehbar sind.

Klingt nach einem sehr harten Job oder zu schlechter Bezahlung.

Noack: Keine Frage, der Job ist oft anstrengend, und zu viele Neulinge verlassen uns nach kurzer Zeit wieder. Jeder, den wir dann als Ersatz brauchen, muss erst einmal eine Sicherheitsüberprüfung durchlaufen. Das dauert Wochen.

Es heißt, Sie zahlen nur 10 Euro die Stunde. Ist das nicht zu wenig?

Noack: Die 10 Euro sind der aktuelle Tariflohn für Einsteiger, der in Kürze auf 10,50 Euro und im Januar auf 10,76 Euro steigt. Mit Zuschlägen liegen Vollzeitlöhne zwischen 2000 und 3900 Euro. Aber klar ist auch: In Deutschland wird man solche Arbeit, ähnlich wie in anderen basisgewerblichen Bereichen, besser bezahlen müssen, wenn man keine Personalprobleme bekommen will.

Das werden die Gewerkschaften sicher sehr gerne hören.

Noack: Es sollte einem ein Vollzeitjob schon ermöglichen, in unserer Metropolregion zu leben. Der Markt gibt aber derzeit nicht mehr Lohn und Gehalt her. Oft kostet das Taxi zum Flughafen mehr als der Flug selbst.

Was wünschen Sie sich eigentlich von den Passagieren?

Noack: Dass sie nicht auf den letzten Drücker einchecken. Und dass mancher, der genervt ist, an die A 7 oder die Kasse im Supermarkt denkt. Da werden Staus in Spitzenzeiten auch mal toleriert.