Hamburg

Vergib uns unsere Schuld

Ich wusste nicht, ob ich mit Schmunzeln oder Kopfschütteln reagieren sollte. Auf das große Schild vor dem Neubau hatte die Baufirma geschrieben: „Wir entschuldigen den Lärm und die Unannehmlichkeiten dieser Baustelle.“ Das war gut gemeint, aber falsch ausgedrückt. Etwas besser wäre gewesen: „Wir entschuldigen uns“, wirklich gut: „Wir bitten Sie um Entschuldigung!“ Denn nur die Opfer solcher Unannehmlichkeiten können verzeihen, Entschuldigung kann man sich nicht selber geben.

Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz hat einige Tage nach den Krawallen beim G20-Gipfel gesagt: „Dafür, dass das geschehen ist, bitte ich die Hamburgerinnen und Hamburger um Entschuldigung.“ Das war korrekt ausgedrückt. Aber natürlich geht es bei solchen Erklärungen nicht nur um richtige Formulierungen, sondern auch um inhaltliche Glaubwürdigkeit. Grundsätzlich bin ich überzeugt: Nur wenn man wirklich Schuld einräumt, kann man auch um Entschuldigung bitten. Das Eingeständnis eigener Verfehlungen kommt uns oft schwer über die Lippen, dabei macht es uns glaubwürdiger als jede glatte Selbstgerechtigkeit.

Ob in Liebe, Freundschaft oder Nachbarschaft: Wir leben von Vergebung und machen unser Zusammenleben menschlicher, wenn wir auch anderen vergeben.

Ich muss bei diesem Thema an meinen einstigen Lehrer Helmut Thielicke zurückdenken. Er hatte zig Bücher geschrieben, und wenn er predigte, kamen Tausende in den Michel. Bei seiner Trauerfeier hatten wohl viele erwartet, dass der weltbekannte Professor in der Predigt noch mal für all seine Verdienste gerühmt würde.

Aber genau das wollte er nicht. Stattdessen hatte er sich einen Satz aus dem Gleichnis vom Schalksknecht gewünscht, in dem es heißt: „Da hatte der Herr Erbarmen mit seinem Knecht und ließ ihn frei, und seine Schuld erließ er ihm auch.“ Auf dieses Erbarmen hoffte auch der Professor.

Keiner von uns kommt ohne Schuld durchs Leben, aber es gehört Demut dazu, sie zuzugeben. Und es tut gut, eine höhere Adresse zu haben, bei der wir unsere Schuld ablegen können. In der Zuversicht, dass Gott uns vergibt und wir wirklich frei sein können.

hwestphal@anderezeiten.de