Hamburg

G20 – Die Verhafteten und ihre Straftaten

35 Verdächtige warten im Untersuchungsgefängnis auf ihr Verfahren, darunter vier Obdachlose und 20 mit Wohnsitz im Ausland

Hamburg.  Sie zogen als vermummter Mob durch die Stadt, warfen Steine auf Polizisten, errichteten Barrikaden: Die gewalttätigen Ausschreitungen beim G20-Gipfel haben Hamburg erschüttert. Derzeit sitzen von den Verdächtigen, denen schwere Straftaten vorgeworfen werden, noch 35 in Untersuchungshaft. Bei weiteren 16 Verdächtigen wurde der Haftbefehl aufgehoben, oder sie wurden von der Untersuchungshaft verschont.

Von den Verdächtigen kommen 15 aus Hamburg, zwei weitere aus Schleswig-Holstein, drei aus Baden-Württemberg, sechs aus Nordrhein-Westfalen und je einer aus Sachsen und Berlin. Auch 20 Beschuldigte mit Wohnsitz im Ausland sitzen in Haft. Darunter sind beispielsweise sechs Italiener, drei Franzosen und zwei Russen, darüber hinaus Staatsangehörige aus Österreich, Spanien, der Schweiz, Polen, den Niederlanden, Rumänien, Tschechien, Ungarn, Serbien und dem Senegal. Der jüngste Verdächtige ist 18 Jahre alt, drei sind 19. Der älteste Beschuldigte ist ein 56-Jähriger aus Schleswig-Holstein. Auch vier Deutsche ohne festen Wohnsitz sitzen in Untersuchungshaft.

Bei der Hamburger Staatsanwaltschaft laufen insgesamt 152 Ermittlungsverfahren wegen Straftaten im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel, 51 von ihnen gegen unbekannt.

Der schwerste Vorwurf im Zusammenhang mit dem Gipfel richtet sich gegen einen 27-Jährigen, dem gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Luftverkehr vorgeworfen wird. Der junge Mann soll aus einer Dachgeschosswohnung heraus mit einem Lasergerät gebündeltes Licht auf den in der Luft kreisenden Polizeihubschrauber „Libelle“ abgegeben und dabei den Piloten geblendet haben. Der Hubschrauber soll sich deshalb kurzzeitig im „Blindflug“ befunden haben. Ursprünglich wurde gegen den Mann sogar wegen versuchten Mordes ermittelt. Aber auch auf den aktuellen Tatvorwurf stehen bis zu zehn Jahre Gefängnis.

In vielen weiteren Fällen lauten die Vorwürfe auf gefährliche Körperverletzung beziehungsweise versuchte gefährliche Körperverletzung. Und allein 14 Verdächtigen wird schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen. Auch bei diesem Delikt liegt die Strafandrohung zwischen sechs Monaten und zehn Jahren Haft. Weitere Vorwürfe lauten beispielsweise auf tätlichen Angriff, Sachbeschädigung, Einbruchsdiebstahl, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte oder Verstoß gegen das Vermummungsverbot.

„Wir haben es im Großen und Ganzen mit Tatvorwürfen zu tun, die für Ausschreitungen im Zusammenhang mit Großereignissen typisch sind“, sagt dazu Gerichtssprecher Kai Wantzen. „Die Blend-Attacke auf einen Hubschrauber hat wegen ihrer mutmaßlichen Gemeingefährlichkeit sicher ein besonderes Gewicht.“

Seit der Woche nach dem Gipfel haben mehrere Haftprüfungstermine stattgefunden. Mehrere Haftbeschwerden liegen noch vor. Bei den Verdächtigen, denen schwerer Landfriedensbruch vorgeworfen wird, handelt es sich unter anderem um Personen aus dem sogenannten Schwarzen Block.

Sie werden beschuldigt, am 7. Juli aus einer Gruppe von etwa 200 vermummten Personen heraus an der Straße Rondenbarg in Bahrenfeld aggressiv auf Polizeibeamte zugegangen und sie gezielt und massiv mit Steinen und Flaschen beworfen zu haben. Mehrere Stadtteile in Hamburg hatte während des G20-Gipfels unter der Gewalt zu leiden. Die Bewohner mussten miterleben, wie Autonome marodierend durch die Straßen zogen, wie Geschäfte geplündert und Autos in Brand gesetzt wurden. Im besonders betroffenen Schanzenviertel kletterten Menschen auf ein Baugerüst.

Immer wieder wurden Wasserwerfer eingesetzt

Die Polizei sprach später von einem „Hinterhalt“ – sie befürchtete, die Beamten könnten von oben mit Gehwegplatten und Molotowcocktails beworfen werden. Die österreichische Spezialeinheit „Cobra“ musste anrücken, um die Lage zu entschärfen. Ferner wurden immer wieder Wasserwerfer eingesetzt, um Randalierer zurückzudrängen. 476 Polizisten wurden beim G20-Einsatz verletzt – die Zahl der verletzten Demonstranten ist unbekannt.

Wer während des Gipfels festgenommen oder in Gewahrsam genommen wurde, landete in der extra eingerichteten Gefangenensammelstelle (Gesa) in Harburg. Insgesamt waren 411 Menschen in der Gesa untergebracht. Wie die Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der FDP-Bürgerschaftsfraktion nun ergeben hat, belaufen sich die Kosten für die Unterkunft auf rund sechs Millionen Euro. Das berichtet die „Welt“. Für den Betrieb der benachbarten Nebenstelle des Amtsgerichts Hamburg, heißt es in dem Bericht weiter, lägen noch nicht alle endgültigen Kostenrechnungen vor.