Hamburg

Friedliche Demonstranten sind die G20-Verlierer

So geht Protest auch, friedlich, dynamisch und etwas hippiesk:Die Yoga-Aktion „Bridges to Humanity“ auf Kennedybrücke zog mehr als 600 Menschen an

So geht Protest auch, friedlich, dynamisch und etwas hippiesk:Die Yoga-Aktion „Bridges to Humanity“ auf Kennedybrücke zog mehr als 600 Menschen an

Foto: Katharina Blenk

Mehr als 130 Kundgebungen gab es während des Hamburger Gipfels – und fast alle blieben gewaltfrei. Doch niemand redet mehr über sie.

Hamburg. Friedliche Proteste gegen G20 – war da was? Nach den Krawallen im Schanzenviertel blieben die moderaten Gipfelgegner fast ungehört. Stattdessen kennt die Stadt kaum andere Themen als linksextremistisch motivierte Gewaltexzesse, die umstrittene Polizeitaktik oder die Zukunft der Roten Flora. Das Zerrbild enthemmter Gewalt – es wurde zum wahren Abbild des G20-Gipfels. Dabei verliefen die meisten der 104 stationären Kundgebungen und 28 Aufzüge seit dem 22. Juni völlig friedlich und störungsfrei. Was denken die Veranstalter jetzt über ihren Protest im Schatten der Gewalt?

Immanuel Grosser ist Mitveranstalter der Demo „Bridges to Humanity“. Am 6. Juli, um 7 Uhr, versammelten sich auf der Kennedybrücke in gelbe Kleider gehüllte Menschen, um mit einer Yoga-Übung zu veranschaulichen, dass es wichtiger ist, Brücken zwischen den Menschen zu bauen als Mauern. 650 Teilnehmer kamen und damit deutlich mehr als die erwarteten 200. „Leider haben danach die Bilder der Randale den tollen, massenhaften friedlichen Protest überlagert“, sagt Grosser.

Auch die Großdemo „Grenzenlose Solidarität statt G20“ blieb friedlich

Wie die Yoga-Demonstranten äußerten auch andere ihren Protest friedlich. Mal engagiert und leise wie das Miniatur Wunderland, das eine G20-Demo im Maßstab 1:87 präsentierte. Mal kreativ und laut wie die Teilnehmer des Demo-Raves „Lieber tanz ich als G20“. In der Laeiszhalle lasen Prominente wie Auma Obama aus den Werken „Empört euch!“ und „Engagiert euch!“ des französisch-deutschen Widerstandkämpfers Stéphane Hessel, bei Kampnagel tagte ein zweitägiger alternativer „Gipfel der Solidarität“ mit 2000 Besuchern. Es gab den schwul-lesbischen Gipfel „Gay 20“ auf dem Spielbudenplatz, die Kunstperformance „1000 Gestalten“ – und so viele, teils bunte Aktionen mehr, die nicht in Gewalt mündeten.

Auch sie muss zu den friedlichen Veranstaltungen während des Gipfels gezählt werden: die umstrittene Großdemo „Grenzenlose Solidarität statt G20“ am Sonnabend. Zum Teil links­extremistische Kräfte waren in dem Bündnis vertreten, auch ein großer Schwarzer Block marschierte mit. Glücklicherweise bliebt es bei einem einzigen Scharmützel mit der Polizei.

Van Aken ist sicher: Seine Botschaft ist angekommen

Das Verhältnis von Demo-Anmelder Jan van Aken (Linke) zum Schwarzen Block ist gespalten. „Wenn es passt, wenn es inhaltliche Übereinstimmungen gibt, dann kann man mit denen auch eine Demo organisieren“, sagt van Aken. „Und verbindliche Absprachen sind auch mit dem Schwarzen Block möglich.“ Man müsse eben differenzieren. „Ich habe auch kein Verständnis für die Verhütungspolitik der katholischen Kirche, teile aber ihre Positionen zur globalen Gerechtigkeit“. Auch wenn die Randale die Berichterstattung dominiere – „ich bin sicher: Unsere Message kam in Berlin an; auch deshalb, weil wir in dieser aufgeheizten Situation noch so viele Leute auf die Straße bekommen haben“, so van Aken. Bis zu 76.000 Menschen hätten sich beteiligt, die Polizei spricht allerdings von nur rund 50.000.

Van Akens Antipode ist Nikolas Hill, Organisator der Demo „Hamburg zeigt Haltung“, die in linken Kreisen auch als zahnlose Senats-Demo belächelt wurde. Eine Polemik, die der ehemalige Kulturstaatsrat scharf zurückweist. Er sei einfacher Bürger, sagt Hill, nicht der verlängerte Arm des Senats.

Hill glaubt, die Botschaften seien überlagert worden

6000 Protestler schlossen sich am Sonnabend dem Aufzug an. Wie van Aken ist auch Hill überzeugt, mit seiner Botschaft durchgedrungen zu sein – „zumindest bei denen, die es interessiert“. Aber natürlich: „Die Bilder der Gewaltexzesse haben vieles überlagert, auch unsere Botschaften“, sagt Hill. „Und doch konnten wir zeigen, dass es möglich ist, auf konstruktive, entschlossene und friedliche Weise gegenüber den autokratischen Teilnehmern des Gipfels für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und eine offene, pluralistische Gesellschaft zu demonstrieren.“

Eine Woche vor dem Gipfel belegte das auch die „G20-Protestwelle“, ein Zusammenschluss kirchlicher, gesellschaftlicher und gewerkschaftlicher Akteure. Rund 20.000 Menschen gingen nach Angaben des Veranstalters für Klimaschutz, fairen Welthandel und eine humane Flüchtlingspolitik auf die Straße. Auf der Binnenalster waren mehr als 100 Boote mit Anti-G20-Transparenten unterwegs. „Unser Entschluss, schon am 2. Juli loszuziehen, war richtig“, sagt Svenja Koch, Sprecherin des Mitveranstalters Campact. „So haben wir verhindert, dass unsere Forderungen in der Sicherheitsdebatte untergehen.“

Kritisch sieht allerdings das Netzwerk Attac die zeitliche Distanz zum Gipfelgeschehen. „Es ist wichtig, seinen Protest vor Ort auszudrücken, dann, wenn die Adressaten da sind“, sagt Sprecherin Frauke Distelrath. „Wenn wir aus Sorge darüber, dass unsere Protestformen untergehen könnten, Randalierern das Feld überließen, würden wir unsere Sache verraten.“

Die SPD im Bezirk Mitte überlegt, dem Gängeviertel wegen einer Solidaritätserklärung zur Roten Flora den Geldhahn zuzudrehen. Finden Sie das richtig?

Attac hat ebenfalls beim G20-Protest mitgemischt. An der Aktion, mit einem orangen Block in die Demo-Verbotszone einzudringen und aus Protest gegen Intransparenz Fenster einer Bank mit abwaschbarer Farbe zu beschmieren, gab es heftige Kritik. Aber von Randale waren die Demonstranten von Attac weit entfernt. Ab Sonnabend aber habe sich alles nur noch um das Thema Gewalt gedreht, sagt Distelrath: „Natürlich hätten wir uns einen anderen Verlauf gewünscht.“

Wer hätte das nicht?