Hamburg

„Der Tod von Polizisten und Bürgern war anscheinend sogar gewünscht“

Steinwürfe, Pfefferspray, Feuer: So viel Gewalt hat Marco Herrmann noch nie erlebt. In einem bewegenden Brief beschreibt er seinen 57-stündigen Einsatz beim G20-Gipfel

Liebes Hamburger Abendblatt,

ich habe gestern euren Facebook-Post gelesen. Eure Anteilnahme, eure Genesungswünsche und auch die Danksagungen haben mich tief berührt. Ich bin Polizeibeamter der 2. Einsatzhundertschaft Hamburg. Ich möchte euch kurz schildern, wie ich den G20-Gipfel erlebt habe. Ich bin 32 Jahre alt und nun seit fast zehn Jahren in der Landesbereitschaftspolizei. Ich habe bereits einige große Einsätze wie den G8-Gipfel in Heiligendamm 2007, den Nato-Gipfel in Kehl, diverse 1.-Mai-Einsätze in Hamburg und Berlin sowie den 21.12.2013 miterlebt. Diese Einsätze haben mich sehr geprägt und mich auch gewiss ein wenig auf das vorbereitet, was wir zu erwarten gedachten. Dass dies nicht einmal ansatzweise stimmt, brauche ich eigentlich nicht näher ausführen.

Meine Einheit, die DE 32, war seit Donnerstag ununterbrochen im Einsatz, insgesamt 57 Stunden ohne Schlaf. Wir standen in der ersten Reihe, als es darum ging, die Störer der „Welcome to Hell“- Demo im Schach zu halten, wir haben Steine und Flaschen abbekommen, Pfefferspray eingeatmet und wurden mit Zwillen beschossen. Einer meiner Kollegen bekam einen Zwillenschuss ins Schienbein, der hinterließ eine ein Zentimeter tiefe Risswunde. Hätte das Geschoss den Halsbereich getroffen, wäre der Kollege schwerstverletzt worden oder vielleicht auch nicht mehr am Leben. Wir haben bis an unsere Belastungsgrenzen und darüber hinaus gekämpft, und einige meiner Kollegen sind vor Schwäche zusammengebrochen. Aber sie haben sich behandeln lassen, sich an den Tropf gelegt, ein paar Stunden geruht und haben sich dann wieder einsatzbereit gemeldet. Wir sind täglich mehr als 15 Kilometer zu Fuß, im Vollschutz (circa 20 Kilogramm), durch Hamburg gelatscht, teilweise gesprintet, haben räumen müssen und sind Attacken geritten, um die Störer zurückzudrängen. Wir haben giftige Dämpfe von Barrikaden und brennenden Fahrzeugen eingeatmet, die hirnlose Gewalttäter in Brand gesteckt hatten. Wir haben brennende Müllcontainer aus Wohneingängen gezerrt, weil die Gefahr bestand, dass die Flammen auf das Wohnhaus übergreifen.

Eine solch sinnlose Spirale der Gewalt habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Der Tod von Polizeibeamten und unbeteiligten Bürgern wurde nicht nur in Kauf genommen, er war anscheinend sogar gewünscht. Diese Dinge waren meine Eindrücke der letzten Tage. Was mich zusätzlich stark getroffen hat, war der Moment, als wir – nach den heftigsten Zerstörungsaktionen, die die Schanze je gesehen hat – das Viertel verließen und noch immer Dutzende Menschen uns mit „Haut ab!“ und „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“ verabschiedeten. Normalerweise nehme ich das nicht persönlich. Ich weiß, dass wir im Schanzenviertel besonders kritisch beurteilt werden, und das ist auch okay. Aber in diesem Moment dachte ich: Wisst ihr was, verteidigt euer Viertel doch selbst. Natürlich war das nur ein kurzer Gedanke, und ich habe weiterhin mit höchstmöglicher Motivation und den letzten Kräften für den Rechtsstaat und das Eigentum der Bürger gekämpft.

Meine Einheit ist auch nur zum Duschen in die Unterkunft gefahren, hat sich frische Kleidung angezogen und maximal 90 Minuten geruht. Mir wäre nach 24 Stunden ohne Schlaf und Dauereinsatz eine Wand, an die ich mich anlehnen kann, oder ein Fußboden völlig ausreichend gewesen, da es bei der kurzen Erholungsphase wirklich egal ist, wo und wie man „schläft“. Wir haben das drei Nächte in Folge so gemacht. Ich bin froh, dass die Kollegen meiner Dienststelle keine schwereren Verletzungen zu verzeichnen hatten und dass insbesondere die Füße, der Körper, aber auch die Psyche sich wieder von diesem Einsatz erholen. (...)

Was ich aber besonders bemerkenswert fand, war die Wertschätzung, die uns seit Sonntag zuteil wird. Die Leute kommen zu uns und drücken uns ihren Dank aus. Wir stehen noch im Einsatz an der Kasse bei McDonald’s, und man möchte unsere Rechnung bezahlen. Sie versorgen uns mit Getränken und Snacks, wenn es uns nicht möglich war zu pausieren. Ein Streifenwagen fährt durchs Schulterblatt, und die Leute klatschen Standing Ovations. Dass so etwas gerade im Schanzenviertel passiert, hätte ich nie geglaubt. Und dann ist da eine Frau, die dazu aufruft, die Schanze aufzuräumen, und mehrere Tausend Menschen beteiligen sich daran. Einfach nur großartig. So traurig die Ereignisse an diesem Wochenende gewesen sind, ich habe das Gefühl, dass die Menschen und ihre Polizei ein Stück weit näher zusammengerückt sind. Ich hoffe, dies hält eine Weile an.

Vielen Dank noch einmal für eure Danksagung, eure Anteilnahme und dass ihr das für uns tut. Auch ihr habt mir wieder bewusst gemacht, warum ich Polizist geworden bin.

Liebe Grüße

Marco Herrmann

2. Einsatzhundertschaft der

Bereitschaftspolizei Hamburg