Hamburg

Ein Forschungszentrum für Hamburgs Schüler

In Werkstätten und Laboren können bis zu 100 Kinder und Jugendliche gleichzeitig an eigenen Projekten arbeiten. Mittwoch ist Eröffnung

Hamburg. Aus dem Lautsprecher kommt nur ein Fiepen, doch für Thies Heermann ist das ein Erfolgserlebnis – sein Mini-Synthesizer funktioniert. Um Töne zu erzeugen, braucht der Zehnjährige nur eine Handvoll Transistoren, Kondensatoren und Widerstände. Auf eine Platine gelötet und mit einer kleinen Batterie verbunden, produziert diese Schaltung elektrische Schwingungen, die ein Verstärker zu hörbaren Klängen macht. „Es macht mir einfach Spaß, so etwas zu basteln“, sagt der Schüler von der Stadtteilschule Winterhude.

„Und hast du dabei auch schon etwas gelernt?“

„Na, ja“, sagt Thies und grinst. „Auf Anhieb funktioniert das mit der Elektronik fast nie. Aber dann durchschaut man es langsam.“

Um Technik und Naturwissenschaften durch eigene Tüfteleien besser zu verstehen, bekommen Hamburger Jugendliche und Kinder wie Thies nun einen neuen Raum: Am Mittwoch wird an der Grindelallee 117 das Schülerforschungszentrum Hamburg (SFZ) eröffnet, die erste Einrichtung dieser Art in Norddeutschland. Im gleichen Gebäude ist in den oberen Stockwerken auch der Fachbereich Chemie der Universität Hamburg untergebracht.

Der Umbau des Erdgeschosses, wo sich zuvor ein Kaffeegeschäft befand, dauerte rund ein Jahr. Bisher stehen in den Räumen erst Stühle, Tische, Werkbänke und einige Instrumente. Doch in den kommenden Wochen soll dort das komplette Forschungsinventar aufgebaut werden, von Bohrmaschinen, Fräsen und Sägen über Lichtmikroskope bis hin zu einem Atomabsorptionsspektrometer, das zum Beispiel kleinste Konzentrationen von Quecksilber in Flüssigkeiten nachweisen kann. Dieses etwa für Umweltanalysen geeignete Instrument stiftete die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW).

Laser und andere sehr teure Geräte wie Elektronenmikroskope wird es am SFZ zwar bis auf Weiteres nicht geben. Angedacht ist aber, bei entsprechenden Interessen von Schülern mit Hamburger Hochschulen zu kooperieren, die solche Instrumente besitzen.

4,8 Millionen Euro für Umbau und Betrieb

Eine kleine Gruppe von Schülern, unter ihnen Thies Heermann, durfte bereits vor der Eröffnung am SFZ experimentieren. Nach den Sommerferien können auf 600 Quadratmetern Nutzfläche bis zu 100 Schüler gleichzeitig forschen. In einem Schuljahr ließen sich bis zu 500 Schüler betreuen, sagt SFZ-Geschäftsführer Thomas Garl. „Mit Blick auf Musik und Sport gilt es hierzulande und auch in Hamburg als selbstverständlich, interessierte und talentierte Kinder und Jugendliche zu fördern“, sagt Garl. „Ein Freizeitangebot mit einer Förderung in den MINT-Fächern, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik, gab es bisher in Hamburg nicht. Diese Lücke füllen wir nun.“ Besonders stolz ist Garl auf das Bio- und Chemie­labor des SFZ mit 22 Plätzen.

Finanziert wird das Schülerforschungszentrum von fünf Partnern: Universität Hamburg, Joachim Herz Stiftung, Körber-Stiftung und der Arbeitgeberverband Nordmetall steuern 4,8 Millionen Euro für Umbau, Erstausstattung und Betrieb in den kommenden zehn Jahren bei; die Schulbehörde bezahlt zwei Stellen, die auf zehn Lehrer aufgeteilt sind. Sie werden die Projekte betreuen. Hinzu kommt ein Lehrer, der in Teilzeit am SFZ arbeitet und aus Mitteln für den Ausbau der Informatik in Hamburg bezahlt wird.

Bildungssenator Ties Rabe (SPD) hofft, dass mittelfristig jede Hamburger Schule einige ihrer Schüler in das Zen­trum schicken wird. Zudem soll die Einrichtung ein Lehr-Lern-Labor für angehende Lehrer werden.

An den kostenlosen Experimenten teilnehmen können grundsätzlich alle Hamburger Schüler ab der fünften Klasse, wobei Ausnahmen für jüngere Schüler – siehe Thies Heermann – möglich seien, sagt Geschäftsführer Thomas Garl. „Man muss kein Zeugnis vorweisen und keine Eins in Physik oder in Mathe haben, um hier dabei zu sein“, sagt Matthias Mayer von der Körber-Stiftung. Wer Interesse hat, kann im SFZ vorbeikommen, dort anrufen oder eine E-Mail schreiben; auch Lehrer können sich für ihre Schüler erkundigen.

Vorgesehen sind vorerst zwei Angebote. Erstens: Die Schüler können selbstständig an eigenen Forschungsprojekten arbeiten. Das macht Sinn für jene, die schon eine konkrete Idee haben und sich gut mit der nötigen Technik auskennen. Möglich sein wird dies zu den regulären Öffnungszeiten des SFZ von Montag bis Freitag (außer Mittwoch) von 15 bis 19 Uhr und am Sonnabend von 10 bis 14 Uhr.

Auch in den Schulferien soll es Angebote geben

Zweitens wird es eine Vielzahl von einführenden Kursen geben. Zu den Themen zählen etwa „Farbstoffe selber herstellen“, „Untersuchung von Mikroplastik am Elbstrand und im Labor“, „Lebensraum Boden“, „Gesteine kennenlernen“, „Einstieg in Elektronik und Löten“, „Sensoren im Handy verstehen und nutzen“, „Kettenreaktion“, „Modellieren und Simulieren“. Die Forscherkurse sollen montags, mittwochs und donnerstags jeweils nachmittags stattfinden.

Geplant sind außerdem Angebote in den Schulferien und vormittags. Im Unterschied zu den regulären Angeboten könnten dafür allerdings geringe Teilnahmebeiträge fällig werden, sagt Thomas Garl.