Flutschutz

Warum Hamburg alte Deiche verlegen muss

Im benachbarten
Kreetsand wird
der Deich bereits
verlegt

Im benachbarten Kreetsand wird der Deich bereits verlegt

Foto: Klaus Bodig / HA

Es sollen an der Elbe 20 Hektar neues Vorland entstehen – als Ausgleich für Dammerhöhungen. Ziel: mehr Flutschutz und Artenvielfalt.

Hamburg.  Es ist ein Großprojekt, das voraussichtlich bis 2050 laufen und mehr als eine halbe Milliarde Euro kosten wird: Hamburg erhöht auf 78 Kilometern Länge seine Deiche um mindestens 80 Zentimeter. Aber damit allein ist es noch nicht getan. Weil zur Deichverstärkung viele unversiegelte Flächen genutzt werden, verlangt das Bundesnaturschutzgesetz einen umfassenden Ausgleich.

Der Senat hat zuletzt intensiv geprüft, wo dies möglich ist – und sich am Dienstag in seiner Sitzung festgelegt: Im Wilhelmsburger Osten soll der Deich in Ellerholz zwischen Goetjensort und der Straße Bauernstegel so weit zurückverlegt werden, dass 20 Hektar „ökologisch wertvolles Deichvorland“ gewonnen werden.

„Rückdeichung“

Das Vorhaben, das 120 Millionen Euro kosten soll, würde dazu führen, dass das neuen Deichvorland an die Tideelbe angeschlossen werden würde. Mit dieser einen umfassenden Maßnahme wird laut Senat ein Ausgleich für alle geplanten Hamburger Deicherhöhungen geschaffen, sodass keine weiteren Rückverlegungen nötig sind. Zunächst soll das Ganze „planerisch vorbereitet“ werden. Vor 2020 könne man nicht mit den Arbeiten beginnen.

„Wir erreichen mit dieser Maßnahme zwei wichtige Ziele auf einmal: besseren Hochwasserschutz und eine natürliche Flusslandschaft“, sagt Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne). „Die Tideelbe ist ein einzigartiger Lebensraum. Welche Metropole hat das schon? Watt in der Stadt.“

Ganz einfach wird die Umsetzung aber nicht

Die Deichsicherheit bleibe „zu jedem Zeitpunkt der Baumaßnahmen gewährleistet – auch bei einer Sturmflut“, so Kerstan zum Abendblatt. „Die alte Deichlinie wird erst dann zurückgenommen werden, wenn der neue Deich sich gesetzt hat und standsicher ist. Die Deiche in Ellerholz würden nachher sogar höher und sicherer sein als bisher.“ Ganz einfach wird die Umsetzung der nun vom Senat beschlossenen Maßnahme an der Norderelbe aber nicht.

Zwar sind keine Wohngebäude betroffen, aber das Gebiet gehört nicht ausschließlich der Stadt. „Große Flächenanteile, die zwingend für die Rückverlegung benötigt werden, befinden sich zu gleichen Teilen im Miteigentum der Freien und Hansestadt Hamburg (FHH) und des Sielverbandes Moorwerder“, heißt es in der Senatsdrucksache, die dem Abendblatt vorliegt. „Die rechtlichen Möglichkeiten zur Regelung der Eigentumsverhältnisse sind vorrangig zu klären.“ Immerhin seien „neben diesen Flächen keine weiteren Flächen in anderweitigem Privateigentum betroffen“, so die Drucksache.

Deichverlegung in Schweenssand verworfen

Eine zunächst erwogene Deichverlegung in Schweenssand an der Süderelbe hat man verworfen – weil dort sehr viele Privateigentümer betroffen und die Verhandlungen kompliziert gewesen wären. In Ellerholz hat man es zwar nur mit einem anderen Eigentümer zu tun, „finanzielle und terminliche Unsicherheiten“ gibt es laut Senat aber auch hier. Nach einem Gutachten des Landesbetriebs Straßen, Brücken und Gewässer (LSBG) sind nicht nur die Kosten mit 120 Millionen Euro so hoch, dass sie „nicht durch die bisher veranschlagten Investitionskosten abgedeckt werden“. Auch verlängern sich die „Planungs- und Realisierungszeiträume“ gegenüber den bisherigen Annahmen.

Vor Beginn der Planfeststellung müsse „konkrete Gewissheit bestehen, dass die ihrerseits zulassungs- bedürftige Kompensationsmaßnahme auch die rechtlichen Hürden einer Zulassung überschreiten wird“, heißt es in der Drucksache. „Die Umsetzung der Deichverstärkungen bedarf somit des sofortigen Planungsbeginns der Deichrückverlegung Ellerholz. Die vorbereitenden Planungsarbeiten sind daher unverzüglich aufzunehmen.“

Erhebliche Planungsrisiken

Unklar ist auch, wie stark das Gebiet mit Schadstoffen belastet ist. „Im Zeitraum von 1934 bis 1940 wurde der Bereich Ellerholz mit Spülsanden und Spülschlicken aus Elbe und Hafen um ca. 2,5 bis 4,5 Meter aufgehöht“, heißt es in der Senatsdrucksache. „Auf einer Teilfläche erfolgte zwischen 1958 und 1961 eine weitere Aufhöhung mit ähnlichem Spülfeldaufbau auf ca. 6 Meter. Aufgrund der noch zu untersuchenden Bodenbelastungen und der Baugrundsituation des Altspülfeldes bestehen erhebliche finanzielle und zeitliche Planungsrisiken. Diese können durch einen zeitnahen Beginn der Untersuchungen minimiert werden.“ Als Referenzprojekt gilt die schon laufende Deichrückverlegung in Kreetsand.