Sport

Auf dem Sofa sitzen und doch voll im Rennen

Michael Wiese läuft virtuell. Nach einem unglücklichen Sportunfall ist er querschnittsgelähmt

Michael Wiese läuft virtuell. Nach einem unglücklichen Sportunfall ist er querschnittsgelähmt

Foto: Jung von Matt / Sports

Michael Wiese ist inkomplett querschnittgelähmt. Dank moderner Technik kann der Freizeitsportler trotzdem auf die Strecke gehen.

Hamburg. Und plötzlich waren da Schafe. „He, Moritz, pass auf!“, ruft Michael Wiese. „Nicht dass euch die Viecher noch vor die Füße laufen!“ Er beugt sich nach vorn, zeigt nach rechts, wo sich die Tiere auf dem Bürgersteig anrempeln beim Versuch, nicht mit den Menschen auf der Straße zu kollidieren. Dann schiebt er für einen kurzen Moment die Brille hoch auf die Stirn, guckt in Richtung Techniker und sagt mit einem Grinsen im Gesicht: „Jetzt habe ich für einen Moment wirklich geglaubt, ich bin mittendrin.“

Experiment geglückt, kann man da nur sagen. Tatsächlich saß Wiese bei dieser Szene vor einigen Wochen zu Hause in seinem Wohnzimmer auf der Couch, eine Art Monsterbrille vor den Augen, die ihn mit Bild und Ton ziemlich realistisch an einem Geschehen teilnehmen ließ, das zeitgleich mehr als 800 Kilometer von Hamburg entfernt im Süden der Republik passierte.

Dort lief mit Moritz auf der Heide (39) einer der erfolgreichsten deutschen Langstrecken- und Ultraläufer beim Rennen „Wings for Life“ 30 Kilometer am Fuße der Alpen entlang durch das Münchner Umland – per 360-Grad-Kamera und Mikrofon nonstop mit dem Mann in der Hansestadt verbunden. Virtual Reality heißt die Technik. Um die ausgebüxten Vierbeiner hatte er, real, natürlich einen großen Bogen gemacht.

Aus dem Laufexperiment wurde ein Mutmachfilm

Dass bei dem internationalen Laufevent, bei dem 155.288 Läufer in 58 Ländern gleichzeitig an den Start gehen, ein sitzender Mann dank einer ungewöhnlichen Technik denken und fühlen konnte, er sei dabei gewesen, hat einen besonderen Grund: Michael Wiese (43) ist querschnittsgelähmt, und das Charity-Rennen „Wings for life“ findet zugunsten dieser Menschen und der Bekämpfung ihrer Erkrankung statt. Die Idee zu der Aktion, aus der am Ende ein zweieinhalb Minuten langer, Mut machender Film geschnitten wurde, hatte die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt/Sports mit ihren fußballaffinen Geschäftsführern Katja Kraus und Christoph Metzelder sowie JvM-Manager Raphael Brinkert – stets auf der Suche nach der besonderen sportlichen Herausforderung in Sachen Marketing.

„Eine tolle Technik“, sagt Wiese und versucht sich etwas bequemer auf dem Bett hinzusetzen. Das Rückenteil ist fast senkrecht gestellt; eigentlich war das Treffen im siebten Stock des Hamburger Rehacentrums Bad Bramstedt in der Kantine angedacht, doch der Weg hinauf mit dem Rollator war dem ehemaligen Extremsportler an diesem Tag zu anstrengend. „Außerdem lässt es sich im Bett sitzend besser plaudern.“

Querschnittsgelähmt also, genauer gesagt inkomplett, wie es in der Fachsprache heißt. Die etwas weniger bösartige Variante der Ganzkörperlähmung. Bei dieser Teilschädigung des Rückenmarks sind nicht alle Nervenbahnen betroffen. Sofern noch ein kleiner Teil der Nervenzellen intakt ist und abhängig von der Schwere der Verletzung können auch gelähmte Gliedmaßen neue Bewegungen lernen. Notwendig ist dafür ein langwieriges, krankengymnastisches Trainingsprogramm. Allerdings: Was nach zwei Jahren an Beeinträchtigungen bleibt, so die Erfahrung, bleibt für den Rest des Lebens.

Wiese, ein schlanker Mann, trägt im Krankenhaus überwiegend Jogginghose und Poloshirt. Am linken Unterschenkel sitzt eine Manschette mit einem Impulsgeber. Sie hilft ihm, das Bein zum Gehen zu motivieren. Die Nervenverbindung funktioniert nicht mehr. Deshalb muss der Reiz zum Fußheben von außen kommen. Die linke Schulter, der Oberarm sind ohne Muskelkraft, die Hand kann er nur langsam bewegen, die Finger mühsam strecken und beugen. „Das ist keine Zeitlupe“, sagt er und lacht, als habe er einen besonders guten Witz gemacht. „Es geht nicht schneller.“

Sein Zustand sei ähnlich wie der eines Schlaganfall-Patienten, erzählt er dann. Die rechte Körperseite funktioniere wieder ganz gut, die linke sei ausbaufähig. Vom Hals abwärts habe er kein Temperaturempfinden mehr. „Da heißt es aufpassen beim Duschen. Verbrühungen sind unschön.“ Der Rollator steht in Griffweite. Zur Toilette kann er allein gehen. Um sich hinzustellen, hebt er das linke Bein aus dem Bett und stellt es auf den Boden. Der Gang ist schleppend. „Ganz schön dynamisch, was“, sagt er, als er zurückkommt. Die Botschaft kommt an: Humor, eine ordentliche Portion Ironie und der unbedingte Glaube an eine bessere Zukunft sind die mentalen Bestandteile der Bewältigungsstrategie dieses Mannes.

Nach dem Aufprall war ihm klar: querschnittgelähmt

Passiert ist das Drama vor elf Monaten, genauer gesagt am 11. Juni. 2016. Damals war der Versicherungskaufmann ein kraftstrotzender Sport-Junkie, der Triathlon und Marathon als Herausforderung liebte, dem kein Berg zu hoch, keine Piste zu steil und kein Wasser zu tief war. Wie immer in den vorangegangenen zehn Jahren war er mit seinen Freunden Steffen und Thomas beim Shutterstock Agency Cup eingeladen, einem Spaß-Fußballturnier, veranstaltet von der Werbewirtschaft. Austragungsort war das niederländische Het Meerdal.

Weil Wiese mit seinem Team von der Agentur „Zum Goldenen Hirschen“ bereits ausgeschieden war, stand er mit seinen Freunden neben dem Platz herum. „Dritte Halbzeit, eben.“ Plötzlich rollte ihnen ein etwa 2,60 Meter großer Werbeball entgegen. „Wie Welpen haben wir uns darauf gestürzt.“

Reiz, Reaktion. Wiese, der Mittelmann, ist zuerst da, er hebt ab, setzt schwungvoll zum Kopfstoß an, es blitzt in seinen Augen, daran erinnert er sich noch, dann bricht er regungslos zusammen. Als er wieder zu sich kommt, liegt er mit der rechten Seite auf dem Boden.

„Ich konnte jeden Grashalm sehen, roch die Erde, aber ich fühlte meinen Körper nicht mehr.“ Der Ball, den alle für ein Leichtgewicht gehalten hatten, bestand aus stabilem Material. Als die Freunde ihn besorgt fragen, was ihm wehtue, antwortet er: „Helft mir, ich bin querschnittsgelähmt. Ich brauche Sanitäter.“ Die kommen schnell, legen ihm eine Halskrause an, er wird mit dem Rettungswagen ins benachbarte Nimwegen in die Uni-Klinik gefahren.

Bei der Untersuchung stellen die Ärzte fest, dass er sich den dritten und vierten Halswirbel gebrochen hat. Kopf und Hals werden mit einem Halo-Fixateur verschraubt. Nach einer Woche auf der Intensivstation wird er nach Hamburg ins Unfallkrankenhaus Boberg geflogen. Dort erfolgt eine zweite Diagnose: Die Bandscheibe hat sich ins Rückenmark gequetscht. „Dort gehört sie aber nicht hin.“ Er wird erneut operiert, die Bandscheibe herausgeholt.

Michael Wiese hat das Glück, ein soziales Umfeld zu haben, das sich seit dem Unfall vorbildlich und liebevoll um ihn kümmert. Die Freunde, seine Schwester, die Eltern, sie wechseln sich ab, um dem ungeduldigen Kranken beim Weg zurück zu mehr Mobilität und Eigenständigkeit zu helfen. Sechs Monate war er in Boberg, drei Monate in einer neurologischen Klinik in Berlin-Belitz, dazwischen hat er beim Warten auf einen Therapieplatz mal drei Wochen im behindertengerecht ausgestatteten Hotel Side gewohnt. Nie war er allein.

Sogar Geld haben sie für ihn gesammelt. Beim USC Paloma, wo er Mitglied ist, kamen durch die Aktion „Make Michi Move“ fast 50.000 Euro zusammen. Seine Freunde starteten nur 48 Stunden nach dem Unfall eine Crowdfunding-Plattform.

Dass er in seinem Zustand unglaubliche Zuversicht ausstrahlt, habe er seinem Naturell zu verdanken, sagt Wiese. „Ich bin ein Kämpfer.“ In den ersten Wochen und Monaten wurde er von den Ärzten mit Tabletten in einen Zustand versetzt, in dem er seine Lähmung positiv als „Kokon“ empfand. „Ließ die Wirkung nach, fühlte ich mich wie in einem Eisenpanzer gefangen.“

Dennoch schaffte er es immer wieder, die dunklen Momente in Schach zu halten. Kürzlich hat ihn sein Chef von der Allianz-Versicherung besucht. Er nahm ihm die Angst vor der Zukunft. Man finde einen adäquaten Job für ihn, versprach er. Außendienst ist mutmaßlich nicht mehr möglich. „Lass dir Zeit.“

Seit März ist er nun im Rehacen­trum, quält sich Tag für Tag im Fitnesscenter. In seine Wohnung wird er nicht mehr zurückkehren. Wenn die Behandlung abgeschlossen ist, zieht er in einen inklusiven Wohnkomplex. „Alte, Junge, Familien, Single. Ich bin für die Behinderung zuständig.“ Nur für den Virtual Reality-Lauf war er für einen Tag noch einmal in die alte Wohnung zurückgekehrt. Die Kameras, Stative und die dazugehörigen Techniker wollte man keiner öffentlichen Herberge zumuten.

In München war die Aktion für die Filmcrew, aber auch für Moritz auf der Heide eine ziemliche Herausforderung. Weil sich der Stick mit der Kamera als zu schwer herausstellte, lief auf der Heide nur die ersten drei Kilometer damit. Danach begleitete den Läufer ein Segway, auf dem eine größere, 360 Grad-Kamera befestigt war.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass so ein Erlebnis für Querschnittsgelähmte total motivierend ist“, sagt Wiese. Mitlaufen, auch wenn die eigenen Beine nicht mehr gehorchen. Er selbst hat sich längst ein neues Ziel gesetzt.

Nachdem ihn von der Heide im Krankenhaus besucht hat, vorher kannten sich die Männer nicht persönlich, haben sie beschlossen, dass Wiese beim nächsten Rennen versucht, die ersten 500 Meter mitzulaufen. „Diese Herausforderung spornt mich an, noch mehr an mir zu arbeiten“, sagt er. „Es gibt keine Prognose von den Ärzten, was ich noch schaffen kann. Also gibt es für mich keine Grenzen.“ So etwas nennt man unbedingten Lebensmut.