Theaterpremiere

Hauptmanns "Weber" bildgewaltig inszeniert

Matthias Leja und Victoria Trauttmansdorff in Kornél Mundruczós Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Stück "Die Weber" am Thalia Theater

Matthias Leja und Victoria Trauttmansdorff in Kornél Mundruczós Inszenierung von Gerhart Hauptmanns Stück "Die Weber" am Thalia Theater

Foto: Krafft Angerer / dpa

Regisseur Kornél Mundruczó scheint dem Text des Stücks eher zu misstrauen und setzt umso mehr auf optische Effekte.

Hamburg. Die Maschinen rattern, es dampft und gurgelt in schummrigem Licht, das durch einen Sprühventilator noch weiter eingenebelt wird. Kinder schuften hier an Nähmaschinen, Mutter Baumert, gespielt von der wundervollen Victoria Trauttmansdorff, schlägt eine nasse Hose aus, bis ihr geschundener Körper nicht mehr will. „Die Weber“ von Gerhart Hauptmann ist unerbittlicher, sozialrealistischer Milieustoff, in der der Autor des Naturalismus den historischen Weberaufstand von 1844 verarbeitet hat.

Es zeigt sich früh, dass der ungarische Regisseur Kornél Mundruczó in der letzten Premiere der Saison im Thalia Theater als Teil des Festivals Theater der Welt 2017 dem Text eher misstraut. Einige Brocken, der um Texte von Kata Weber ergänzten intensiv gestrichenen Fassung in sperrigem Schlesisch gehen da über die Bühne, werden sogar teilweise übertitelt, ansonsten lässt er den Zuschauer eintauchen in Bilder.

Die sind mal stark, mal weniger stark, mal unnötig ausgewalzt, mal grob verkürzt. Ein durchaus interessanter Ansatz des Regisseurs, um diesem Stoff beizukommen, der jedoch nur teilweise aufgeht. Schon in seinen Kapitelüberschriften und einem kurzen Film lässt er überdies durchblicken, dass er ja nicht nur Regisseur – einer der derzeit gefragtesten in Europa – sondern auch Filmemacher ist, der soeben bei den internationalen Filmfestspielen in Cannes sein neues Werk „Jupiter’s Moon“ präsentiert hat.

Zu Abbas Song "Eagle" wird der Haushund filettiert

Sein Blick auf das unterprivilegierte Arbeiterprekariat geht zurück in die Vergangenheit, „das alte Europa“. Dazu dudelt ABBAs „Eagle“ aus dem Lautsprecher. Familienvater Baumert (Matthias Leja) schlurft in Trainingshose durch sein zugemülltes Arbeiterloch und nimmt seine Frau (Marie Löcker) im Vorbeigehen hart ran. Der Kühlschrank ist mal wieder leer, da muss eben der gutmütige Hund dran glauben. Der „beste Freund des Menschen“ landet filettiert auf dem Abendbrottisch.

Die „da oben“ wiederum flimmern zunächst als Film über den oberen Teil der grandios verschwenderisch ausgestatteten zweigeteilten Bühne von Márton Agh. Auf dem Glastisch des Concept Stores von Hosenfabrikant Dreissiger, bärbeißig gespielt von Bernd Grawert, landet ein entkräfteter Arbeiterjunge. Die Laune wird nicht besser dadurch, dass der geforderte Champagner nicht ausreichend perlt. Dreissiger kann noch so lamentieren, dass er neue Leute einstellen will, in Wirklichkeit wird er die Löhne kürzen. Jörg Pohl darf als aufsässiger junger Weber Moritz Bäcker ein paar markige Sätze absondern. Seine Revolte wird dann, unterstützt von den zahlreich aufspielenden Weberkindern, in allerlei Getrommel Ausdruck finden, das hier das so genannte „Lied vom Blutgericht, das Trutzlied der Weber, ersetzt.

Regisseur Mundruczó setzt vor allem bildhafte Schlaglichter

Je weiter der Abend voranschreitet, um so deutlicher wird, dass Mundruczó hier mit einem von 50 auf zehn reduzierten Personal und gewaltig entkernten Szenen vor allem bildhafte Schlaglichter setzt. Da wird Oliver Mallison als überheblicher Kunde im nun toll auf der oberen Bühne sich materialisierenden Concept Store samt Marmorsäulen und Lichtobjekten von einer Horde Weberkinder bedient. Am Ende fallen sie über ihn her und man fühlt sich angesichts ihrer Unerbittlichkeit an den Horror eines Regisseurs wie Michael Haneke („Funny Games“) erinnert.

Die hilflosen Versuche Dreissigers und seiner Frau, wiederum mit vollem Körpereinsatz gespielt von Marie Löcker, ihre Preziosen in allerlei Körperöffnungen in Sicherheit zu bringen, werden jäh unterbrochen. Die Familie flieht überstürzt, als die ersten Steine des Weberaufstandes durchs Fenster prasseln. Das Schlussbild gehört mit zum besten des Abends: höchst eindrucksvoll lässt Mundruczó das monumentale Bühnenbild zusammenkrachen, holt die Lüster von der Decke und stürzt die Glasvitrinen um. Der globale Kapitalismus in seinem Endzustand.

Viel Zuspruch, aber auch einige beherzte Buhs für "Die Weber"

Auch wenn viele Szenen, gerade jene mit den erstaunlich sicheren Kindern und Jugendlichen berühren, der Transfer der Arbeitswelt des „alten Europa“ in die gegenwärtige, globalisierte Konsumwelt bleibt eindimensional. Mundruczó erzählt weder von den Folgen der Industrialisierung, die die Heimwirtschaft der Weber zerstörte und ihre Armut beförderte, noch erwähnt er die aktuellen Auswüchse der globalisierten Textilwirtschaft mit ihren zu Dumpinglöhnen und Gefahr für Leib und Leben produzierenden Dritte-Welt-Ländern. Seine Bilder bleiben mal durchaus gelungene, mal weniger geglückte Assoziationsflächen. Offenbar konnte Mundruczó, der sonst eigene Stoffe oder Romanadaptionen in Szene setzt, mit Hauptmann nicht viel anfangen. Und so setzt er auf den Hauptmannschen Naturalismus mit seiner direkten Bildsprache noch einen drauf.

Der Ungar ist in Hamburg ja beileibe kein Unbekannter und durchaus einer der derzeit interessantesten Regisseure auf der Suche nach neuen Theaterformen. 2009 zeigte er „Das Judasevangelium“, 2011 „Die Zeit der Besessenen“ in der Gaußstraße, was eher ein Liebhaberstück für Eingeweihte blieb.

Die Erwartungshaltung einiger Zuschauer war auch bei den „Webern“ wohl eine andere, Festivalpremiere hin oder her. Während die einen den ungewohnten Zugriff mit viel Zuspruch bedachten, mischten die anderen in den Regieapplaus einige beherzte Buhs.

Die Weber 13. Bis 15.6., jew. 20.00, 9.7., 19.00, Thalia Theater, Alstertor, Karten 10,- bis 52,- unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de