Hamburg

Warum ein Unternehmer als Parkplatzwächter jobben muss

Detlev Zeitsmann bei seinem Job als Unternehmer: Er verkauft in Barmbek-Nord in dem Laden "Was das Herz begehrt" ungewöhnliche Kuchen-Kreationen

Detlev Zeitsmann bei seinem Job als Unternehmer: Er verkauft in Barmbek-Nord in dem Laden "Was das Herz begehrt" ungewöhnliche Kuchen-Kreationen

Foto: Michael Rauhe

Konditor Detlev Zeitsmann hat sich den Traum von der eigenen Firma erfüllt. Aber leisten kann er sich die nur durch einen Nebenjob.

Hamburg. Neben dem Bett liegt jede Nacht sein Telefon, ein Apple iPhone 6, schwarz. Er hat den Wecker auf 4.30 Uhr eingestellt, will früh raus, wie jeden Tag. Sonst versäumt er zu viel, findet er. Sein Weckton ist der gleiche wie sein Klingelton. Und irgendwie so etwas wie ein Lebensmotto. Es ist ein Lied aus dem Dschungelbuch. „Probier’s mal mit Gemütlichkeit.“

Meistens aber bleibt das Handy um 4.30 Uhr stumm. Kein Wecker geht an, kein Lied ertönt. Denn Detlev Zeitsmann wird allein wach, um 4 Uhr meistens schon. Er will noch in den Laden, bevor er zur Arbeit fährt. Die Bestellungen durchgucken, ein paar Vorbereitungen treffen, Anweisungen für seine Mitarbeiter hinterlassen. Damit alles läuft, wenn er nicht da ist. Wenn er den Laden – seinen Laden – den Angestellten überlässt. Um zur Arbeit zu fahren. Seiner anderen Arbeit.

Unternehmer mit Nebenjob

24 Kilometer sind es. Von seinem Geschäft an der Fuhlsbüttler Straße über die Kollaustraße nach Pinneberg. Von „Was das Herz begehrt“, wo er kunstvolle Cupcakes, Cake-Pops und Motivtorten kreiert, bis zu dem Supermarkt-Parkplatz, auf dem er die Parkscheiben der abgestellten Fahrzeuge kontrolliert. Sechs Stunden lang, täglich. Parkraumüberwachung nennt man das. 24 Kilometer. 45 Minuten Fahrzeit. Von einem Leben zum anderen Leben. Von der Selbstständigkeit zum Angestellten. Von der finanziellen Unsicherheit zur sozialen Absicherung.

Detlev Zeitsmann, 51 Jahre alt, stets mit Radcliff-Lederhut auf dem Kopf, ist Unternehmer mit Nebenjob. Ein Vollerwerbsgründer mit einer weiteren Erwerbstätigkeit. So bezeichnet die Kreditanstalt für Wiederaufbau Menschen wie ihn. Die Volkswirte bei der KfW haben berechnet, dass von allen Vollerwerbsgründern, die sich in den vergangenen drei Jahren selbstständig gemacht haben und noch aktiv sind, zwölf Prozent einer weiteren Erwerbstätigkeit nachgehen. Zwölf Prozent. Das ist fast jeder achte.

Oder, eine andere Zahl: 220.000 Selbstständige. Diese Angabe kommt vom Statistischen Bundesamt. Im Rahmen der Berichterstattung zur „Qualität der Arbeit“ haben 220.000 Selbstständige angegeben, jeweils noch eine weitere Erwerbstätigkeit auszuüben.

Mangelnde Absicherung von Selbstständigen

Die Zahlen variieren, je nach Quelle. Basieren auf unterschiedlichen Befragungen, unterschiedlichen Hochrechnungen. Die Methoden unterscheiden sich so wie die Menschen, die hinter den Zahlen stehen. Detlev Zeitsmann ist einer von ihnen. Konditormeister mit eigenem Geschäft, der jeden Tag vor der Arbeit sechs Stunden lang Parkplätze kontrolliert und Zahlungsaufforderungen hinter die Scheibenwischer der Pkw klemmt. 120 Stunden pro Monat!

Er hat sich selbstständig gemacht, um seinen Traum zu leben. Doch leben, überleben, kann er nicht. Das kann er nur mithilfe eines Nebenjobs, eines Zweitjobs. Dabei geht es nicht nur um ein festes Gehalt, ein sicheres Einkommen. Es geht auch um soziale Absicherung. Die Rente. Die Krankenversicherung. Die Möglichkeit, sich über den Arbeitgeber zu versichern – und in der Regel wesentlich niedrigere Beiträge zu zahlen, als es Selbstständige müssen. Und es geht um die Chance, sich gesetzlich zu versichern und aus der privaten Krankenversicherung herauszukommen.

Karin Schulze Buschoff kennt weder Detlev Zeitsmann noch seine Geschichte, sein Geschäft. Aber sie kennt die Fakten, die Forschung. „Es kommt immer häufiger zu einer Kombination zwischen selbstständiger und abhängiger Tätigkeit“, sagt die Arbeitsmarktexpertin der Hans-Böckler-Stiftung. Der Grund für diese Entwicklung sei die mangelnde Absicherung von Selbstständigen in Deutschland. „Seit Bismarck herrscht bei uns die Vorstellung, dass Selbstständige für sich selbst aufkommen müssen. Das ist jedoch heute vor dem Hintergrund der vielen Soloselbstständigen nicht mehr haltbar“, sagt Karin Schulze Buschoff.

Nachts wird ein Kühlschrank ausgemacht, um Geld zu sparen

„Die Situation ist absurd“, sagt Andreas Lutz, Vorstandsvorsitzender Verband der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD). Es könne und dürfe nicht sein, dass sich Unternehmer nebenberuflich anstellen lassen müssen, um überhaupt selbstständig tätig sein zu können. „Das bindet zeitliche Ressourcen, die die Selbstständigen lieber in ihr eigenes Unternehmen investieren würden, und führt dazu, dass sich immer weniger Menschen selbstständig machen.“

Detlev Zeitsmann, mit brauner Schürze und Hut, sitzt im hinteren Teil seines Ladens an einem kleinen Tisch und sieht die Bestellungen für den heutigen Tag durch. Sein „Büro“ nennt er diesen schmalen Durchgang zwischen dem Verkaufsraum und der Backstube. Sonst führt er hier die Gespräche mit den Kunden, nimmt Bestellungen für Hochzeitstorten oder Geburtstagskuchen entgegen und kreiert neue Kreationen.

Heute nicht. Es fällt ihm schwer, nichts zu tun, einfach nur zu erzählen. Von sich. Von seiner Kindheit in der Nähe von Cuxhaven, wo seine Eltern einen Landgasthof betrieben haben. Wo er schon als Knirps mit anpacken, sich sein erstes Rad verdienen musste. Zwei Wochen hat es gedauert, bis er einen alten Birnenbaum zersägt, das Holz aufgestapelt hatte und als Lohn das Rad bekommen hat. Ein Bonanza, wie es alle hatten. „Aber niemand hat es so vorsichtig behandelt wie ich“, sagt Zeitsmann. „Wenn man schon als Kind für etwas arbeiten muss, weiß man es mehr zu schätzen, als wenn man es geschenkt bekommt.“ Detlev Zeitsmann steht auf, knipst eine Lampe aus. Er sagt, dass ihn die Leute manchmal für geizig halten, wenn er das Licht ausmacht und abends die Lebensmittel in den sieben Kühlschränken umsortiert, sodass er über Nacht einen ausstellen kann. Geld sparen kann.

Aber Geiz? Nein, das ist es nicht. Mehr eine Wertschätzung des Geldes. Als er nach der Lehre als Bäcker von seinem Vater das Geld für einen Mercedes bekommt, kauft er sich stattdessen einen alten, billigen Scirocco und investiert den Rest in einen alten Ofen, eine Teigknetmaschine und eine Brötchenpresse. In einer leer stehenden Garage auf dem Hof seiner Eltern backt er Brötchen, verkauft direkt aus der Backstube heraus. Das Geschäft läuft. Alle reden von seinen Milchbrötchen. Doch Detlev Zeitsmann will mehr.

Mehr vom Leben.

28 Jahre muss das jetzt her sein. Genau weiß er das nicht. Jahre, in denen Zeitsmann um die Welt reiste, in Alaska und Argentinien arbeitete. In denen er auf Wunsch seines Vaters Betriebswirtschaftslehre studierte und den Gasthof der Familie leitete. In denen er Betreiber der Location „Halle 13“ der Hochbahn sowie der Catering-Firma Lokalgold war.

Als seine Frau ihm irgendwann rät, „sich ein Hobby zu suchen“ – sucht er. Und findet, 900 Meter von seiner Wohnung entfernt, ein Geschäft, das verkauft wird. Ein Brötchen-Dienst, der Büros in der Umgebung beliefert. Das Konzept überzeugt ihn nicht. Aber der Laden. Und der Name: „Was das Herz begehrt“. Eine Woche lang überlegt er, rechnet er. Dann steht für ihn fest, dass er das Geschäft übernimmt, für 30.000 Euro – und dort Cupcakes verkauft, die er mal auf einer Messe gesehen hat.

Kuchen-Kugeln in Barmbek? Ein schwieriges Geschäft

Ein Jahr später kommen sogenannte ­Cake-Pops und Cake-Balls dazu, Kuchen-Kugeln auf einem Lolli-Stiel mit ausgefallenen Motiven. Mit Krümelmonstern, Smileys, Schafen, Pinguinen, Pinocchios. Die Idee stammt aus Amerika, Zeitsmann gehört mit zu den Ersten, die so etwas in Hamburg anbieten. Die Menschen bleiben vor seinem Schaufenster stehen und staunen. Aber reinkommen? Kaufen? Das tun nur wenige. „Ist nicht die richtige Gegend für so was“, sagt Zeitsmann. In Eppendorf oder Eimsbüttel, Ottensen oder der Innenstadt könnte das vielleicht funktionieren. Aber hier in Barmbek? Schwierig.

Ein Umzug kommt trotzdem nicht infrage. Unbezahlbar. Hier zahlt er ja schon 2500 Euro Miete, muss jeden Monat rund 10.000 Euro Umsatz machen, damit er seine Kosten decken kann. Mit Kuchen-Kugel-Lollis, die 3,50 Euro kosten und deren Herstellungsprozess sich über zwei Tage hinzieht, ist das kaum zu schaffen. „Schon gar nicht, wenn man 750 Euro für eine private Krankenversicherung zahlen muss“, sagt Zeitsmann.

Es ist keine Wertung, kein Vorwurf. Sondern eine Feststellung. Und irgendwie sein eigenes Verschulden. Bevor er 2012 den Laden übernommen hat, war er ebenfalls selbstständig und hatte eine private Krankenversicherung abgeschlossen. Dass er deren Kosten irgendwann nicht mehr tragen könnte – dann aber auch nicht einfach zurück in die gesetzliche Krankenkasse wechseln könnte –, darüber hat er einfach nicht nachgedacht. Das tut er erst im Jahr 2016, als er einen Ausweg aus der angespannten finanziellen Lage sucht. Als er erfährt, dass er als Angestellter zurück in die Gesetzliche kann – wenn er seine Selbstständigkeit nur nebenbei weiterführt.

Am Tag kontrolliert der Chef 300 geparkte Autos

Doch die Sache ist kompliziert: Denn ob jemand als Unternehmer mit Nebenjob gilt oder als Angestellter, der nebenberuflich selbstständig ist, hängt von vielen Faktoren ab und wird von den Krankenkassen individuell geprüft. Zeitsmann hat Glück gehabt: Er ist wieder angestellt – und auch gesetzlich krankenversichert. Weil er 30 Stunden pro Woche dort arbeitet. Der Nebenjob ist zum Haupterwerb geworden. Der einstige Vollerwerbsgründer zum Nebenerwerbsselbstständigen.

Dass er dafür jeden Tag fünf Supermarktparkplätze anfahren und rund 300 Autos kontrollieren muss, spielt keine Rolle. „Entscheidend ist nicht, was ich mache. Sondern was es mir bringt. Und das ist viel“, sagt Zeitsmann entschieden. Er empfindet seinen Nebenjob nicht als Abhängigkeit. Sondern als Freiheit. Weil er dadurch die Chance hat, weiter selbstständig zu sein. Seinen Traum zu leben. Ein Geschäft zu betreiben, von dem er sonst nicht allein leben könnte. Nur eins sei ihm wichtig gewesen bei der Auswahl seines Arbeitgebers: Dass er nicht für Abzocker arbeitet, die Falschparker sofort abschleppen und dann horrende Summen dafür kassieren. „Da würde ich nicht mitmachen.“

Während die meisten seiner Kollegen am Ende der Schicht nach sechs Stunden nach Hause fahren und Feierabend haben, beginnt für ihn erst der Tag. Der Job. In seinem eigenen Laden. Gegen 14 Uhr ist er meistens zurück im Geschäft und beginnt mit der Arbeit. Für sich selbst. Er führt Kundengespräche, berät bei der Gestaltung einer Hochzeitstorte oder eines Geburtstags­kuchens, skizziert die Entwürfe für seine Mitarbeiter und kalkuliert Kosten. Im Torten-Atelier, wie er die Backstube auch liebevoll nennt, ist er nur noch selten. Zu wenig Zeit, aber das sei okay. „Es reicht mir, wenn ich die Ideen entwickeln kann. Umsetzen muss ich sie nicht noch selbst“, sagt er und zuckt mit den Schultern. So ist das eben. Man kann nicht alles haben im Leben.

Das ist der Preis, den er für die soziale Absicherung zahlen muss: die Zeit. Seine Zeit ist so knapp wie das Geld. Rund 1000 Euro bleiben ihm nach Abzug aller Kosten am Ende eines Monats aus der Konditorei. 1800 Euro brutto bringt ihm der Nebenjob ein, rund 1200 sind es netto. Davon zahlt er seine Wohnung, sein Auto, seine Versicherungen, sein Leben. Wenn am Ende des Monats etwas übrig bleibt, legt er es zurück. Für die Rente.

Manchmal denkt Detlev Zeitsmann an seine Rente. Nicht an die Zeit nach dem Arbeitsleben. Sondern an die Rente, die ihm ausgezahlt wird. Sein Rentenbescheid ist „nicht berauschend“, seine private Zusatzversicherung hat er sich irgendwann auszahlen lassen und in den Laden gesteckt. Na ja, sagt er, wenn er über das Thema spricht: Zum Glück ist er ja erst 51. Und bis zur Rente noch Zeit.

Wenn Detlev Zeitsmann abends nach Hause kommt, ist es oft 21 Uhr. Meistens hört er noch ein bisschen Musik, Blues auf seinem iPhone. Nicht lange, schließlich muss er früh wieder hoch. Spätestens um 22 Uhr zieht er das Handy aus der Steckdose, geht ins Schlafzimmer und legt es dort neben das Bett. Der Wecker ist schon gestellt.