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Prepaid-Handy gibt es nur noch mit Personalausweis

Ein Mann tippt auf seinem Handy

Ein Mann tippt auf seinem Handy

Foto: imago/westend

Käufer einer neuen Guthaben-SIM-Karte müssen sich vom 1. Juli an aufwendig registrieren lassen. Händler fürchten Umsatzeinbrüche.

Hamburg.  Vom 13. Stock des Kaiserhofs am Bahnhof Altona hat Frank Jorga alles gut im Blick – auch die Menschen, die telefonierend über den Paul-Nevermann-Platz laufen. Wenn sie ein Prepaid-Handy nutzen, sind sie für den Geschäftsführer von WebID Solutions besonders interessant. Das Unternehmen könnte bald Kontakt zu ihnen haben.

WebID bietet technische Lösungen für eine sichere Identifizierung von Personen per Computer und Videokamera an, etwa wenn diese online ein Bankkonto eröffnen. Genau solche strengen Prüfungen wird es in Deutschland künftig geben, wenn Kunden eine Prepaidkarte mit neuer Telefonnummer für Smartphone oder Handy erwerben. Zwei Jahrzehnte lang konnten die SIM-Karten für solche Mobilgeräte in Kiosken und Supermärkten wie Zigaretten oder Süßigkeiten gekauft werden – der Kunde musste sich nicht ausweisen. Damit ist es vom 1. Juli an vorbei. Neue Sicherheitsgesetze, die dann in Kraft treten, sehen eine Registrierung des Kunden vor, bevor dieser eine neue Prepaid-SIM-Karte nutzt. Manche Anbieter fürchten jetzt einen Umsatzeinbruch.

Riesiger Markt für Prepaid

Die bisher einfache Art des Telefonierens mit absoluter Kostenkontrolle wird in wenigen Wochen deutlich komplizierter werden, zumindest wenn die Kunden eine neue Prepaid-SIM-Karte erwerben, weil sie den Anbieter wechseln oder sich erstmalig einen solchen Anschluss zulegen. Etwa als Tourist in Hamburg.

Der Markt ist riesig: In jedem dritten Mobilfunkanschluss steckt eine Prepaid-Karte. Die Kunden telefonieren einen aufgeladenen Gebührenbetrag ab und müssen keinen längerfristigen Vertrag mit einem Telefondienstleister eingehen. Auch ein Internetzugang ist mit solchen Tarifen möglich. Verkauft werden die Starter-Sets oft in Supermärkten, Tankstellen, am Kiosk. Bis zu neun Millionen Prepaid-SIM-Karten gehen in Deutschland pro Jahr über die Ladentheke.

Keiner soll mehr anonym telefonieren können

Das Problem: Auch Kriminelle oder Terroristen nutzen die Karten gern, weil sie Anonymität garantieren. Sie verwenden die SIM-Karte nur einmal und wechseln sie dann aus. Die Ermittler können nicht feststellen, wer telefoniert hat. Deshalb soll künftig erfasst und gespeichert werden, wer die Karten erwirbt.

„Die Kunden müssen sich künftig so ausweisen wie Bankkunden bei der Eröffnung eines Kontos“, sagt Jorga.

Das geht weit über die bei einzelnen Anbietern bisher schon praktizierte Regis­trierung hinaus. „Wir haben bereits mit einigen Telefongesellschaften Verträge abgeschlossen, um als Dienstleister die Identifizierung von deren Kunden per Video und Computer zu ermöglichen“, sagt Jorga. Nach Informationen des Abendblatts zählt auch Vodafone dazu. Wie die Identifizierung genau erfolgt, wird auf den Verpackungen der Prepaid-Karten stehen. Sicher ist: Jede verkaufte Prepaid-SIM-Karte wird der Person zuzuordnen sein, die sie erworben hat.

Verschiedene Legitimationsmöglichkeiten

Die neuen Regelungen ergeben sich aus Paragraf 111 des Telekommunikationsgesetzes. „Es liegt in der Verantwortung der Telefongesellschaften, die Daten der Anschlussinhaber zu erfassen und nach den neuen Anforderungen zu speichern. Die Firmen können dazu aber Dienstleister beauftragen“, sagt Fiete Wulff, Sprecher der Bundesnetzagentur.

Es werde verschiedene Legitimationsmöglichkeiten geben. Außer per Internet oder direkt in den Verkaufsstellen könne das auch im Post-Ident-Verfahren geschehen. Doch das dürfte den Telekommunikationsfirmen zu teuer sein. Generell gilt: Wer eine Prepaid-Karte erwirbt, muss nicht zwingend einen Ausweis vorlegen. Doch die Karte funktioniert erst, nachdem der Nutzer sich per Ausweis identifiziert hat.

In den Shops von Mobilcom Debitel hat man schon bisher die Personalien der Prepaidkarten-Käufer erfasst. „Wir wollen wissen, mit wem wir es zu tun haben“, sagt Freenet-Sprecher Rüdiger Kuhbald. „Erst wenn die Identität überprüft ist, wird die Karte freigeschaltet.“ Zusätzlich wird auch eine Online-Variante angeboten.

Aldi prüft Identifizierung

Doch an der Supermarktkasse kann es keine Identifizierung der Kunden geben. Jede große Kette hat eine eigene Prepaid-Marke. Sie heißen Aldi-Talk, Lidl Connect, Edeka mobil oder Rossmann mobil. Klar ist: Die Ketten wollen wegen schärferer Auflagen nicht auf das Geschäft verzichten. Zeitweise schien das eine Möglichkeit zu sein, nachdem Aldi in Belgien wegen ähnlicher Auf­lagen seine Prepaid-Handykarten aus dem Sortiment genommen hatte. In Deutschland aber werde der Verkauf von Starter-Sets und Gutscheinbons beibehalten werden, sagt eine Sprecherin von Aldi Nord. „Wir prüfen derzeit Angebote zur Identifizierung, unter denen die Neukunden wählen können.“

„Weder an der Kasse noch an anderen Stellen in unseren Filialen ist eine Identifikationsmöglichkeit geplant“, sagt Josef Lange von Rossmann. Edeka verweist lediglich darauf, dass die selbstständig geführten Edeka-Märkte die neuen Anforderungen umsetzen werden, um über den 1. Juli hinaus Prepaid-SIM-Karten anbieten zu können. Manche Kioskbesitzer wissen noch gar nichts von den neuen Regelungen oder verwechseln sie mit den bisherigen Registrierungsverfahren­. „Ich bin nicht informiert“, sagt ein Hamburger Kioskbetreiber.

Legitimierung per Videoidentverfahren

Am Ende hängt es von den Telefongesellschaften ab, welche Identifizierungsverfahren angeboten werden. Die Telekom hat seit Mitte März im Onlineshop eine Legitimierung per Videoidentverfahren. Kunden können derzeit noch selbst entscheiden, ob sie das Verfahren nutzen möchten. Vodafone kündigt einen Mix unterschiedlicher Legitimationsverfahren an, will aber Details erst später mitteilen.

Während Vodafone „weitere Hürden für zukünftige Prepaid-Käufer“ sieht, freut sich WebID-Chef Jorga über ein neues Geschäftsfeld nach den Banken. „Ein Konto wird meist nur einmal eröffnet, eine Prepaid-Karte wird häufiger erworben“, sagt Jorga. Anbieter wie WebID, IDnow oder die Bertelsmann-Tochter Arvato werden künftig einen Großteil der Identifizierungen übernehmen. Davon profitiert auch der WebID-Standort Hamburg. Jorga sucht schon nach weiteren Räumlichkeiten. Die Belegschaft in der Hansestadt soll von derzeit 15 auf bis zu 60 aufgestockt werden.

Vom Landeskriminalamt geschult

Im Schnitt dauere die Identifizierung dreieinhalb Minuten, sagt Jorga. Der Kunde muss die Kamera an seinem PC oder Laptop aktivieren, Gesicht und Personalausweis oder Reisepass in die Kamera halten und den Anweisungen des Mitarbeiters folgen. Sie sind vom Landeskriminalamt geschult, um an bestimmten Verhaltensmustern betrügerische Absichten erkennen zu können. Schon nach acht Überprüfungen muss der Mitarbeiter eine Pause einlegen, weil bei der Identitätsüberprüfung hohe Konzentration gefordert ist.

Viel Aufwand für einen Telefon­anschluss – und ob der erhoffte Zweck erreicht wird, ist zweifelhaft. Denn die neue Regelung gilt nicht EU-weit. Wer etwas zu verbergen hat, kann sich seine Prepaid-SIM-Karte in den Niederlanden oder Österreich besorgen – dort muss der Käufer sich weiterhin nicht identifizieren.