Prozess

Nach Säure-Attacke: Opfer hat noch immer Angst vor Ehemann

Der Angeklagte Armin B. (r) sitzt im Landgericht in Hamburg neben seinem Anwalt Gerd-Joachim Schulz

Der Angeklagte Armin B. (r) sitzt im Landgericht in Hamburg neben seinem Anwalt Gerd-Joachim Schulz

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

56-Jähriger übergoss Ehefrau im Jobcenter Wandsbek mit ätzender Flüssigkeit. Vor Gericht schildert sie den heimtückischen Überfall.

Hamburg.  Auf dem Zeugenstuhl sitzt eine zierliche Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren. „Haben Sie noch Angst vor dem Angeklagten?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Ja“, sagt die zierliche Frau. Die Säure hat zwar keine Spuren im Gesicht der 46-Jährigen hinterlassen. Von dem heimtückischen Überfall im Jobcenter zeugen jedoch eine auffällig heisere Stimme und eine Narbe am Hals. Schwer wiegen auch die psychischen Folgen: Sie habe „Träume, in denen er mir etwas antut“, sagt Sonja A. Sie nehme Antidepressiva und sei in psychotherapeutischer Behandlung.

Der Mann, der ihr all das angetan hat, sitzt schräg hinter ihr – der Mann, der sie an ihrem Arbeitsplatz im Jobcenter Wandsbek mit 30-prozentiger Salzsäure übergossen hat. Mit ihm hat sie 15 Jahre ihres Lebens verbracht und zwei Söhne (11, 13) bekommen, noch immer sind sie verheiratet. Seit Ende April verhandelt das Landgericht gegen Armin B. wegen versuchter schwerer und gefährlicher Körperverletzung. Der 56-Jährige hat die Tat zwar gestanden und sein Handeln bedauert – die Chance, sich bei seinem Opfer zu entschuldigen, lässt er am Mittwoch jedoch ungenutzt.

Ältester Sohn wünschte Vater „die Todesstrafe“

Es ist ein schwerer Gang für Sonja A., mitunter ist die Zeugin den Tränen nah. Sie berichtet von der ersten Trennung im Jahr 2007, von mehreren Paar- und Erziehungsberatungen und von ihrer Hochzeit im Jahr 2013, die nicht auf Liebe, sondern allein auf Vernunftgründen fußte. Vor allem aber offenbart ihre Aussage Widersprüche zur Einlassung des Angeklagten vor einer Woche. So behauptete Armin B., dass Sonja A. vor der Attacke im Jobcenter zu ihm sagte, sie werde ihn „finanziell ruinieren“. Erst da habe er seine Ehefrau mit der Säure überschüttet – „eine Kurzschlussreaktion“. Eigentlich habe er die Säure, abgefüllt in ein Honigglas, selbst trinken wollen. An eine derartige Äußerung kann sich die Zeugin aber nicht erinnern: „Ich habe nichts zu ihm gesagt.“

Am 7. November 2016 kreuzt Armin B. mit einem anwaltlichen Schreiben in ihrem Büro im Jobcenter Friedrich-Ebert-Damm auf. Noch bevor sie es lesen kann, fühlt sie eine „kalte Flüssigkeit“ auf ihrem Gesicht. Sonja A. hört den Angeklagten sagen: „Damit du weißt, was Schmerzen sind, was ich als Trennungsschmerz durchgemacht habe.“ Während Armin B. das Jobcenter verlässt, spürt sie „ein Kribbeln und Piksen“ im Gesicht. Sie will schreien, kriegt aber nur ein Krächzen heraus. Ein Teil der Flüssigkeit – ein Reinigungsmittel mit 30 Prozent Salzsäure – ist in ihren Mund geflossen. Sie hält ihre Augen instinktiv­ geschlossen, robbt auf allen vieren zu einer Kollegin in den Nebenraum, dort waschen ihr Kollegen die Säure vom Gesicht. Der Stoff ihres BH hat sich in die Haut gefressen, ihr Gesicht ist gerötet, sie leidet Schmerzen. Weil ihre Atemwege zuzuschwellen drohen, wird sie im Krankenhaus für zwei Tage ins künstliche Koma versetzt.

Zwischen den Eheleuten kriselte es

Kurz nach der Tat schreiben ihre Söhne einen Brief an den Vater. „Du hast die Todesstrafe verdient“, schreibt der Älteste. Während die Rötungen im Gesicht verschwinden, bleibt die Heiserkeit. „Die Säure hat meine Stimmbänder angegriffen“, sagt Sonja A. An Singen im Kirchenchor sei nicht zu denken. Wenn eine weitere Operation nicht helfe, werde sie wohl lebenslang heiser bleiben.

Lange vor dem Säureangriff im Jobcenter habe es zwischen ihnen gekriselt, sagt Sonja A. „Ich habe ihn einfach nicht mehr geliebt.“ Stattdessen sei ein anderer Mann, ein alter Schwarm, in ihr Leben getreten. Nachdem sie im Februar 2016 „die Trennung ausgesprochen“ habe, sei ihr Noch-Ehemann immer aggressiver geworden. Er habe sie per SMS als „Hure“ und „Schlampe“ beschimpft und gedroht: „Ich mache uns alle fertig.“ Irgendwann habe er sie nur noch siezen wollen. Dann habe er ihr von einem Treffen mit „Albanern“ erzählt. Die Männer hätten ihm angeboten, Sonja A. „die Kniescheibe zu zertrümmern“.

Er habe ihre Telefonate abgehört, über den Verteiler des Jobcenters diskreditierende E-Mails an ihre Kollegen verschickt, die Schlafzimmerwand mit einem unflätigen Spruch beschmiert, einen Suizid angekündigt und vor ihrer Haustür Drohungen gegenüber ihrem neuen Partner ausgestoßen: Er werde ihm die „Kehle aufschlitzen“, ihm die „Eier abschneiden“ und in den Mund stopfen. Ihr ältester Sohn, der die Worte aufschnappte, habe den Exzess seines Vaters so kommentiert : „Mama, der ist krank.“ Der Prozess geht weiter.