Bahrenfeld

4240 Schüler, 2120 Schachbretter, ein Weltrekord

Das Schulschachturnier „Linkes gegen Rechtes Alsterufer“ ist das größte der Welt. Zum ersten Mal wird es in der Barclaycard Arena gespielt

Bahrenfeld. Das ist ein Traum für jede Lehrerin, für jeden Lehrer. Björn Lengwenus, Direktor der Eliteschule des Sports am Dulsberger Alten Teichweg, zählt mit 4240 Schülern laut den Countdown runter – von zwölf bis null. Und schlagartig wird es still in der riesigen Barclaycard Arena am Volkspark; nicht mucksmäuschenstill, aber ruhig. Das Schülerschachturnier „Linkes gegen Rechtes Alsterufer“ ist eröffnet, das größte der Welt. An 2120 Brettern wird in den nächsten anderthalb Stunden gebrütet, gerechnet und gezogen. Eines aber steht in diesem Moment bereits fest: Der alte Weltrekord ist gebrochen, ein neuer aufgestellt. 1988 saßen sich bei diesem Turnier 3616 Schüler gegenüber, heute sind es 624 mehr.

Olaf Kuchenbecker wird diese Zahlen später bestätigen. Er hat das „Rekord-Institut für Deutschland“ gegründet mit Sitz in Hamburg in der Niendorfer Papenreye. 13 Jahre lang hat er für die deutschsprachige Ausgabe des Guinnessbuchs der Rekorde in London gearbeitet, jetzt hat er sich selbstständig gemacht, prüft Bestmarken aller Art im deutschsprachigen Raum. Der Weltrekord des Schülerschachturniers steht heute auf seiner Homepage rekord­institut.de – und ist damit offiziell.

„Die Stille des Geistes ist lauter als der Lärm der Motoren“, hat der deutsche Pianast Wilhelm Kempff (1895– 1991) einmal in seinem Tagebuch notiert. Mit der anfänglichen Ruhe ist es in Hamburgs größtem Klassenzimmer nach einer halben Stunde vorbei. Die ersten Partien sind beendet, die ersten Triumphe gefeiert, die ersten Tränen geflossen. Der kleine Patrick aus Wilhelmsburg, acht Jahre alt, hat gerade verloren. „Ich stand doch so gut“, klagt er und schluchzt. Dann stellt er erst seine weiße Dame ein, kurz danach ist sein schutzloser König – schachmatt.

Schicksale wie diese häufen sich an diesem Vormittag. Viele spielen erst seit Kurzem Schach, andere seit Jahren. Das führt oft zu einseitigen Partieverläufen. Luis Engel (15) vom Brecht-Gymnasium zog bereits mit elf Jahren beim Hamburger Schachklub in der Zweiten Bundesliga, demnächst wird er in der ersten Mannschaft des Clubs gegen die Besten der Welt antreten. Er gilt als eines der größten Talente Deutschlands. Seinen Gegner hat er entsprechend schnell ausmanövriert. Fingerübungen für einen kommenden Großmeister.

Vieler Hände Arbeit bedurfte es am Tag zuvor, um die spektakuläre Szenerie für den Weltrekord vorzubereiten. 80 Helfer bauten in dreieinhalb Stunden 2300 eigens für diese Veranstaltung neu gekaufte Schachbretter auf – 4336 Schüler hatten sich angemeldet –, insgesamt 73.600 Steine. „Einige hatten am Ende Blasen an den Fingern“, behauptet Lengwenus. Weil der Platz auf dem Parkett nicht ausreicht, wird auch in den Umläufen und in einem Zelt neben der Halle gespielt. Die Gesamtkosten gehen in den sechsstelligen Bereich, Barclaycard, seit fünf Jahren im Hamburger Schulschach engagiert, übernimmt sie.

„Wenn du die Halle vollmachst, bezahle ich die Veranstaltung“, hatte Carsten Höltkemeyer, Geschäftsführer von Barclaycard Deutschland mit Sitz in Hamburg-Bahrenfeld, vor einem Jahr zu Lengwenus gesagt. Der lässt sich nicht lange bitten, stellt mit der ihm eigenen Dynamik die Organisation auf. Schach ist Lengwenus’ Leidenschaft. Seit Jahren bemüht er sich, das Königliche Spiel als Fach an Hamburger Schulen zu eta­blieren. Schulsenator Ties Rabe unterstützt das Begehren wohlwollend: „Alles, was hilft, die Kompetenzen unserer Schüler in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch zu verbessern, begrüßen wir.“ Die Schulen hätten dafür auch genügend Freiräume, um entsprechende Unterrichtsangebote zu machen, sagt der SPD-Politiker.

Lengwenus ist fest überzeugt, dass Schach „strategisches Denken und die Verknüpfung mathematischen Wissens“ fördere. Studien haben dies in den vergangenen zwölf Jahren belegt. Eine Untersuchung der Universität Trier attestiert dem Schachunterricht exzellente Werte bei der indirekten Vermittlung mathematischer Zusammenhänge, die besonders bei leistungsschwachen Schülern auffällig sei. Englische Forscher haben diesen Ergebnissen zuletzt zwar nicht widersprochen, aber die Lerneffekte des Schachs als Schulfach zumindest relativiert. Lengwenus irritiert das nicht: „Meine Erfahrungen und die meiner Kollegen sind andere. Schach hilft nachhaltig, Leistungen in allen Fächern zu verbessern.“

Was aber bleibt vom Weltrekord? „Nicht viel“, fürchtet Christian Zickelbein, der Vorsitzende des Hamburger Schachklubs, Deutschlands größtem Schachverein, und in den späten 1950-Jahren einer der Väter des Schulschachs hierzulande. „Das ist hier eine großartige Veranstaltung, ein Popfestival des Schachs“, sagt der bald 80-Jährige, „aber wir brauchen mehr Unterstützung im Alltag. Da fehlt es am Material, an Trainern, am Geld für den Leistungssport. Allein unser Training für Luis Engel kostet jährlich 5000 Euro.“

Einen ersten Effekt hat das Turnier dennoch. Am Niendorfer Gymnasium Bondenwald soll wieder eine Schulschach AG eingeführt werden. „Wir beginnen sofort mit der Umsetzung“, sagt Unterstufenkoordinatorin Petra Rudat.