Fakten gegen Fake News

Hamburger Ehepaar kämpft gegen Verschwörungstheorien

| Lesedauer: 9 Minuten
Insa Gall
Manche Fake News erkennt man auf den ersten Blick: Die Amerikaner waren zwar auf dem Mond, eine Katze – wie in dieser Satire – aber nie

Manche Fake News erkennt man auf den ersten Blick: Die Amerikaner waren zwar auf dem Mond, eine Katze – wie in dieser Satire – aber nie

Foto: Hoax / HA

Wie vorgehen gegen Falschnachrichten? Die Podcasts von Alexa und Alexander Waschkau werden bis zu 80.000-mal geklickt.

Hamburg. Marilyn Monroe wurde vom US-Geheimdienst ermordet. Die Mondlandungen der Amerikaner haben nie stattgefunden, sie wurden nur vorgetäuscht. Hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 stehen nicht islamistische Terroristen, sondern der US-Geheimdienst. Und sogar größere Zeiträume der mittelalterlichen Geschichte sollen komplett erfunden sein. Abwegigste Verschwörungstheorien machen seit Langem weltweit die Runde, weitergetragen in eingeschworenen Zirkeln und befeuert von einem manchmal fast schon paranoiden Misstrauen gegen jegliche offizielle Behördenversion.

Doch der Boom der sozialen Medien, der Aufstieg von Populisten auch in Deutschland und zuletzt die nicht für möglich gehaltene Sorglosigkeit eines amtierenden amerikanischen Präsidenten im Umgang mit Fakten haben Falschnachrichten weltweit zu einem Top-Thema befördert – und es politisch gemacht. Heutzutage diskutiert die ganze Welt darüber, „was letzte Nacht in Schweden geschah“, nur weil Donald Trump im Fernsehen einen falschen Bericht über die angeblich außer Kontrolle geratene Flüchtlingslage in Skandinavien gesehen hat.

Die Top 3 der Verschwörungstheorien

Zwischen Lüge und Wahrheit wird immer schwerer zu unterscheiden. Was stimmt und was ist erfunden, was „alternative Fakten“? Welche Absicht steckt hinter den bewusst in die Welt gesetzten Fake News, wer profitiert von ihnen? Und die Frage zum heutigen „Internationalen Tag der Pressefreiheit“: Wie gehen wir mit Fake News um?

Ein Hamburger Pärchen hat sich zur Aufgabe gemacht, gegen Falschmeldungen und Verschwörungstheorien anzugehen. Alexa und Alexander Waschkau haben dem laxen und oft bewusst verdrehten Umgang mit der Wahrheit den Kampf angesagt. Sie sind nicht die Einzigen: Vor Kurzem gingen in Hamburg Tausende Menschen in einem „March for Science“ auf die Straße, um für wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage der gesellschaftlichen Diskussion zu demonstrieren. Nachrichtenredaktionen schreiben sich den Kampf gegen Fake News auf die Fahnen. Auch der Social-Media-Riese Facebook tut das, wenn auch halbherzig, und gibt seinen Nutzern immerhin Tipps, woran Falschmeldungen zu erkennen sind.

Immer mehr Resonanz

Der Unterschied: Die Waschkaus nehmen den Kampf ganz privat auf, in ihrer Freizeit, auf eigene Faust – und finden immer mehr Resonanz. Im Mai 2010 gründete das Ehepaar „Hoaxilla – der skeptische Podcast aus Hamburg“. Der Name geht zurück auf das englische Wort hoax, also der Scherz, Schwindel, die Falschmeldung. Die beiden Wahl-Hamburger produzieren Podcasts, abonnierbare Video- und Audiosendungen, zu Themen wie dem Atlantis-Untergang, der Dolchstoßlüge nach dem Ersten Weltkrieg und dem Tod von Lady Di – aber auch zu den rechtsgerichteten „Reichsbürgern“, Big Data und Fake News selbst. Fundiert, nüchtern und quellenkritisch. Denn sie sagen: „In den sozialen Medien hat kaum noch jemand ein Interesse daran hat, sich Fakten zu stellen.“

Mittlerweile wird ein Podcast bis zu 80.000-mal geklickt. Von der Seite von „Hoaxmaster“ Alexander und „Hoaxmistress“ Alexa Waschkau, wie sie sich nennen, werden mehr als 100.000 Folgen im Monat heruntergeladen. „Unsere gesamte Freizeit“, sagen sie, „besteht im Grunde aus dem Projekt.“

Etwas Sinnvolles mit der Freizeit machen

Die Kommandozentrale liegt in einer Neubauwohnung nicht weit von der Laeiszhalle. Genauer: in einem kleinen Büro, das sie Studio nennen. Auf dem Schrank stapeln sich „Star Wars“-Spiele, gelegentlich wird der Raum auch als Gästezimmer genutzt. Auf dem Schreibtisch liegen zwei Kopfhörer mit Mikrofon und ein Aufnahmegerät bereit, geschnitten wird an einem normalen PC. Mehr braucht es nicht. Von hier aus senden die Waschkaus ihre Sendungen in die Welt, nachdem sie intensiv recherchiert und Experten befragt haben. 202 Episoden sind so bislang entstanden. Irgendwann kamen mit hoaxilla.tv auch Videobeiträge hinzu.

Zunächst waren die Podcasts eher unpolitisch, eine Spielerei mehr. Dahinter stand 2010 die Lust, etwas Sinnvolles mit der Freizeit zu machen, sich mit spannenden Themen zu beschäftigen und ein gemeinsames Projekt zu schaffen. Alexander Waschkau (41), Diplom-Psychologe, fühlte sich damals beruflich nicht ausgelastet. Und Alexa Waschkau (42) hatte sich als Volkskundlerin schon länger mit modernen Sagen befasst und der Frage, was sich Menschen warum erzählen. Im ersten Beitrag ging es um Mythen rund um Coca-Cola.

„Zu Beginn hatten wir den Blümchen-Traum, etwas Unpolitisches zu machen“, sagt ihr Mann. Das änderte sich, als sie sich vor drei Jahren begannen, mit der Reichsbürger-Bewegung zu beschäftigen. Dann nahmen sie sich rechtsesoterische Verschwörungstheorien vor. „Vieles, was harmlos daherkommt, ist in Wahrheit hochpolitisch“, haben sie festgestellt. Am Anfang stand eine Liste mit 35 bis 40 Themen, die sie bearbeiten wollten. Viele von ihnen sind inzwischen umgesetzt. Doch die Liste ist heute länger als damals – immer neue Themen kamen hinzu. Alexa Waschkau hat inzwischen ihren Job gekündigt und arbeitet als Autorin und Journalistin.

Anstatt sich abends über den aktuellen „Tatort“ zu unterhalten, diskutiert das kinderlose Paar am Tisch in seiner offenen Küche über angebliche geheime Biowaffenforschungsanlagen und die Verschwörungstheorien rund um die Mondlandungen der Amerikaner.

Im Netz suchen Menschen eigenes Biotop

Die Resonanz aus dem Netz ist überwiegend positiv. „Hoaxilla“ hat sich eine große Fan-Gemeinde geschaffen. Doch auch der Widerstand wuchs – aus bestimmten Kreisen. Als sie einen Beitrag über sogenannte „chemtrails“ machten, also Kondensstreifen am Himmel, bei denen es sich nach Meinung von Verschwörungstheoretikern nicht um Flugzeugabgase handelt, sondern um absichtlich ausgebrachte Chemikalien, die die Menschheit vergiften sollen, waren die Reaktionen heftig.

Mittlerweile reichen sie von wüsten Beschimpfungen über Volksverhetzung bis hin zu Morddrohungen. „Wir schauen uns genau an, was wir zur Anzeige bringen“, sagt Alexander Waschkau. Als Märtyrer betrachten er und seine Frau sich dennoch nicht. Und haben für manche Negativreaktion sogar Verständnis.

Verständnis für die Angst

Denn es gibt nicht nur diejenigen, so glauben sie, die Falschnachrichten für ihre politischen Zwecke einsetzen und Untergangsszenarien populistisch nutzen. Sondern auch Menschen, die sich in der komplexen Welt nicht mehr zurechtfinden und von Theorien, über die sie lesen, persönlich stark beunruhigt sind. Erstere werden von den Waschkaus harsch kritisiert. „Aber wir haben Verständnis für die, die selbst verängstigt sind“, sagt Alexa Waschkau.

Viele Menschen nehmen Informationen, so ihre Beobachtung, ohnehin nur noch selektiv wahr – ein wesentlicher Grund für den Siegeszug der Fake News. Ein gemeinsames Weltbild verstärke die soziale Gemeinschaft. „Wenn ich dann eine Quelle finde, die meiner Realität entspricht, ist diese für mich glaubwürdiger als eine andere Quelle“, meint Psychologe Alexander Waschkau.

Deutsche sensibilisiert für das Problem

Vor allem im Internet suchten die Menschen sich ihr eigenes Biotop. „In vielen geschlossenen Facebook-Gruppen gibt es keine Gegenmeinung mehr“, sagt Alexa Waschkau. „Anders als am Stammtisch kann man sich in den sozialen Netzwerken gut von anderen Sichtweisen und neutralen Fakten abschotten.“ So werde die Verbreitung von Falschmeldungen und Verschwörungstheorien durch die sozialen Medien befördert. Und mehr Menschen trauten sich heute zu sagen: „Mir doch egal, was die Fakten sagen, ich fühle das eben so.“

Offenbar sind die Deutschen immerhin sensibilisiert für das Problem: Einer kürzlich veröffentlichten Meinungsumfrage zufolge sind 87 Prozent überzeugt, dass über die sozialen Medien Fake News verbreitet werden. Einen deutlich besseren Ruf haben traditionelle Medien wie Zeitungen, Radio und Fernsehen. Immerhin 78 Prozent glauben, dass sie nicht gezielt Falschnachrichten verbreiten.

„Wir machen nur ein Angebot“

Die Waschkaus lassen sich am liebsten mit Sonnenbrillen fotografieren. „Natürlich fragt man sich schon manchmal, was wäre, wenn so ein Troll vor der Tür stehen würde“, sagt Alexa Waschkau. Doch sie glauben, gut einschätzen zu können, welche Drohungen man ernst nehmen sollte und welche nicht. Alexander Waschkau will nicht hinnehmen, dass man Angst haben muss, nur weil man einen gemäßigten Blick auf die Welt hat. „Wir machen ja nur ein Angebot.“ Wer will, kann sich auf ihre kritisch-wissenschaftliche Argumentation einlassen. Wer nicht will, muss nicht.

Die Podcasts der Waschkaus sind zu finden unter www.hoaxilla.com. Das Herunterladen ist kostenlos, Nutzer können das Projekt aber auf der Seite mit Spenden unterstützen.

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