Hamburg

Warum Hamburg Hunde-Hochburg ist

Fast 77.000 der Tiere waren 2016 registriert – mehr als je zuvor. Vor allem eine Bevölkerungsgruppe ist dafür verantwortlich

Hamburg. Hunde sind bei den Hamburgern so beliebt wie nie zuvor. Der Senat nennt jetzt die Rekordzahl von 76.929 Hunden und 48.235 Hundehaltern (Stand: 2016). Jährlich steige die Zahl der Vierbeiner um mehrere Tausend an. Davon profitiert auch der Fiskus: Bei der Hundesteuer gab es im vergangenen Jahr Rekordeinnahmen von 3,6 Millionen Euro. Erst jüngst hat Europas größtes Hundemagazin „Dogs“ Hamburg zur „hundefreundlichsten Stadt in Deutschland“ gekürt und darauf verwiesen, dass die Hundesteuer mit 90 Euro niedrig sei. Zum Vergleich: Auf Helgoland kostet es jährlich 255 Euro.

Waren im Jahr 2012 noch 59.479 Tiere im seit 2006 geführten Hunderegister registriert, so wuchs die Zahl 2013 auf 64.520 und 2014 auf bereits 69.138. Die meisten Hunde sind in Wandsbek gemeldet (20.518), gefolgt von Hamburg Nord (11.026) und Altona (10.772). Im Bezirk Mitte gibt es 9281 der Tiere, in Eimsbüttel 9406, in Bergedorf 5619 und in Harburg 5831. Die beliebtesten Hunde der Hamburger sind Mischlinge, Labrador Retriever, Jack Russell Terrier, Dackel und Golden Retriever.

Manchmal wird der Vierbeiner zum Kinderersatz

Dass immer mehr von ihnen in der Metropole leben, hat nach Ansicht von Experten mehrere Gründe. Udo Kopernik vom Verband für das Deutsche Hundewesen beobachtet den generellen Trend, dass Städter sich für Hunde entscheiden, weil sie eine „Brücke vom Urbanen zur Natur“ sind. Die Tierärztekammer sieht einen Zusammenhang zwischen der wachsenden Zahl von Single-Haushalten und dem gegenwärtigen Hunde-Boom. Fast jeder dritte Hamburger lebt inzwischen allein. „Hunde sind da eine willkommene Kontaktbörse zu den Menschen“, sagt Christina Bertram, Vorstandsmitglied in der Tierärztekammer. Mehr noch: „Hunde sind für viele ein Kinderersatz.“

Auch die Hamburger Expertin Birgit Jaklitsch, Inhaberin einer Agentur für Mensch- und Hundecoaching, weiß aus ihrer Praxis, dass sich Menschen zum Beispiel deshalb für einen Hund entscheiden, weil sie keine eigenen Kinder haben oder einsam sind. Eltern dagegen würden einen Hund kaufen, damit ihre Kinder mehr Sozialkompetenz lernen. „Grundsätzlich gilt, dass Haustiere zu einer stabileren Gesundheit beitragen können, weil sie das Immunsystem stärken“, sagt Birgit Jaklitsch.

Während Dorfhunde in einer Familie oft mit anderen Tieren konkurrieren müssen, stehen Großstadthunde ganz im Mittelpunkt von Herrchen und Frauchen. Wenn es dem Hund schlecht geht, wird häufiger als früher der Tierarzt aufgesucht, beobachtet die Tierärztin Christina Bertram, die in Hamburgs Westen mit ihrem mobilen Tierarztservice unterwegs ist. „Diagnosen werden somit häufiger und schneller gestellt als vor 20 Jahren“, sagt sie. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen Arthrose und Herzleiden.

Dass Hamburg hundefreundlichste Stadt wurde, sieht der Tierschutzverein kritisch. „Es ist sehr enttäuschend, dass es nur wenige und oft kleine Auslaufflächen für Hunde gibt. Daher fordern wir einen Ausbau dieser Flächen“, sagt der Diplom-Biologe Sven Fraaß vom Tierschutzverein. In Hamburg gibt es derzeit laut Senatsangaben 124 Hundeauslaufzonen – und um diese wird zum Teil heftig gestritten. So haben Hundehalter jetzt ein Bürgerbegehren für den Erhalt ihrer zentralen Auslauffläche am Isebekkanal gestartet. Im Jenischpark wurde eine Verlegung nach Androhung eines Bürgerbegehrens erstmal auf Eis gelegt.

Kritisch bewerten die Tierschützer ebenfalls das Hamburger Hundegesetz. „Wir halten es für tierschutzwidrig, weil es mit seinen Hunderasselisten viele Tiere als unwiderlegbar gefährlich vorverurteilt und mit strengsten Auflagen bestraft.“ In anderen Bundesländern seien diese Listen abgeschafft worden. „Dort wird jeder Hund einzeln betrachtet.“

Als gefährliche Hunde gelten Bullterrier, Pitbull-Terrier, American Staffordshire Terrier und Staffordshire Bullterrier. Ihre Haltung ist in Hamburg erlaubnispflichtig, und der Hund muss stets mit Maulkorb und Leine geführt werden. Auch die Rassen Bullmastiff, Dogo Argentino, Dogue de Bordeaux, Fila Brasileiro, Kangal, Kaukasischer Owtscharka, Mastiff, Mastin Espanol, Mastino Napoletano, Rottweiler und Tosa Inu gelten als gefährlich. Für sie kann laut Senat jedoch eine Freistellung von den besonderen Auflagen beantragt werden.

Dass die Tiere beißen, kommt relativ selten vor

Im vergangenen Jahr wurden 195 „Beißvorfälle“ offiziell registriert. Am häufigsten fielen Mischlinge (26 Fälle) durch solche Angriffe auf, gefolgt von Labrador Retrievern (13), Schäferhunden (13) und Deutschen Boxern (11). In 90 Fällen mussten die auffällig gewordenen Hunde als Folge bei der Gefährlichkeitsprüfung vorgestellt werden, zwölfmal wurde ein Leinenzwang angeordnet. In einigen wenigen Fällen wurde das weitere Halten von Hunden untersagt. Nur selten wurden die genauen Ursachen der Vorfälle regis­triert – oftmals handelte es sich aber um Beißvorfälle zwischen unterschiedlichen Hunden.

Seit der Auflösung der zuvor zuständigen Bezirklichen Ordnungsdienste (BOD) ist ein zentraler Hundekontrolldienst (HKD) mit sieben Mitarbeitern im gesamten Stadtgebiet zuständig. Im vergangenen Jahr sind beim HKD 302 schriftliche Beschwerden eingegangen. In diesem Jahr waren es (bis 10. April) 88. Der HKD arbeitet allerdings nur zu normalen Geschäftszeiten. Nachts und an Wochenenden übernimmt laut Senat die Polizei diese Aufgabe.

Derweil geht die Zahl der im Tierheim Süderstraße aufgenommenen Hunde weiter zurück. Im vergangenen Jahr fanden hier 1028 Hunde ein Zuhause. 512 davon wurden wieder von ihren Familien abgeholt, „481 haben wir neu vermittelt“, sagt Sven Fraaß. Seit Jahren sei ein Rückgang bei den Hundezahlen zu beobachten, was unter anderem auf die Chippflicht zurückzuführen sei.

Längst haben sich rund um den Hund zahlreiche Dienstleister eta­bliert – Hundesitter genauso wie -salons und -schulen. Wer die einschlägigen Internetangebote studiert, kann zwischen rund 80 professionellen Hundesittern, 60 Hundeschulen, 50 Hundesalons und zahlreichen Tierpensionen wählen. Hund und Katz sichern nach einer Studie der Volkswirtin Renate Ohr von der Uni Göttingen bundesweit bis zu 200.000 Jobs. In Hamburg sind es mehrere Hundert.

Bürohunde helfen gestressten Großstädtern

Experten rechnen damit, dass die Zahl der Hunde weiter steigen wird. Beim Kauf eines Vierbeiners sei darauf zu achten, dass der Hund auch zum Wohnraum passe, rät die Tierärztin Christina Bertram. „Ein irischer Wolfshund gehört in keine Zweizimmerwohnung.“ Außerdem sollte das Tier nicht so viele Treppen steigen müssen. „Das ist für Hunde nicht so toll.“ Dass Hunde sogar ideal für die Büros der Großstädter sind, glaubt Birgit Jaklitsch und verweist auf Untersuchungen des Bundesverbandes Bürohund. Studien hätten ergeben, dass Mitarbeiter mit Bürohund im Verlauf des Arbeitstags weniger gestresst waren und das Arbeitsklima besser bewerteten.