Hamburg

Völkerkundemuseum soll sich internationalen Ruf erwerben

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Matthias Gretzschel
Barbara Plankensteiner vor dem Maorihaus Rauru im Museum für Völkerkunde

Barbara Plankensteiner vor dem Maorihaus Rauru im Museum für Völkerkunde

Foto: © Museum für Völkerkunde Hamburg, Foto: Paul Schimweg

Barbara Plankensteiner, die neue Chefin, spricht über ihre Pläne. Ein Ziel ist es, in Hamburg große Ausstellungen zu realisieren.

Hamburg.  Nach dem Wechsel von Wulf Köpke zur Polizeiakademie hatte das Museum für Völkerkunde Hamburg mehr als ein Jahr keinen Direktor. 2016 sank die Besucherzahl erstmals unter 100.000. Am 1. April trat die Anthropologin und Afrikanistin Barbara Plankensteiner ihr Amt als neue Direktorin an.

Am Mittwoch stellte Kultursenator Carsten Brosda die gebürtige Südtirolerin der Presse vor. Plankensteiner hat an der Universität Wien in Kultur- und Sozialanthropologie mit Nebenfach ­Afrikawissenschaften promoviert. Am Weltmuseum Wien war sie stellvertretende Direktorin und Chefkuratorin, bevor sie als Senior Curator for African Art an die Yale University Art Gallery in New Haven, Connecticut wechselte. Wir sprachen mit der neuen Direktorin.

Frau Plankensteiner, können Sie sich erinnern, wann Sie das Hamburger Völkerkundemuseum zum ersten Mal betreten haben?

Barbara Plankensteiner: Ja, das war 2012. Da fand hier eine Tagung der ­Direktoren der europäischen ethnografischen Museen statt.

Wie war Ihr Eindruck?

Ich habe damals schon gespürt, dass es hier viel zu tun gibt.

Wie ist denn der Stellenwert des Hamburger Museums mit seinen Sammlungen im deutschen und internationalen Vergleich?

Ausgezeichnet. Als bekannt wurde, dass ich hier Direktorin werde, wurde ich schon in den USA von Kollegen immer wieder angesprochen und angeschrieben, die gern hier Bestände sehen möchten. Man kann wirklich sagen, dass die Sammlungen mit bestimmten Schwerpunkten international sehr bekannt sind und einen hervorragenden Ruf genießen.

Gleichwohl gibt es Erneuerungsbedarf. Was sind jetzt Ihre größten Baustellen?

Wir müssen das Haus inhaltlich neu positionieren. Ein Schwerpunkt wird ganz sicher die Neugestaltung der Dauerausstellung sein. Es sind aber auch weitere Eingriffe in das Gebäude notwendig, um das Haus für einen modernen Betrieb zu ertüchtigen.

Wird es dann endlich auch barrierefrei sein?

Das ist natürlich mein Ziel, ich weiß aber, dass sich das in einem so historischen Haus nicht leicht realisieren lässt, weil hier natürlich auch Fragen der Denkmalpflege eine Rolle spielen. Aber die Barrierefreiheit wird ganz sicher Teil unserer Planung werden. Abgesehen von den Ausstellungsräumen gibt es auch in den Publikumsbereichen dringenden Erneuerungsbedarf. Sicher werden der Museumsshop und die Gastronomie in diesem Zusammenhang ein Thema sein.

Ist das Museum Ihrer Meinung nach auskömmlich finanziert?

Im Vergleich zu anderen Häusern sind wir hier sozusagen am unteren Level. Hier ist also absolut Luft nach oben, was aber allgemein bekannt ist.

Viel Geld kosten zum Beispiel große ­Sonderausstellungen. Welche Bedeutung messen Sie solchen Projekten bei?

Eine sehr große, denn sie locken immer wieder neues Publikum an, was die Chance bietet, das Haus national wie international neu positionieren zu können. Aber Großprojekte sind natürlich auch eine Ressourcenfrage, große Ausstellungen brauchen mehrere Jahre Vorlauf, und man benötigt heutzutage auch ein sehr großes Budget.

Wann werden wir die erste Ausstellung dieser Art in Ihrem Haus zu sehen bekommen?

Diese Frage kann ich Ihnen im Moment noch nicht beantworten, es ist aber mein Ziel, hier so große Ausstellungen zu machen, wie ich es früher in Wien getan habe, Projekte, die uns international weiter bekannt machen.

Und wie beurteilen Sie die personelle Situation am Haus, vor allem was die Wissenschaftlerstellen betrifft?

Da die Anzahl der Stellen in den letzten Jahren sehr geschrumpft ist, haben wir auch hier einen starken Bedarf, sie wieder aufzustocken.

Es gibt hier schon länger das Bemühen, Menschen aus den jeweiligen Herkunftsländern an den Ausstellungen mitwirken zu lassen. Wie stehen Sie dazu?

Solche Projekte sind wichtig für uns, wir müssen sie aber auch finanzieren ­können.

Zuletzt hat das Museum kaum noch gesammelt. Ist das heute überflüssig?

Im Gegenteil, wenn sich das Haus weiterentwickeln soll, muss es auch eine zeitgemäße Sammlungsstrategie geben. Wichtig ist dabei aber, dass ein Gegenwartsbezug hergestellt wird. Ich sehe das Sammeln aber auch als eine forschungsbasierte Tätigkeit. Und da müssen wir schauen, welche Ressourcen uns zur Verfügung stehen.

Die Afrika-Abteilung ist derzeit nicht besetzt. Sie sind Afrika-Spezialistin, werden Sie diese Abteilung mitübernehmen?

Ich möchte weiterhin auch inhaltlich arbeiten, so es meine Zeit zulässt. Natürlich kann ich nicht nebenbei eine Abteilung als Kuratorin führen, aber ich werde sicher für Ausstellungsprojekte meine intensiven internationalen Kontakte nutzen und gern auch einige Kooperationen eingehen. Das ändert aber nichts daran, dass diese Stelle perspektivisch wieder besetzt werden muss.

Sie haben erst vor wenigen Tagen an einer internationalen Konferenz zur Provenienzforschung teilgenommen. Welchen Stellenwert soll die Provenienzforschung, die in Hamburg sonst vor allem Kunstmuseen ­beschäftigt, künftig hier haben?

Wir haben zwar im Moment noch dringlichere Anliegen, aber ich halte es für eine ganz wichtige Aufgabe, dass wir uns mit der Geschichte des Hauses und den Umständen der Erwerbung der Objekte intensiv beschäftigen. Da ist bisher schon einiges geschehen, wir werden das auf jeden Fall fortführen.

Wulf Köpke hat das Museum in vielen Jahren zum Treffpunkt jener Menschen in Hamburg gemacht, die ausländische Wurzeln haben. Wollen Sie diese Ausrichtung fortsetzen?

Ja, sicher, auch wenn ich im Moment noch nicht sagen kann, in welcher Form das geschehen wird. Unsere Aufgabe als Haus soll nicht nur darin bestehen, Räume zur Verfügung zu stellen, es geht auch darum, mitzuwirken und mitzugestalten.

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