Groß Flottbek

Wie das Reet aufs Dach kommt

Rund 300 Häuser in Hamburg sind mit Schilfrohr eingedeckt. Es wird besonders im Frühling verarbeitet

Groß Flottbek. Es ist ein Bild wie aus einer anderen Zeit: Hoch über der Straße werkeln die Männer auf dem riesigen Dach. Werfen einander immer wieder große Bündel zu. Haken und Drähte blitzen in der Sonne. Das frische Reet scheint unter dem Blau des Himmels zu leuchten, und das Haus darunter wirkt geradezu feierlich.

Das Frühjahr ist die klassische Reetdachsaison – in ganz Norddeutschland, und eben auch in Hamburg. Und wenn ein so großes Dach wie das vom Landhaus Flottbek neu gedeckt wird, sind schon mal sechs Mann fast pausenlos im Einsatz. 3600 Reet-Bündel (Bunde) werden hier verarbeitet, jedes knapp zwei Meter lang und rund vier Kilo schwer, wie Hermann Suhr erläutert. Seine Traditionsfirma verpasst dem Landhaus das neue Dach.

Bund um Bund wird über Leitern hoch geschafft – schwindelfrei ist jeder im Team. Oben bringt Sebastian Bock die einzelnen Reet-Lagen mit dem sogenannten Klopfbrett in Form. Das gelingt so perfekt, als habe eine Maschine mitgeholfen. Ein paar Meter weiter drückt Christian Radloff ein neues Bund fest. „Schick mal noch was nach.“

Das alte Reet muss wie Sondermüll entsorgt werden

Nils Jacobsen, Besitzer des schicken Hotels mit Restaurant, betrachtet das Treiben auf dem Dach. Er wirkt hoch zufrieden, aber auch etwas gestresst. Kein Wunder: Jacobsen investiert gerade zwei Millionen Euro in das Landhaus, allein das neue Dach schlägt mit 50.000 Euro zu Buche. Zum Preis gehört übrigens auch die Beseitigung des alten Reets, das nicht einfach verbrannt oder vergraben werden darf, sondern wie Sondermüll entsorgt werden muss.

Die Zeit drängt auch für die Handwerker, denn die Auftragsbücher sind voll. Das neu geschnittene und ange­lieferte Reet soll möglichst frisch verarbeitet werden – aber erst, nachdem es ausreichend getrocknet ist. Der Feuchtigkeitsgrad muss unter 18 Prozent liegen, erläutert Hermann Suhr, ideal seien zehn bis zwölf Prozent.

Es sind gebündelte Informationen wie diese, die zeigen: Ein gutes Reetdach ist eine Wissenschaft für sich. Wer weiß denn schon, dass das Reet auf dem ausgebauten Hoteldach viel aufwendiger belüftet werden muss als beispielsweise auf einer nicht ausgebauten Scheune. Die latente Feuchtigkeit durch eingeschaltete Duschen oder den Atem der vielen Hotelgäste – all das muss der Fachmann bei seiner Planung berücksichtigen. Suhr, ein kerniger Typ mit schlauem Gesicht, grinst angesichts dieser Faktenflut breit. „Tja, das ist eine Menge Bauphysik.“

Hermann Suhr hat sein Handwerk, die Reetdachdeckerei, von klein auf erlernt. Das Familienunternehmen in Seester, Kreis Pinneberg, besteht seit 1898 – mittlerweile in der vierten Generation. „Schon als Kind habe ich in den Schulferien geholfen, mit 16 war ich dann auch auf den Dächern.“

Suhr erinnert auch noch gut, wie man das Reet in der Seestermüher Marsch erntete. Heute wird „die Ware“, wie er sagt, aus dem Ausland geliefert, zum Beispiel aus Ungarn, Rumänien oder der Türkei. Dass er den Betrieb übernehmen würde, galt früh als ausgemacht – „da wurde man nicht lange gefragt“. Seit 1994 ist er selbst Chef, allerdings hat er seinem eigenen Sohn die Wahl gelassen, ob er weitermachen will („sieht ganz so aus“).

Acht Objekte betreut Suhr aktuell in Hamburg, Schwerpunkt ist der Westen. Stolz zeigt er auf dem Handy ein echtes Meisterwerk: ein strahlend schönes Reetdach auf einem riesigen Privathaus in Rissen. Die meisten Einsätze hat die Firma aber im übrigen Norden, vor allem an der Westküste, wo laufend Ferienhäuser neu- oder – wie es in der Fachsprache heißt – umgedeckt werden.

Rund 70.000 Reetdachhäuser gibt es in Norddeutschland, schätzt Hans-Hermann Ohm, Obermeister der Reetdachdecker-Innung Schleswig-Holstein. Genaue Zahlen für Hamburg fehlen, Ohm geht von 250 bis 300 aus. Die meisten gibt es in Finkenwerder, Bergedorf und im Hamburger Westen, vor allem in Rissen. Immerhin acht Reetdächer findet man im verwinkelten Blankeneser Treppenviertel. Die Zahlen sind seit Jahren konstant, mittlerweile steigen sie sogar leicht an. Stolze 26 Betriebe sind in der Innung vereint, auch ein Zeichen dafür, dass Reet nach wie vor ein beliebter Baustoff ist.

Das liegt zum einen daran, dass Reetdächer schick aussehen und beispielsweise auf Sylt seit Jahren das Erscheinungsbild prägen. Wer eine Reetdachkate als Wochenendhäuschen kauft, lässt nur in Ausnahmefällen ein Schindeldach als Ersatz aufbauen – wenn es überhaupt erlaubt ist. Beliebt sind Reetdächer auch, weil sie das Haus auf natürliche Weise im Winter warm und im Sommer kühl halten. Da es „unter Reet“ kaum Temperaturschwankungen gibt, fühlt man sich in einem Reetdachhaus permanent frisch, es ist laut Hans-Hermann Ohm entsprechend ideal für Menschen, die unter Allergien leiden.

So gut wie fertig sind die Arbeiten am Landhaus Flottbek mittlerweile – und allzu bald müssen die Reetdach­decker nicht wiederkommen. 40 bis 50 Jahre wird das neue Dach halten, ist Hermann Suhr sicher – „mindestens“.