Gipfeltreffen

Wie linke Gruppen Blockaden gegen G20 trainieren

Mehrere Hundert Teilnehmer der Aktionskonferenz und Unterstützer aus der linken Szene zogen am Sonnabendabend zu den Messehallen

Mehrere Hundert Teilnehmer der Aktionskonferenz und Unterstützer aus der linken Szene zogen am Sonnabendabend zu den Messehallen

Foto: Michael Arning

Friedliche Demonstration mit 850 Teilnehmern zu den Messehallen. Was die Gipfel-Gegner am 7. und 8. Juli erreichen wollen.

Hamburg.  Alle in den Kreis, Handzeichen, letzte Hinweise. „Bleibt kompakt!“, ruft eine junge Frau durch ihr Gesichtstuch. Arme auf die Schultern, langsam vorwärts gehen. Direkt auf eine vermeintliche Polizeikette zu. Ein junger Mann, der sich als Beamter verkleidet hat, krakeelt in einen Lautsprecher. So ähnlich stellen sich Linke bei diesem Testlauf den Ernstfall vor.

Das Training soll zeigen, wie man „elegant“ eine Polizeikette durchbricht. Auf dem Lattenplatz im Karolinenviertel laufen sich Linke für den G20-Gipfel warm. Es ist der Höhepunkt der Aktionskonferenz, die am Wochenende im nahen Millerntor-Stadion abgehalten wurde.

Die Polizei sei nicht der Gegner

Anfang Juli wollen die Organisatoren 150.000 Demonstranten auf die Straße bringen, Unternehmen und Straßen blockieren, die gesperrten Bereiche stürmen. Bei der Polizei arbeitet ein 80-köpfiger Planungsstab an der Sicherheit des Gipfels. Mehrere Hundert seiner Gegner saßen an diesem Wochenende in Workshops, diskutierten ihre Strategie; den Ablauf haben sie in schwingender Schrift auf DIN-A2-Blätter gedruckt.

„Die Polizei ist nicht der Gegner“, sagt der Mitorganisator Nico Berg, kurzes Haar, eher Typ Schwiegersohn als Steinewerfer. „Aber wir wollen den Gipfel stören.“ Die Köpfe hinter dem groß angelegten G20-Protest sind keine hasserfüllten Militanten, wie der Wirbel um die Aktionskonferenzen (siehe Text rechts) vermuten ließ. Aber ob sie verhindern können, dass die Krawallmacher alles übertönen, ist eine der großen Fragen vor dem Gipfel.

Kein Bekenntnis gegen Gewalt

Im Ballsaal des Stadions geht es zu wie auf einer Messe, kleine Stände einzelner Gruppen, eine Kaffeebar. In einem Raum suchen Teilnehmer nach Ideen, wie sie beim Gipfel ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen können – einige Zimmer weiter planen Autonome aus der Roten Flora die Demonstration „Welcome to Hell“, die in Sicherheitskreisen als wahrscheinlicher Brandherd für Ausschreitungen gilt. Der Sprecher dieser Demo sagt: „Es kommen Menschen aus aller Welt, selbst aus Mexiko und Kolumbien, um zu zeigen, dass eine andere Ordnung möglich ist.“

Die Frage nach Gewalt als Protestmittel wabert durch die Workshops, ohne auf der Tagesordnung zu stehen. Intern werde heißblütig diskutiert, ob die Brandanschläge der vergangenen Wochen ihrer Sache schaden oder helfen, sagen Mitglieder der Szene. Aber öffentlich scheuen gemäßigte wie radikale Gruppen klare Aussagen dazu. „Die wahren Verbrecher sitzen in Parla­menten und Regierungen, während Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken“, sagt Emily Laquer, so etwas wie die Galionsfigur des Protests. Auch sie ist jung.

Die Organisatoren wissen, dass sie den G20-Gipfel nicht verhindern können. Aber sie wollen die Hoheit über den Diskurs. Dafür sorgen, dass mehr Bilder des Protests um die Welt gehen als die Fotos eines lächelnden Donald Trump in der Elbphilharmonie. Die Hamburger Gipfel-Gegner haben teils persönlich Gruppen aus dem Ausland eingeladen, aus Griechenland, Spanien, Italien, Skandinavien, Osteuropa. Diese Linken bringen auch ihre eigene Agenda mit; die Polizei glaubt, dass Tausende mit dem klaren Ziel von offenen Straßenschlachten anreisen könnten.

Streiks, Blockaden und „großes Finale“ geplant

Auf der Aktionskonferenz sind sie nicht vertreten. „Man darf das auch nicht pauschal verurteilen, man muss respektieren, welch berechtigte Wut etwa die Menschen aus Griechenland haben“, sagt ein Teilnehmer. Deshalb rufe man nicht zur Mäßigung auf. Man müsse „im Grundsatz zusammenhalten“, das sagen einige Gipfel-Gegner auch, wenn man sie nach den Tätern hinter den Brandanschlägen fragt.

Nach Ende des ersten Workshop-Tages ziehen rund 850 Demonstranten vom Millerntor zu den Messehallen, die Demonstration bleibt friedlich.

Am Sonntag laden die Organisatoren zur Pressekonferenz im Stadion, sechs Sprecher aus sechs Bündnissen, es sind längst nicht alle vertreten. Es gibt kein Oberkommando der Gipfel-Gegner und keinen mit einer exakten Übersicht über alle Aktionen. Allein die Pläne der Hamburger sind ambitioniert: Für den 7. Juli sind ein Bildungsstreik sowie Blockaden von Straßen und Infrastruktur geplant, um die „Logistik des Kapitals“ zu treffen. Am 8. Juli soll die Großdemo mit bis zu 150.000 Teilnehmern das „große Finale“ des Gipfel-Protests sein.

Protestübung mit Wasserpistolen

Die Verhandlungen mit der Stadt führt Werner Rätz, sein weißer Bart trägt Zeugnis von 30 Jahren des politischen Kampfes. Er glaubt, dass die Polizei es nicht schaffen werde, die Groß­demo in der City zu verhindern. „Es muss möglich sein, Protest auszu­drücken.“ Von den Teilnehmern der Konferenz heißt es, der G20-Protest lasse Demonstranten mehrerer Generationen eng zusammenwachsen.

Als beim Aktionstraining der Pulk fast die „Polizeikette“ erreicht, kommt das Zeichen. Die Teilnehmer huschen durch metergroße Lücken, die echte Polizisten nie zulassen würden. Einige Spielknüppel der „Beamten“ treffen die Oberschenkel und Arme, Wasserpistolen spritzen, Sonne flutet den Hof. Auch die Gipfel-Gegner werden erst wissen, wie der Ernstfall aussieht, wenn er Realität wird.