Hamburg

Der Nipplejesus auf Platt hat das Zeug zu einem Kultstück

Oskar Ketelhut als ehemaliger Türsteher Hauke, der  nun zeitgenössische Kunst bewacht und sich darüber so seine Gedanken macht

Oskar Ketelhut als ehemaliger Türsteher Hauke, der nun zeitgenössische Kunst bewacht und sich darüber so seine Gedanken macht

Foto: Sinje Hasheider

Im Ohnsorg-Studio hatte Nick Hornbys Einpersonenstück Premiere mit einem überragenden Solo von Oskar Ketelhut.

Hamburg.  Eleganter Anzug, rote Krawatte, rote Schuhe, das Kreuz durchgedrückt, grimmiger Gesichtsausdruck, Knopf im Ohr. Es fehlt eigentlich nur noch die hochgeschobene Sonnenbrille. Eine Pose, die Hauke (Oskar Ketelhut) in zahllosen Nächten als Türsteher eines Nachtclubs Casablanca perfektioniert hat. Gäste mustern und selektieren, ­arrogant auftreten und den Nachtschwärmern deutlich machen: „Sprich mich nicht an. Mit mir ist nicht zu spaßen!“

Oskar Ketelhut legt ein überragendes Solo hin

Doch Hauke steht nicht vor einem Kiezclub, sondern in einem Museum. Offensichtlich in einer Abteilung mit moderner Kunst. Links eine weiße Sonne, die an eine Brust erinnert, allerdings ohne Nippel, daneben ein Sammelsurium aus Kabeln und Drähten. Ein anderes Ausstellungsstück zeigt eine Thermoskanne und eine Brotdose, es gibt eine leere Vi­trine, und an der Wand hängt ein ab­straktes Bild in Braun und Gelb. Und dann ist da noch ein geschlossener Vorhang. Das Kunstwerk dahinter ist nicht zu sehen, doch es ist der Grund, warum in diesem Raum nicht ein rüstiger Rentner aufpasst, sondern ein breitschultriger Bodyguard. Hier hing der „Nipplejesus“ .

Hauke bezeichnet es als „sein Bild“. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Werk zu schützen, zumal er sehr viel Sympathie für die junge Künstlerin Martha empfindet, die das Werk geschaffen hat. Der „Nipplejesus“ ist ein Stein des Anstoßes, denn Martha hat den leidenden Christus am Kreuz aus Tausenden von ausgeschnittenen Brustwarzen aus einschlägigen Magazinen collagiert. Das erkennt der Betrachter aber erst, wenn er direkt vor dem Werk steht. „Pornografie“ und „Blasphemie“ empören sich kirchliche Vertreter und Moralapostel.

Überragendes Solo Ketelhuts

„Porno, das ist Sex mit Hunden oder Lesben mit Dildos“, definiert Hauke seine Vorstellung von Sexdarstellungen. Hauke verteidigt den „Nipplejesus“ gegen seine Frau Lisa, die das Werk ­eklig findet, er lässt niemanden zu nahe heran, beschließt neue Museumsregeln und schützt es, als wäre es der Bundespräsident höchstpersönlich, für den er sich in die Bresche werfen muss. Doch Hauke wird ausgetrickst, als er den Raum mit einem Eier-Attentäter kurz verlässt. Andere Kunstgegner stürmen herein und zerstören das Bild. „In Mors“, lautet sein knapper Kommentar zu dieser Aktion.

Der britische Schriftsteller Nick Hornby („High Fidelity“, „Fever Pitch“) hat den „Nipplejesus“ geschrieben. Ohnsorg-Dramaturgin Cornelia Ehlers übersetzte das Einpersonenstück vorzüglich ins Plattdeutsche, Marc Becker inszenierte es jetzt im Ohnsorg-Studio mit Oskar Ketelhut in der Hauptrolle. Der Ohnsorg-Protagonist legt dabei ein überragendes Solo hin. Nachdem er seine anfängliche stoisch-abweisende Pose aufgegeben hat, kommt er ins Plaudern und erzählt die Geschichte des Bildes und seine Rolle darin.

Ketelhuts Hauke ist ein eigentlich argloser Mann, nicht sehr gebildet, angstfrei. „Ne saubere Unterhose brauche ich nicht jeden Abend“, sagt er. Und wenn es darauf ankommt, kann er auch schon mal ordentlich hinlangen: „Ich bin nicht Mutter Teresa.“ Manchmal kommt er dicht an die ­Zuschauer ran, fixiert einen und fragt: „Is wat?“ So ganz kann er seine Türsteher-Attitüde doch nicht ablegen.

Marc Becker hat mit genauem Timing inszeniert

Hornbys Monolog ist auch ein Nachdenken über moderne Kunst. Hauke ­zitiert den berühmten Satz „Ist das Kunst, oder kann das weg?“, der im Kunstbetrieb des Öfteren gefragt wurde, wenn Putzkräfte mal wieder ein ­Artefakt weggeräumt hatten, das sie für Müll gehalten hatten. Während Hauke so über das Wesen der Kunst nachdenkt, spuckt die weiße Sonne plötzlich Tischtennisbälle aus, der Kabelbaum fängt an zu zischen und hüllt sich in ­Nebel, während die japanische Begrüßungsformel „moshi, moshi“ ertönt, von Hauke genervt als „muschi, muschi“ nachgeäfft.

Thermoskanne und Butterbrotdose entpuppen sich nicht als Kunstwerk, sondern als Haukes Frühstück. Komischer kann man den oft schwierigen Diskurs über die Sinnhaftigkeit moderner Kunst kaum auf den Punkt bringen. Die Kunstwerke im Ohnsorg-Studio ­basieren übrigens auf Ideen der Requisiteure der Bühne am Heidi-Kabel-Platz.

Kultstatus-Potenzial

Dieser „Nipplejesus“ auf Platt hat das Zeug zu einem Kultstück und wird bestimmt noch in der kommenden Spielzeit unter dem neuen Intendanten ­Michael Lang laufen. Regisseur Marc Becker, der zusammen mit Katrin Reimers auch das Bühnenbild kreiert hat, inszeniert es mit genauem Timing und dem richtigen Maß zwischen erzählter Geschichte und effektsicher platzierten Gags. Mit Ketelhut findet er einen Schauspieler, der perfekt auf der ­Gefühlsklaviatur spielen kann.

Mal ist er jovialer Erzähler, dann steigert er sich in Wut über die „Klapps­kallis“, die sein Bild ablehnen, und am Ende zeigt er seine Enttäuschung darüber, dass er zum „Döskopp“ gemacht worden ist. Denn der „Nipplejesus“ diente der Provokation und sollte nach dem Willen der Künstlerin zerstört werden, weil daraus das nächste Werk entstehen konnte, nämlich die Videoaufzeichnung der Zerstörung. Ein bisschen Schadenfreude empfindet Hauke dann doch, denn die Überwachungskamera war suboptimal ausgerichtet und zeigt nur wenig von der Aktion – und das in mieser Qualität. Haukes lakonischer Kommentar: „Video mit nix opp.“

„Nipplejesus“ nächste Vorstellungen 7./8.4., jeweils 19.00, Ohnsorg-Theater (U/S Hauptbahnhof), Heidi-Kabel-Platz 1, Karten 22,- unter T. 35 08 03 21; www.ohnsorg.de