Altkanzler

Trump, Brexit, Erdogan: Das würde Helmut Schmidt sagen

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (Archivbild)

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (Archivbild)

Foto: dpa

Was hätte der ehemalige Bundeskanzler zu aktuellen Themen gesagt? Eine Suche nach Antworten in seinen Schriften.

Brexit
„Weil ich in der anglophilen Atmosphäre Hamburgs aufgewachsen bin, habe ich mir lange Zeit eine funktionierende europäische Integration ohne entscheidende Mitwirkung der Briten und ihrer Staatskunst nicht vorstellen können. (...) Vor allem der undurchsichtig taktierende Harold Wilson und später Margret Thatcher (und in jüngster Vergangenheit abermals Tony Blair) haben mich gelehrt, dass für die politische Klasse Englands der Kanal zwischen Dover und Calais immer noch viel breiter ist als der Atlantik und dass die special relationship mit den USA auf absehbare Zeit für England viel wichtiger bleibt als die europäische Integration.“

Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz München 2008, S. 112–113


Türkei

„Wenn es zur Aufnahme der Türkei (in die EU – d. Red.) kommt, kann das der Anfang vom Ende der Europäischen Union werden. (...) Die Türkei sind heute 70 Millionen Menschen, am Ende des Jahrhunderts werden es über 100 Millionen Menschen sein. Die Türken wären dann das volkreichste Mitgliedsland der Europäischen Union. Wir würden einen Teil unserer öffentlichen Haushalte darauf verwenden, aus der Türkei endlich einen fortschrittlichen Industriestaat zu machen (...) Das alles vor dem Hintergrund, dass die Türkei zur Zeit in einem Prozess der zunehmenden Re-Islamisierung begriffen ist.“

Helmut Schmidt/Fritz Stern: „Unser Jahrhundert. Ein Gespräch, München 2010, S. 269


Islamische Welt

„Das Spannungsverhältnis mit der islamischen Welt schafft Sicherheitsprobleme, die kaum und jedenfalls nicht ausschließlich mit militärischen Mitteln zu behandeln sind. Wir sollten sie sehen, aber wir sollten uns nicht einbilden, dass alle Probleme irgendwo auf der Welt unsere Aufgaben sind. (...) Wenn andere Leute sich gegenseitig umbringen wollen, dann ist das nicht notwendigerweise unsere Sache, das zu verhindern. Es ist auch nicht unsere Sache, dafür das Leben der eigenen Soldaten aufs Spiel zu setzen.“

Interview für die „Süddeutsche Zeitung“, www.sueddeutsche.de, 19. März 2010


EU/Europa

„Meine Voraussage ist, dass die Handlungsunfähigkeitskrise der EU auch durch den Lissabonner Vertrag nicht wirklich überwunden wird. Stattdessen wird sich im Laufe der nächsten zehn, 15 Jahre de facto ein innerer Kern der Europäischen Union entwickeln, ohne Verfassung, ohne Konstitution, ohne Vertrag. Dieser innere Kern sollte bestehen aus Frankreich, Deutschland, Polen, Italien, Belgien und Holland.“

Helmut Schmidt/Fritz Stern: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch, München 2010, S. 275

„Wir dürfen keineswegs den Anschein erwecken oder auch den Eindruck zulassen, als ob Deutschland mit Hilfe seiner großen und leistungsfähigen Volkswirtschaft die Führung der EU anstrebt. Diese Warnung scheint mir dringend geboten, denn ein solcher Eindruck könnte den zur Zeit unwahrscheinlichen, aber dennoch denkbaren Zerfall der EU begünstigen.“

Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz, München 2008, S. 97

„Es fehlen (...) Personen vom Format Churchills oder de Gaulles, es fehlen Personen vom Typus Jacques Delors oder Raymond Barre. Es fehlen Leute, die nicht nur Resolutionen fassen, sondern die das, was in den Resolutionen steht, hinterher auch tatsächlich durchsetzen.“

„Die Zeit“, 27. Dezember 2012

„Falls jedoch die Europäische Union im Laufe der kommenden Jahrzehnte nicht zu einer – wenn auch begrenzten – gemeinsamen Handlungsfähigkeit gelangen sollte, so ist eine selbstverursachte Marginalisierung der einzelnen europäischen Staaten und der europäischen Zivilisation nicht auszuschließen. Ebenso wenig kann in solchem Falle das Wiederaufleben von Konkurrenz- und Prestigekämpfen zwischen den Staaten Europas ausgeschlossen werden. In solchem Falle könnte die Einbindung Deutschlands kaum noch funktionieren. Das alte Spiel zwischen Zentrum und Peripherie könnte abermals Wirklichkeit werden.“

Rede von Helmut Schmidt auf dem SPD-Parteitag 2011 in Berlin


USA

„Washington neigt zum Unilateralismus – wer auch immer dort regiert (...) Angesichts dieser Einstellung kam es in der amerikanischen Geschichte immer wieder zu zwei entgegengesetzten Konsequenzen: Entweder entschloss sich Amerika, der Welt notfalls mit militärischem Aufwand eine bessere Ordnung zu geben, um Unordnung, Ungerechtigkeit oder Unterdrückung aus der Welt zu schaffen – oder Amerika entschied sich dafür, dem Rest der Welt den Rücken zu kehren und sich auf seinen unermesslich großen und reichen Kontinent zu konzentrieren, mit anderen Worten: für Isolationismus und Monroedoktrin.“

Helmut Schmidt: Menschen und Mächte, München 1987, S. 335–336


„In allen Phasen, selbst in den vielen Kehrtwendungen, habe ich die Vitalität der amerikanischen Nation immer bewundert, und ein Quentchen Neid habe ich nie unterdrücken können. Diese Vitalität wird von Optimismus und moralischem Idealismus getragen. Eine ihrer Wurzeln liegt wahrscheinlich in jenem Zustrom aus Europa, der jahrhundertelang Menschen über den Ozean brachte, deren Freiheitsdrang besonders stark ausgeprägt war und die sich – im Vertrauen auf die eigene Kraft – aus dem Nichts eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen bereit waren.“

Helmut Schmidt: Menschen und Mächte, München 1987, S. 157


Europa & die USA
„Manche Auseinandersetzungen wären zu vermeiden gewesen oder hätten unter geringeren Reibungsverlusten beigelegt werden können, wenn die politische Klasse in den USA annähernd so viel über russisch-sowjetische Geschichte, über Europa und über die Weltwirtschaft wüsste, wie umgekehrt die politischen Führer der europäischen Staaten gemeinhin über Amerika und die über die Sowjetunion wissen.“

Helmut Schmidt: Menschen und Mächte, München 1987, S. 159

„Eines stetigen Austausch mit den Amerikanern und des ständigen Versuchs der Einflussnahme auf Washington bedarf es auch deshalb, damit wir Europäer vor einseitigen Überraschungen durch Washington sicher sein können.“

Helmut Schmidt: Menschen und Mächte, München 1987, S. 338


Russland

„Trotz aller gegenwärtigen ökonomischen und politischen Schwächen Russlands kommt der Westen an einer praktischen Anerkennung der geschichtlichen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weltmachtrolle dieses riesigen Landes nicht vorbei.“

Helmut Schmidt: Einmischungen. Ausgewählte „Zeit“-Artikel von 1983 bis heute, Hamburg 2010, S. 151

„Es wird über viele Generationen hinweg einer engen Berührung mit der westlichen sozialen und politischen Kultur bedürfen, um bei den Russen eine Einsicht in die Grundwerte westlich erzogener Menschen zu erreichen. In der Zwischenzeit ist es notwendig, dass der Westen sich vor der weiteren Ausdehnung russisch-sowjetischer Macht schützt.“

Helmut Schmidt: Menschen und Mächte, Berlin 1982, S. 38


Frankreich

„Wer (...) Zwietracht aufkommen lässt zwischen Deutschen und Franzosen, wer den europäischen Inte­grationsprozess untergräbt (...), der wird erleben, dass die Weltmächte Amerika, China, Russland und Japan im nächsten Jahrhundert über das geringe Gewicht der einzelnen europäischen Staaten hinweggehen, sei es auf den Feldern der Währungen und Wechselkurse oder der Handels- und Finanzmärkte und ihrer Regulierung, sei es in der Kontrolle der Rüstungen und Rüstungsexporte oder auf dem immer wichtiger werdenden Feld der Kontrolle der Vergiftung von Atmosphäre und Wasser.“

Helmut Schmidt: Einmischungen. Ausgewählte „Zeit“-Artikel von 1983 bis heute, Hamburg 2010, S. 159 (aus der „Zeit“ vom 20. Dezember 1996)


Pegida

„Die Pegida-Proteste appellieren an dumpfe Vorurteile, an Fremdenhass und Intoleranz. Doch das ist nicht Deutschland. Der Blick in unsere Geschichte und der wirtschaftliche Verstand sagen uns: Deutschland darf Flüchtlinge und Asylbewerber nicht verstoßen. Deutschland muss weltoffen und tolerant bleiben. Darum ein deutliches NEIN zu Pegida!“

Helmut Schmidt, bild.de, 6. Januar 2015


Wahlkämpfe

„Zwar werden die Wahlkämpfe in Deutschland auch künftig von Unfairness, Unwahrheiten und Übertreibungen überschattet sein, aber sie werden sich von den Wahlkämpfen in unseren demokratisch regierten Nachbarstaaten nicht sonderlich unterscheiden. Nirgendwo auf der Welt finden Wahlkämpfe auf der moralischen Hochebene statt.“

Helmut Schmidt: Außer Dienst. Eine Bilanz, München 2008, S. 79


Hamburg und die Flüchtlinge

„Die geistige Atmosphäre der Stadt ist durch ordinären Lokalpatriotismus und zugleich durch ungewöhnliche Weltoffenheit und Weltkenntnis gekennzeichnet. Sie hat seit Jahrhunderten eine starke Integrationskraft bewiesen, denn ihr Wachstum verdankt sie vornehmlich dem Zuzug von außerhalb.

Die Zuwanderer kamen nicht nur aus dem deutschsprachigen Umland, sondern es kamen auch Holländer, Dänen, Engländer, Hugenotten, Saphardim und Ashkenasim, Italiener, Türken und Perser. Hamburg hat alle eingeschmolzen, und bis zu der in den letzten Jahrzehnten uferloser Bonner und Berliner Einwanderungspolitik zugunsten von Asiaten und Afrikanern hat es hier keine Ghettobildung gegeben.“

Helmut Schmidt: Dann wäre ich Hafendirektor geworden. Hamburger Ansichten, Hamburg 2015, S. 203-204; der Beitrag „Meine Heimat. Eine Liebeserklärung“ erschien zuerst in der „Zeit“ am 5. August 2005