Hollywood-Star

Geheimer Dreh mit Keira Knightley bei Hamburg

Schauspielerin Keira Knightley (Archivfoto)

Schauspielerin Keira Knightley (Archivfoto)

Foto: picture alliance

Im Kreis Stormarn entsteht ein Kinofilm mit internationaler Starbesetzung. Das Abendblatt war bei den Dreharbeiten dabei.

Travenbrück.  Vor einigen Wochen lag Hamburg noch vor den Toren Prags, kurz danach fand man es im Kreis Stormarn, in der kleinen Gemeinde Travenbrück nicht weit von Bad Oldesloe entfernt. Die Ursache für diese geografische Unbeständigkeit liegt im Medium – wir sind beim Film. Gerade erst wurde bei Hamburg ein Kinofilm mit internationaler Besetzung gedreht, der während der Nachkriegszeit in der Hansestadt spielt.

Damit "The Aftermath" später authentisch aussieht, musste man den Spagat zwischen Prag und Tralau machen und ironischerweise überhaupt nicht in der Stadt selbst drehen, weil die bekanntlich nicht mehr sehr nachkriegerisch aussieht. Vor der Kamera standen unter anderem Hollywood-Star Keira Knightley, Alexander Skarsgård und Jason Clarke. Das Abendblatt war exklusiv bei den Dreharbeiten dabei.

Handlung spielt im Jahr 1946

Ein Frühjahrstag in Travenbrück vor wenigen Tagen: Malerisch liegt Schloss Tralau da, eine Mischung aus Schloss Neuschwanstein und dem Disney-Schloss. Umgeben ist es von Generatoren, Reflektoren und langen Kabelsträngen. Trotz der nicht unbeträchtlichen äußeren Reize des Herrenhauses aus dem 19. Jahrhundert zählen für das Filmteam eher dessen innere Werte. Alle Innenszenen, und davon gibt es viele, spielen in den Räumen des Anwesens, die dafür aufwändig so umgebaut wurden, dass sie wie die Räume einer Villa an der Elbchaussee wirken.

Die Handlung spielt im Jahr 1946. Der britische Besatzungsoffizier Colonel Lewis Morgan wird mit seiner Frau Rachael in dem Gebäude einquartiert. Der Soldat soll bei der Entnazifizierung mithelfen. Zum Entsetzen seiner Frau verlangt Morgan nicht, dass die deutschen Besitzer ausziehen. Stefan Lubert, der eigentlich Architekt ist, muss sich als Arbeiter in einer Metallfabrik durchschlagen. Bei ihm wohnt auch noch die 14 Jahre alte Tochter Frieda.

Auf Wunsch der Briten haben die Luberts ihre gediegenen Wohnräume im Erdgeschoss verlassen und hausen jetzt auf dem Dachboden. Die Morgans haben einen Sohn bei einem Bombenangriff der Deutschen auf Großbritannien verloren. Luberts Frau starb bei einem Luftangriff der Alliierten auf die Hansestadt. Zunächst kommen die Familien nicht so gut miteinander zurecht, aber dann… Die Geschichte orientiert sich an Tatsachen und den Erlebnissen von Walter Brook, die sein Enkel Rhidian aufgeschrieben und unter dem Titel „Niemandsland“ als Roman veröffentlicht hat.

Gedreht wird an diesem Tag eine Schlüsselszene des Films. Rachael wird gespielt vom britischen Kinostar Keira Knightley („Fluch der Karibik“, „Anna Karenina“, „Stolz und Vorurteil“). Für sie ist es eine Rückkehr in die Umgebung Hamburgs. Zu Beginn ihrer Karriere, im Jahr 2002, drehte sie hier die erfolgreiche Frauenfußball-Komödie „Kick it Like Beckham“. Heute trägt sie einen braunen Wintermantel, der ihre Augenfarbe effektiv unterstreicht.

Als sie ins Haus kommt, überrascht sie Teenager Frieda (Flora Li Thiemann) im Wohnzimmer beim Klavierspielen. Ihr Vater Stefan (Alexander Skarsgård) kommt dazu und schimpft mit seiner Tochter. „Frieda, geh in dein Zimmer! Sofort!“, sagt der Schwede Skarsgård, der gerade in der US-Serie „Big Little Lies“ an der Seite von Nicole Kidman spielt, in harschem Ton auf Deutsch, um dann beschwichtigend auf Englisch auf Rachael einzuwirken. Aber die fühlt sich gar nicht so sehr gestört. Zum ersten Mal erwähnt Lubert bei dieser Gelegenheit seine verstorbene Frau, die eine gute Pianistin gewesen ist. Das Eis zwischen ihnen beginnt zu schmelzen. Die Kamera verharrt am Ende in Großaufnahme auf Knightleys Gesicht. Sie blickt verwundert und berührt.

Ausstatterin war detailversessen

Ein Gang durch das Haus macht deutlich, wie detailversessen die britisch-deutschen Ausstatterin Sonja Klaus gearbeitet hat. Sie hat ein prächtiges Bad eingebaut, dessen falsche Marmorwand man teilweise herausnehmen kann, damit die Kamera Ms. Knightley später beim Planschen zusehen kann – Schaum ist also so gut wie garantiert. Im früheren Zimmer von Frieda steht, wie ein überdimensionales Puppenhaus, eine Nachbildung des Hauses an der Elbchaussee.

Es lässt sich öffnen, ist möbliert, sogar an einen winzigen Teddy auf dem Bett hat Klaus gedacht. Der Dachboden wurde ebenfalls umgestaltet. Hier regiert schlichte Zweckmäßigkeit. Auf Friedas „neuem“ Bett liegen Sammelalben für Oblaten, in der Ecke liegen ihre Metallrollschuhe. Weil die Geschichte um die Weihnachtszeit herum spielt, findet man sogar einige Packungen von altem oder auf alt getrimmten Gold-Lametta in den Regalen.

Britisch-deutsche Koproduktion

„Dies ist ein ziemlich komplizierter Film. Man muss es schaffen, die Balance zwischen drei Charakteren zu halten“, sagt Regisseur James Kent. „Die Themen sind Trauer, Vergebung und Mitgefühl für andere Nationen. Deshalb ist das auch ein Film, den wir angesichts der Flüchtlingskrise im Moment besonders brauchen.“ Über seine Hauptdarstellerin schwärmt er: „Keira hat klassische Filmstar-Qualitäten und ist besonders gut in historischen Stoffen.“

Der Film ist eine britisch-deutsche Koproduktion. Die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein hat sie mit 750.000 Euro unterstützt. Auf deutscher Seite ist daran Produzent Malte Grunert beteiligt, der auch für den Oscar-Kandidaten „Unter dem Sand“ und die John-Le-Carré-Verfilmung „A Most Wanted Man“ verantwortlich war. Man habe sich viele Häuser in Deutschland und Tschechien angesehen, bevor man sich für Tralau entscheiden habe, sagt er.

Natürlich hätte man die Räumlichkeiten auch in einem Studio bauen können. „Aber man sieht den Unterschied. Dies ist ein echtes Haus mit einer echten Treppe und einem echten Dachboden.“ Grunert erwähnt das besondere Verhältnis, das die anglophilen Hamburger und die Briten schon seit langem miteinander verbindet. „ Die Briten haben in der von ihnen besetzten Zone spezielle Spuren hinterlassen. Hamburg war die erste Stadt, dem man nach dem Krieg wieder ein Orchester und Zeitungen bewilligte.“

Auf britischer Seite kümmert sich Produzent Jack Arbuthnott um den Film. Er arbeitet für Scott Free, die britische Produktionsfirma von Ridley Scott, der hier ebenfalls als Produzent in Erscheinung tritt, zusammen mit BBC Films. Die größte Herausforderung sei es gewesen, authentisch wirkende Bilder vom Nachkriegs-Hamburg zu finden, sagt Arbuthnot.

Fündig wurde das Team in Tschechien. „Wir haben eine ehemalige Zuckerfabrik in Prag gefunden, die wir zerstören durften. Tonnenweise haben wir Schutt dorthin gebracht.“ Er erinnert daran, dass die Schrecken des Krieges keineswegs gleich verteilt waren. „In einer Nacht wurden auf Hamburg mehr Bomben abgeworfen als in Großbritannien während des gesamten Krieges. Es ist erstaunlich, wie schnell es mit der Wiedergeburt der Stadt danach voran ging.“

Rachaels Geschichte sei auch eine „Reise zur unumstößlichen Menschlichkeit“, sagt Arbuthnott, sie spiegle den damaligen Zeitgeist wieder. „Dies ist ein auf merkwürdige Weise hoffnungsvoller Stoff, und ein Beispiel dafür, dass sich mit dem rechten Willen die Dinge sehr schnell zum Guten verändern können.“

Twentieth Century Fox wird „The Aftermath“ voraussichtlich in etwa einem Jahr in die Kinos bringen.