Hamburg/Kiel

Zurück an den Schulen: Plattdüütsch wedder in Mood

Peer-Marten Scheller mit einem prämierten, plattdeutschen Gedichtband

Peer-Marten Scheller mit einem prämierten, plattdeutschen Gedichtband

Foto: Lutz Kastendieck

Mehr Schüler im Norden lernen Plattdeutsch. EU-Charta verpflichtet Landesregierungen, Regionalsprache zu schützen.

Hamburg/Kiel.  Zur Hansezeit war das Niederdeutsche eine internationale Geschäftssprache. Heute sprechen es noch etwa 100.000 Hamburger. Aber es werden wieder mehr. Seit das Niederdeutsche als Wahlpflichtfach in Schulen angeboten wird, scheint der unaufhaltsame Niedergang der einstigen Sprache des kleinen Mannes gestoppt zu sein. „Ich finde das super positiv, was gerade geschieht“, sagt Peer-Marten Scheller, der Sprecher des Plattdeutschen Rats für Hamburg.

Die Wiederbelebung der Regionalsprache ist ein Verdienst der Europäischen Union. Die hatte 1992 eine Charta der Regional- oder Minderheitensprachen verabschiedet. Zentraler Punkt: Diese Sprachen sind zu schützen.

Länder sind verpflichtet, Sprachen zu schützen

Mit der EU-typischen Verzögerung entfaltete das Papier eine erhebliche Wirkmacht. 1998 wurde die Charta vom Deutschen Bundestag ratifiziert, 1999 trat sie in Kraft. Seitdem sind die Länder verpflichtet, die Sprachen zu schützen. In Schleswig-Holstein steht das mittlerweile sogar in der Verfassung.

Letztlich dauerte es dann noch weitere zehn Jahre, bis klar war, wie Sprachen erhalten werden können: durch Schulunterricht auf freiwilliger Basis. „Vielleicht hätte man schon viel früher mit diesem Unterricht beginnen sollen“, sagt Peer-Marten Scheller. „Uns sind zwei Generationen weggebrochen.“ Scheller selbst hat noch mit seinen Großeltern Plattdeutsch gesprochen.

Viele Hamburger haben das getan. Aber sie haben niemals aktiv sprechen gelernt. Plattdeutsch galt als bäuerliche Sprache, als Hafenarbeiter-Sprache – und war jedenfalls nichts für die Jugend, „die es einmal besser haben sollte“.

Es geht bergauf

Kein Zweifel, der Weg über den Schulunterricht hat auch etwas Künstliches. „Aber anders geht es nicht“, sagt Marianne Ehlers, die Niederdeutsch-Referentin des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes (SHHB). Sie setzt sich seit Jahren für den Erhalt der Sprache ein – und freut sich, dass es nun bergauf geht.

„Nach dem Sommer kommen die ersten Kinder, die in der Grundschule mit Niederdeutsch angefangen haben, auf die weiterführende Schule“, sagt sie. „Es wäre schön, wenn es dann später auch die Möglichkeit gäbe, dass die Kinder ihr schrift­liches und mündliches Abitur in dem Fach ablegen können.“

Jeweils zwei Wochenstunden Niederdeutsch

Sechs Gymnasien und Gesamtschulen haben sich beim Kieler Bildungsministerium darum beworben, nach den Sommerferien Niederdeutsch anbieten zu können. Die Lehrerstellen sind bewilligt, die Unterrichtspläne für die Klassen fünf und sechs liegen vor.

Das Bildungsministerium hatte ursprünglich geplant, Niederdeutsch zunächst in maximal zehn Gemeinschaftsschulen oder Gymnasien umzusetzen. „Eine gleichmäßige regionale Verteilung wird angestrebt“, sagt die Ministeriumssprecherin Beate Hinse. In der Ausschreibung hatte es geheißen: „Vorrangig werden Schulen gesucht, die einen Anschluss an die Arbeit in den Grundschulen bieten können.“ Die teilnehmenden Schulen sollen demnächst offiziell benannt werden. In den fünften Klassen sollen jeweils zwei Wochenstunden Niederdeutsch gegeben werden.

Renate Schnack, die MinderheitenBeauftragte der Kieler Landesregierung, sieht die Sprache im Aufwind. „Man schämt sich nicht mehr, Niederdeutsche zu sein“, sagt sie. Ja, vielleicht hätte man früher mit dem Unterrichten beginnen sollen. Aber die Stimmung sei damals eine andere gewesen. „Die Plattdeutschen Räte haben sich mit dem zufriedengegeben, was war“, sagt Schnack.

Mecklenburger lernen Platt an 69 Schulen

In Mecklenburg-Vorpommern wird mittlerweile an 69 Schulen Plattdeutsch unterrichtet. Auch weiterführende Schulen sind darunter. Vom Abitur sind die Jugendlichen noch weit entfernt. Dennoch hat sich Mecklenburg-Vorpommern schon jetzt die Erlaubnis der Kultusministerkonferenz gesichert, Niederdeutsch zum Abiturfach machen zu können. „Wir wollen, dass die Schüler frühzeitig wissen, dass das Abiturfach werden kann, wenn sie es wollen“, sagt Ministeriumssprecher Henning Lipski.

In Schleswig-Holstein wird übrigens nicht nur das Niederdeutsche geschützt, sondern zum Beispiel auch Dänisch und Friesisch. In beiden Fächern lässt sich das Abitur ablegen. In Friesisch geht das allerdings nur in einem einzigen Gymnasium in Schleswig-Holstein: dem Föhrer Gymnasium Eilun Feer Skuul.