Abendblatt-Serie

Tropenkrankenhaus: Bernhard Nocht und „sein“ Institut

| Lesedauer: 6 Minuten
Cornelia Werner
Das Institut für
Schiffs und
Tropenkrankheiten
im Jahre 1920

Das Institut für Schiffs und Tropenkrankheiten im Jahre 1920

Foto: BNITM

Hamburger Medizingeschichte, Teil 7: Er wird 1893 der erste Hafenarzt und übernimmt 1900 die Leitung des Tropenkrankenhauses.

Hamburg. Der Hamburger Hafen wird oft gefeiert als Tor zur Welt. Schiffe und Seeleute aus aller Welt machen hier Station. Nach der Choleraepidemie von 1892 war aber genau das der Grund, dem Hafen auch unter medizinischen Gesichtspunkten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. „Denn der Hafen war ein potenzielles Einfallstor für die Cholera und andere Seuchen in die Hansestadt“, sagt Dr. Stefan Wulf, Historiker und Mitarbeiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Eppendorf.

Um die Einschleppung von Seuchen zu verhindern, stellte die Stadt 1893 den ersten hauptamtlichen Hamburger Hafenarzt ein, den Marinearzt Bernhard Nocht. Auf einer Barkasse fuhr er zu den Schiffen und untersuchte kranke Seeleute, bevor sie von Bord gingen, vor allem auf ansteckende Krankheiten. „Er hat auch eine Maschine zur Rattenvernichtung entwickelt, die insbesondere an Bord der Schiffe aus Indien zur Pestverhütung eingesetzt wurde“, sagt Wulf.

Im Museum

Der engagierte Mediziner nahm auch die Arbeitsbedingungen im Hafen und auf den Schiffen unter die Lupe und scheute sich dabei nicht, sich mit den Honoratioren der Stadt anzulegen. So untersuchte er, warum so viele der Heizer und Trimmer (das waren diejenigen, die auf den Schiffen die Kohlen aus den Lagern zu den Kesseln schaffen mussten), über Bord gesprungen sind. „Die Reeder und Kaufleute schoben die hohe Suizidrate auf die individuelle Disposition dieses vermeintlich minderwertigen Menschenmaterials, wie das damals bezeichnet wurde“, erzählt Wulf.

Nocht aber näherte sich dem Phänomen streng medizinisch-wissenschaftlich und kam zu einem ganz anderen Schluss: Die Ursache lag ihm zufolge in den Arbeitsbedingungen unter Deck, speziell an den vielen Hitzschlägen, die Halluzinationen und Bewusstseinsstörungen hervorrufen können. „Nocht veröffentlichte seine Erkenntnisse und wehrte sich gegen die soziale Stigmatisierung der Arbeiter unter Deck. Das hat den Reedern nicht gepasst, aber der Arzt hatte offensichtlich ein so hohes Renommee, dass er es sich leisten konnte, eine andere Meinung zu haben“, sagt Wulf.

Seiner Karriere tat es jedenfalls keinen Abbruch. Als im Oktober 1900 das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten den Betrieb aufnahm, wurde Nocht zum Direktor berufen, eine Position, die er 30 Jahre lang innehatte. 1906 gab er seinen Posten als Hafenarzt ab, weil er als Medizinalrat die Leitung des gesamten Hamburger Medizinalwesens übernahm.

Auch das Tropeninstitut, wie es allgemein genannt wurde, ging auf seine Anregung zurück: Weil viele Patienten mit Tropenkrankheiten in Hamburg eintrafen, sollte eine Einrichtung für ihre Behandlung geschaffen werden. Gleichzeitig sollten dort Schiffsärzte und Ärzte für die deutschen Kolonien ausgebildet werden. Vor allem aber galt es, die Tropenkrankheiten zu erforschen. Das Institut hatte seinen ersten Sitz im Seemannshaus, dort, wo heute das Hotel Hafen Hamburg steht. Im Seemannshaus gab es seit 1879 einen Trakt, in dem kranke Seeleute behandelt wurden.

Zum Gedenken

1900 wurde dieses Seemannskrankenhaus mit dem neu gegründeten Tropeninstitut zusammengelegt. Fortan wurden hier hauptsächlich Seeleute und Kolonialbedienstete behandelt, die unter Tropenerkrankungen oder anderen inneren Krankheiten litten. Seeleute mit Verletzungen wurden ins Hafenkrankenhaus gebracht, das ebenfalls 1900 gegründet und bis 1913 vom bisherigen Chef des Seemannskrankenhauses, Prof. Carl Lauenstein, geleitet wurde.

Erst 1914 zog das Tropeninstitut an seinen heutigen Standort oberhalb der Landungsbrücken um. Die dazugehörige Klinik hatte jetzt rund 70 Betten. „Nocht galt als herausragender Organisator und Koordinator mit einer klaren Urteilsbildung, großem Verhandlungsgeschick und einem hohen Maß an Sachverstand“, sagt Wulf. Er war ein überzeugter Anhänger des Kolonialismus, der mit dem Ende des 1. Weltkrieges zumindest für Deutschland vorbei war.

Ausbildung der Kolonialärzte fiel weg

Das Tropeninstitut musste sich neu orientieren, die Ausbildung der Kolonialärzte fiel weg, ebenso Projekte in den Kolonien. Jetzt ging es darum, neu Fuß zu fassen. „Das gelang nach und nach mit wissenschaftlichen Projekten vor allem in Mittel- und Südamerika“, sagt Wulf. Immerhin stand die weitere Existenz des Instituts noch bis 1924 zur Disposition. Es konnte nicht zuletzt durch die Hilfe Hamburger Kaufmannskreise überleben („Vereinigung der Freunde des Hamburger Tropeninstituts“).

Nocht bekannte sich 1933 gemeinsam mit vielen Professoren zu Adolf Hitler. Das Institut wurde 1942, noch zu seinen Lebzeiten, in Bernhard-Nocht-Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten umbenannt. 1945 beging Nocht mit seiner Frau Selbstmord. Heute ist das Institut für Tropenmedizin die größte deutsche Einrichtung für die Erforschung von Tropenkrankheiten. Die dazugehörige Klinik wechselte 2006 an das UKE.

Hafenkrankenhaus gibt es nicht mehr

Das nur einen Katzensprung entfernte Hafenkrankenhaus gibt es heute nicht mehr. Die Klinik, die als Polizeikrankenhaus ebenfalls 1900 gegründet wurde, sollte nicht zuletzt Seeleute und Arbeiter aus dem Hafen und von den Werften behandeln, die bei ihrer Arbeit verunglückt waren. Deswegen gab es dort eine Unfallchirurgie. Diese Krankenabteilung verfügte zunächst über 110 Betten, 90 für Männer und 20 für Frauen. Hier wurden auch die Kranken, Betrunkenen und Verletzten eingeliefert, die die Polizei auf der Straße aufgegriffen hatte. Auch gerichtliche Obduktionen fanden in dem Krankenhaus statt.

1920 übernahm die Gesundheitsbehörde das Hafenkrankenhaus. Nachdem die Beobachtungsstation geschlossen und das Krankenhaus erweitert worden war, hatte es Mitte der 1920er-Jahre rund 250 Betten. Auf dem Gelände befand sich auch eine Reinigungs- und Desinfektionsanstalt. „Sie wurde nicht nur für die Reinigung verschmutzter festgenommener Personen genutzt, sondern war auch für die Bevölkerung geöffnet.

Ab Mittag konnten sich Arbeiter, Dienstboten und Schulkinder dort unentgeltlich reinigen lassen. Das wurde stark in Anspruch genommen, weil viele Menschen zu Hause dafür nur eingeschränkte Möglichkeiten hatten“, sagt Wulf. Heute ist das Hafenkrankenhaus schon lange aus dem Stadtbild verschwunden. Es wurde 1997 geschlossen. Auf dem Gelände ist jetzt das Gesundheitszentrum St. Pauli untergebracht.

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