Hamburg

Wenn der Chef sich nach Feierabend meldet

Der ständige Blick auf das Smartphone kann Stress auslösen

Der ständige Blick auf das Smartphone kann Stress auslösen

Foto: dpa

Im fünften Teil unserer Serie „Handy – Sucht oder Segen?“ geht es um die Erreichbarkeit nach Dienstschluss. Experten schlagen Alarm.

Hamburg.  Katja Karger fackelt nicht lange. Von 20 Uhr an ist die Vorsitzende des DGB in Hamburg nicht mehr telefonisch erreichbar. Auch Mails nimmt sie dann nicht mehr zur Kenntnis. Am Sonntag bleibt das Smartphone ganz aus. „Damit habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht“, sagt Karger. Man müsse es nur kommunizieren. „Nur so lässt sich die Kultur der ständigen Erreichbarkeit durchbrechen.“

Mit einer solchen Entschiedenheit bei dienstlichen Mails tun sich viele Arbeitnehmer noch schwer, denn Tablet und Handy machen es möglich, dass Arbeitnehmer immer und überall im Einsatz sein können. 45 Prozent schauen mindestens einmal nach Dienstschluss in ihr geschäftliches Mailpostfach, ergab 2016 eine Befragung des Meinungsforschungsinstituts YouGov.

Auch im Urlaub erreichbar

Bei jedem Vierten ruft der Chef mindestens einmal pro Woche nach Feierabend an. Selbst im Urlaub können nicht alle abschalten: Jeder Dritte hat in seinem letzten Urlaub mindestens einmal in seine E-Mails geschaut.

Nach einer Abendblatt-Umfrage bei großen Hamburger Arbeitgebern gibt es in der Regel keine Verpflichtung, nach Feierabend noch E-Mails zu checken. „Pflichten zur Erreichbarkeit nach der Arbeitszeit oder gar im Urlaub bestehen nicht und werden auch nicht angestrebt“, sagt eine Sprecherin von Beiersdorf. „Feierabend ist Feierabend“, sagt Hanne Guntermann, Personalleiterin von Jungheinrich am Standort Hamburg. Ähnlich äußern sich Deutschlands größte Sparkasse, die Hamburger Sparkasse, und Otto.

Erholungsphasen werden teilweise zu kurz

„Es gibt zwar bei vielen Beschäftigten keine Arbeitsanweisungen, E-Mails außerhalb der Arbeitszeit zur Kenntnis zu nehmen, es hat sich einfach so eingeschlichen“, sagt Karger. „Manche Mitarbeiter sehen es auch als Erleichterung, wenn sie auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn schon Mails checken können. Aber wir benötigen dafür klare Regelungen. Solche Tätigkeiten müssen als Arbeitszeit anerkannt werden.“ Denn in fast allen Branchen greife das Problem um sich.

Von rund einem Viertel der Berufstätigen wird erwartet, dass sie auch außerhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit erreichbar sind, geht aus einem Report der Initiative Gesundheit und Arbeit (iga) hervor, hinter der gesetzliche Kranken- und Unfallversicherungen stehen. Doch die ständige Erreichbarkeit bleibt nach Einschätzung der Experten nicht ohne gesundheitliche Folgen, denn die Erholungsphasen werden dann durch Arbeit – und sei es auch nur kurz – unterbrochen oder verkürzt.

Elfstündige Pause ist Pflicht

Schnell können die Firmen dabei mit dem Gesetz in Konflikt kommen. „In jedem Fall sind die Grenzen des Arbeitszeitgesetzes zu beachten“, sagt Lars Kohnen, Fachanwalt für Arbeitsrecht der Hamburger Kanzlei Kohnen & Krag. Denn zwischen zwei aufeinanderfolgenden Arbeitstagen muss mindestens eine elfstündige Pause liegen. Wer nach einem langen Arbeitstag noch am Abend E-Mails bearbeitet und am nächsten Tag früh wieder startet, erreicht diese Erholungsphase möglicherweise nicht.

Neben rechtlichen drohen gesundheitliche Probleme, weil ein Zusammenhang mit Stress und psychischen Erkrankungen vermutet wird. Nach dem iga-Report leiden Berufstätige, die auch in ihrer Freizeit für den Job auf Abruf bereitstehen, häufiger unter schlechterem Schlaf.

Der Anteil der Beschäftigten, die wegen der permanenten Erreichbarkeit nicht zur Ruhe kommen oder sich gedanklich schlecht von der Arbeit lösen können, ist signifikant größer als bei Berufstätigen mit klar abgegrenzter Freizeit. „Die ständige Erreichbarkeit ist absolut ungesund, weil wir überhaupt keine Gelegenheit mehr haben, abzuschalten und uns gehen zu lassen“, sagt die Gesundheitspsychologin Julia Scharnhorst aus Wedel.

Schutzmaßnahmen für die Mitarbeiter

Bisher haben erst einige große Konzerne Schutzmaßnahmen für ihre Mitarbeiter eingeführt. Bei der Deutschen Telekom dürfen leitende Angestellte ihren Mitarbeitern nach Dienstschluss keine E-Mails mehr schicken. Auch die Autobauer BMW und VW haben ähnliche Regelungen für ihre Mitarbeiter getroffen. Wer dennoch E-Mails ohne besondere Vereinbarung nach Dienstschluss beantwortet, sollte aufpassen: „Je länger und gewohnheitsmäßiger diese Praxis vom Arbeitnehmer gelebt wird, desto eher kann sich der Arbeitgeber auf eine stillschweigende Vereinbarung berufen“, sagt Kohnen.

Viele Firmen machen ihren Beschäftigten zwar keine Vorgaben zur Erreichbarkeit nach der Arbeit, stellen ihnen aber gleichzeitig teilweise das technische Equipment für mobiles Arbeiten zur Verfügung oder beteiligen sich an den Kosten.

Rund fünf Prozent der Mitarbeiter des Hamburger Versicherers Signal Iduna können mit Smartphone und Tablet von unterwegs auf Mails zugreifen. „Diese Möglichkeit wird intensiv genutzt, weil sie die persönliche Flexibilität erhöht“, sagt Firmensprecher Edzard Bennmann. Die Versicherung zahlt Mitarbeitern einen Zuschuss zu ihrem Mobilfunkvertrag.

Technik ermöglicht neue Arbeitsformen

„Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Mitarbeiter die ihnen zur Verfügung gestellten elektronischen Arbeitsmittel zur Arbeitserleichterung und nicht zur Mehrarbeit nutzen“, sagt eine Sprecherin von Beiersdorf. Nur ein kleiner Teil der 5000 Mitarbeiter der Hamburger Hochbahn beantwortet auch außerhalb der Arbeitszeit Mails. „Wir sensibilisieren aber alle Mitarbeiter dafür, dass sie sich ihrer Gesundheit und dem Privatleben zuliebe ausreichend Auszeiten nehmen sollen“, sagt Hochbahn-Sprecherin Constanze Dinse.

Aber die neue Technik ermöglicht auch neue Formen des Arbeitens. Bei Philips können die 1000 Mitarbeiter in Marketing und Vertrieb von zu Hause aus arbeiten. Working@home heißt das neue Modell, für das mit den Arbeitnehmervertretern eine Vereinbarung ausgehandelt wurde. „So sind unsere Mitarbeiter viel flexibler in der Gestaltung ihrer Arbeitszeit“, sagt Philips-Sprecher Sebastian Lindemann. Das sehr flexible Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodell richte sich nicht mehr starr an der klassischen Arbeitszeit aus. Von daher sei davon auszugehen, dass die Mitarbeiter nicht mehr nur innerhalb bestimmter Zeiten E-Mails beantworten.

„Das Problem ist die Entgrenzung der Arbeit, sie ist längst nicht mehr an einen festen Ort und eine feste Arbeitszeit gebunden“, sagt Karger. „Deshalb brauchen wir bessere Regelungen, damit Freizeit und Arbeit klar getrennt bleiben.“ So wie bei der DGB-Chefin in Hamburg.