Abendblatt-Serie

Wenn das Handy die Wohnung steuert

Xing-Gründer
Lars Hinrichs setzt bei seinem Wohnprojekt „Apartimentum“ am Mittelweg komplett auf Smarthome-Technik

Xing-Gründer Lars Hinrichs setzt bei seinem Wohnprojekt „Apartimentum“ am Mittelweg komplett auf Smarthome-Technik

Foto: Andreas Laible / HA

Im vierten Teil unserer Serie „Handy – Sucht oder Segen?“ werden voll vernetzte Wohnungen vorgestellt.

Hamburg.  Fenster, die mit der Heizung kommunizieren, eine Badewanne, die man aus der Ferne befüllen kann und eine Tür, die sich mit dem Smartphone öffnen lässt. Wenn in Hamburg über das Thema Haustechnik beziehungsweise Smarthome gesprochen wird, dann dauert es meist nicht lange, bis das Gespräch am Mittelweg landet. Dort, wo der technikbegeisterte Xing-Gründer und Mehrfach-Unternehmer Lars Hinrichs das nach eigenen Worten „intelligenteste Haus Deutschlands“ gebaut hat, das „Apartimentum“. Der Clou: Alles, was technisch möglich ist, gibt es hier schon.

Wenn Lars Hinrichs von der durchtechnisierten Wohnwelt erzählt, dann wird schnell klar, dass ohne das Smartphone nichts mehr geht. Beispiel Türen: Die erkennen das Handy des Mieters, wenn dieser die Tür erreicht. Sollen auch andere Personen Zutritt erhalten, bekommen sie eine Zugangsberechtigung per Code aufs Smartphone geschickt. Die Berechtigung kann auch zeitlich befristet sein, etwa für den Reinigungsservice, der wiederum nur zur vereinbarten Zeit die Wohnung betreten kann.

Smartphone als Schaltzentrale für alles

Was aber, wenn das Handy verloren geht und damit der Schlüssel für die Wohnung? Laut Hinrichs kann sich der Wohnungsinhaber auch ohne sein Handy von überall aus im Internet einloggen und den Account sperren oder das Passwort ändern. Ein Schlüsseldienst sei jedenfalls nicht mehr nötig.

Auch die Überwachungskameras im Apartimentum sind mit dem Handy verbunden. Wenn ein Einbrecher an der Tür herumwerkelt, wird dies ans Handy gemeldet, inklusive Film und Foto. Das Smartphone ist zur Schaltzentrale für nahezu alles geworden, für das man früher eine Taste drücken musste. Wer im Apartimentum alle Funktionen ausnutzen möchte, der braucht dafür 14 Apps.

Smarthome-Produkte

Ob es tatsächlich das intelligenteste Haus Deutschlands ist, lässt sich schwer sagen. Klar ist, dass die Ballung an technischen Möglichkeiten in der Form in Hamburg einzigartig ist. Hinrichs ist sich sicher: „Ich bin davon überzeugt, dass sich diese Technik als Standard durchsetzen wird, die Vorteile überwiegen eindeutig, es wird immer günstiger, und somit kann sich jeder bald Smarthome-Technologien leisten.“ Das sieht auch der Trend- und Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky so und begründet dies mit einem sich immer wiederholenden Muster. „Am Anfang ist Innovation immer teuer und damit nur für eine Elite zu haben.

Doch die Preisentwicklung technischer Produkte ist enorm. In kürzester Zeit kosten Produkte mit derselben Leistung deutlich weniger und werden so zum Standard“, so Jánszky weiter. Dies lasse sich auf den Smarthome-Bereich übertragen. Jánszky glaubt: „In wenigen Jahren wird es keine Standard-Kühlschränke mehr geben, die nicht intelligent sind.“

Für komplexe Systeme ist meist Beratung nötig

Bis es soweit ist, dass Smarthome-Technik zum Standard wird, gibt es Bedarf an Unternehmen wie der Hamburger Q-Data-Service GmbH, die Privatpersonen und Unternehmen bei der Installation derartiger Systeme berät. Wie aufwendig man dies zu Hause integriert, ist laut Mitarbeiter Rolf Beitz flexibel umsetzbar. Für die komplexeren Lösungen würden sich kabelgebundene Systeme empfehlen. Dies sei die sicherste Methode, ist aber auch am aufwendigsten, weil die Kabel natürlich verlegt werden müssen. „Kleinere Smarthome-Systeme dieser Art erhält man heute schon für ein paar Tausend Euro“, so Beitz.

Wer für sein Smarthome nicht gleich an Um- oder Neubau denken möchte, der findet in allen Elektromärkten inzwischen eine große Auswahl an Smarthome-Geräten, die sowohl einzeln einsetzbar als auch miteinander kombinierbar sind. „Das Interesse an Smarthome-Technologien ist stark angestiegen“, so Media-Markt-Sprecherin Eva Simmelbauer. Um zu zeigen, was derzeit alles möglich ist, hat das Unternehmen am Dienstag in Glinde ein Musterhaus mit Smarthome-Technik ausgestattet.

Großer Bereich ist die Sicherheitstechnik

Wer hier durch die Räume geht, der ahnt schnell, dass Geschichten vom hektischen Umkehren wegen einer angelassenen Herdplatte wohl bald der Vergangenheit angehören, weil jedes Gerät mit dem Handy verbunden sein könnte. Ein großer Bereich ist die Sicherheitstechnik, also Tür- und Fensterkontakte, Bewegungs-, Geräusch- und Rauchmelder. Einige Hersteller bieten auch Kameras mit Gesichtserkennung an, um zu vermeiden, dass der Alarm bei Familienmitgliedern losgeht.

Aber auch zur Energiekontrolle gibt es zahlreiche Produkte, die per App steuerbar sind, etwa Heizkörper- und Raumthermostate sowie Zwischenstecker, über die angeschlossene Geräte von unterwegs aus ein- und ausgeschaltet werden können. Wenn mehrere Geräte und Funktionen miteinander kommunizieren und übersichtlich in einer App auf dem Smartphone angezeigt werden sollen, ist meist eine sogenannte Smarthome-Plattform nötig. Hier sollte man sich in jedem Fall vor Ort beraten lassen, da nicht jede Plattform mit jedem Produkt kompatibel ist.

Sorge vor technischen Pannen

Wer wie viel dieser Technik in die eigenen vier Wände lassen will, ist auch wegen der Sorge vor technischen Pannen am Ende sicher eine Typfrage. Chris Brzuska, Datenschutzexperte an der TUHH, rät zwar zur Abwägung, gibt aber auch zu bedenken: „Das Ein- und Ausschalten oder Dämmen von Licht halte ich zum Beispiel einfach für eine relativ unkritische und praktische Anwendung.“

Und natürlich seien Smarthome-gesteuerte Türschlösser ein Angriffsweg für Einbrecher – aber eben auch nicht mehr oder weniger als herkömmliche Türschlösser. „Ein Unterschied ist aber, dass man ein Software-Update machen kann, sobald ein System unsicher geworden ist. Unsere alten Schlösser aber bringen wir in der Regel nicht regelmäßig auf den neuesten Stand der Technik.“ Kurzum: „Ich würde davon ausgehen, dass ein Einbrecher, statt sich mit der Smarthome-Technologie aus­ein­anderzusetzen, sich eher für ein anderes Gebäude entscheidet.“