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Abendblatt-Test: Wie gut ist der Paketroboter ?

Der geöffnete Paketroboter bei der
Anlieferung

Der geöffnete Paketroboter bei der Anlieferung

Foto: Klaus Bodig / HA

Firmen aus der Metropolregion Hamburg bringen viele Innovationen auf den Markt. Heute: Lieferroboter 6D9.

Roboter 6D9 dreht noch ein paar Runden auf dem Bürgersteig vor Rosis Textilpflege. Eigentlich kennt er die Umgebung rund um den Eckladen, der auch ein Paketshop ist, schon ganz gut. Seit Mitte September liefert der elektronische Postbote für den Zustelldienst Hermes in Ottensen Pakete aus. Aber um Straßenläufe, Ampeln, Bordsteine und Treppen in seinem digitalen Gedächtnis zu speichern, kann er gar nicht oft genug üben.

Der Test: Lieferung fast pünktlich

„Die Stadt ändert sich ja ständig, etwa, wenn neue Baustellen eingerichtet werden“, sagt Jan Werum. Der Student ist so etwas wie ein Roboter-Sitter, im Fachjargon Handler, der das kniehohe Gefährt begleitet und für das sogenannte Mapping des GPS-gesteuerten Systems und die Fragen von Passanten zuständig ist.

Hier können Sie alle bisher erschienenen Tests lesen

Hermes ist der erste Betreiber in Deutschland, der autonomes Fahren in einem urbanen Umfeld testet. Bislang haben die Roboter gut 500 Fahrten mit insgesamt 2500 Kilometern absolviert. „Ziel ist es, Erfahrungen mit einem neuen Zustellkonzept zu sammeln“, sagt Roger Hillen-Pasedag, Division Manager Strategy & Innovation bei der Otto-Tochter Hermes. Und die seien zufriedenstellend, so der Manager in einer ersten Bilanz. 200.000 Kontakte mit Passanten habe es seit dem Start gegeben. „99 Prozent haben positiv reagiert.“

Der elektronische Postbote kann nur blinken

Inzwischen ist der Zustellroboter im Stadtteil bekannt. Trotzdem gibt es immer wieder verwunderte Blicke und neugierige Fragen zu dem Gefährt, das an einen rollenden Ofen erinnert und mit Kameras, Infrarot- und Ultraschallsensoren, Lampen sowie einer Fähnchenstange ausgestattet ist. Vor allem Hunde und kleine Kinder interessieren sich für den Roboter.

In einem Fall etwa konnte 6D9 nicht mehr stoppen und kollidierte an einer Fußgängerampel fast mit einem Kinderbuggy. Die Mutter war so überrascht über das unbekannte Fahrobjekt, dass sie nicht mehr reagieren konnte – und entsprechend sauer war. Gut, dass 6D9 Begleitung hatte. Reden kann er nämlich nicht, nur blinken.

Auch Metro ist am Roboter interessiert

Hinter dem Roboter auf sechs Rädern steht das Unternehmen Starship Technologies mit Sitz in London und Produktion im estnischen Tallinn. Gegründet wurde es 2014 von den Skype-Erfindern Janus Friis und Ahti Heinla. Nach Angaben der Entwickler ist das Modell weltweit schon drei Millionen Menschen begegnet und hat mehr als 20.000 Kilometer zurückgelegt. Anfang 2017 ist der Stuttgarter Autobauer Daimler Benz bei Starship eingestiegen, insgesamt sind bei der Finanzierungsrunde 16,2 Millionen Euro geflossen.

Gemeinsam haben die Partner bereits den Robovan entwickelt – einen Lieferwagen, der als Basis für mehrere Zustellroboter dient. Auch der Handelskonzern Metro ist am Roboter interessiert. Er setzt das Gerät bei Media-Markt in Düsseldorf ein. In London liefert er Essen auf Bestellung aus.

Paket-Roboter rollen über Hamburgs Straßen:

Hermes testet 6D9 im Rahmen eines Pilotprojekts mit mehr als 100 Testkunden in Ottensen und im Grindelviertel. Die Kunden werden per SMS über den Eingang der Lieferung im angewählten Paketshop informiert und bekommen bei Zustellung auf demselben Weg einen Code, um die Ladeklappe zu öffnen (siehe Test). Auch Retouren können über den elektronischen Paketboten abgewickelt werden. Laut Hillen-Pasedag liegt die Gesamtzahl der Lieferungen in der Testphase „wöchentlich im unteren zweistelligen Bereich“.

Logistik-Experten sehen den Einsatz im Alltagsbetrieb eher skeptisch, auch weil Umfragen zufolge viele Menschen Probleme mit technischen Dingen haben. Trotzdem will Hermes weitermachen. Für den Testbetrieb gibt es eine Sondergenehmigung von der Stadt Hamburg bis zum 31. März. Bei der zuständigen Innenbehörde heißt es, aktuell würden mit Starship Gespräche über eine Verlängerung und Modifizierung des Modellversuchs geführt.

„Kunden eine Alternative bieten“

Angaben darüber, ob sich der Roboter-Einsatz finanziell rechnet, macht Hermes-Manager Hillen-Pasedag nicht. „Es ist ein Prototyp“, so der 45-Jährige. „Ziel ist nicht, den Paketboten zu ersetzen, sondern den Kunden in einem engeren Zeitfenster eine Alternative zu bieten.“ Inzwischen, sagt Begleiter Jan Werum, könnte der Roboter bereits zahlreiche Strecken autonom fahren. In Ottensen hat 6D9 schon einen Spitznamen: Hermann.


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Jeden Dienstag im Wirtschaftsteil. Lesen Sie am 7. März: Tonic- Sirup.