Hamburg

Hamburger Firma archiviert Botschaften von Verstorbenen

Jens Vielhaben und Faruk Süren über den Dächern der Stadt. Sie haben eine Online-Plattform gegründet, die Botschaften Verstorbener bewahrt

Jens Vielhaben und Faruk Süren über den Dächern der Stadt. Sie haben eine Online-Plattform gegründet, die Botschaften Verstorbener bewahrt

Foto: Marcelo Hernandez

Briefe, Sprachnachrichten und Filme von Toten werden bis zu 99 Jahre lang für die Hinterbliebenen aufbewahrt.

Hamburg.  Der erste Kunde von Faruk Süren war – er selbst. Irgendwie zumindest. Nach dem plötzlichen Tod einer jungen Mutter aus dem Freundeskreis wollte Faruk Süren, selbst Vater, für seine acht- und zehnjährigen Töchter ein Abschiedsvideo erstellen. Für den Fall seines Todes. Eine besondere Botschaft, um seine Kinder zu trösten – zu ermutigen. Um ihnen all das zu sagen, was man immer sagen will – was aber so oft ungesagt bleibt. Also nahm Faruk Süren, 45, kurz entschlossen mit seiner Kamera drei kurze Nachrichten für seine Frau und die Kinder auf – ohne zu wissen, was er anschließend damit machen sollte. Wie könnte er die Aufnahmen seiner Familie zukommen lassen? Wo sollte er sie sicher aufbewahren, abspeichern? Wem könnte er sie anvertrauen?

Videos für Hinterbliebene hochladen

Die Antwort auf diese Frage suchte er im Internet, wo es seiner damaligen Meinung nach „doch alles gibt“. Alles – nur nicht so eine Plattform, wie sie Faruk Süren vorschwebte. Eine Seite, auf der man Videos für Hinterbliebene hochladen und sicher abspeichern kann, sodass nur die Betroffenen darauf zugreifen können. Und niemand anderes. Eine Seite, wie er sie nicht fand. Also entwickelte er sie selbst, zusammen mit Jens Vielhaben, 36, einem Spezialisten für digitale Produktentwicklung. Die beiden kannten sich von einem gemeinsamen Projekt für die Schulbehörde, bei der Faruk Süren hauptberuflich als Sozialpädagoge arbeitet. Er war nicht der Erste, bei dem Faruk Süren anfragte. Aber er war der Erste, für den nicht das Finanzielle im Vordergrund stand. Der sich für die Idee begeisterte, für das Projekt, die Umsetzung. Und nicht den Gewinn. „Ich weiß, das klingt schrecklich idealistisch“, sagt Faruk Süren. Dann zuckt er die Schultern. Aber so ist es eben. So ist er eben. Das kann und will er nicht ändern. Aus diesem Grund hat er in die Satzung auch einen Punkt aufgenommen, der ihm sehr wichtig ist: Fünf Prozent des Gewinns gehen an soziale Projekte.

Einzigartiges Angebot

Sechs Monate hat Jens Vielhaben zusammen mit den Programmierern und Webdesignern seiner Firma Nerdlichter an der Konzeption und Umsetzung der Seite gearbeitet, Anfang des Jahres ist www.besondere-botschaften.de online gegangen. Ganz still, ohne große Werbung. Ganz so, wie es im Sinne der Unternehmer ist. Wie es charakteristisch für die Seite sein soll. Denn auch wenn das Angebot nach eigenen Angaben einzigartig sei, wolle man keinen Wirbel darum machen. Weil das nicht zu der Idee von den besonderen Botschaften passe.

Die Idee, Gedanken, Wünsche und Worte in einer Videodatei für Hinterbliebene zu bewahren. „Damit die Nachricht auch die richtigen Menschen erreicht, bekommt der Auftraggeber einen persönlichen Code, über den seine Angehörigen oder Freunde die Botschaft abrufen können“, sagt Faruk Süren und empfiehlt seinen Kunden, den Code beim Notar zu hinterlegen oder bei wichtigen Unterlagen wie beispielsweise dem Testament mit aufzubewahren.

Technik wird jederzeit angepasst

Die Botschaft wird verschlüsselt auf mehreren externen Servern in Deutschland gespeichert – einer davon steht in Hamburg in der Nähe des Flughafens. Als besonderen Service bietet das Unternehmen seinen Kunden an, die besonderen Botschaften zu einem vorher vom Auftraggeber festgelegten Anlass herauszugeben. „Zum Beispiel zur Hochzeit, zur Geburt eines Kindes oder zur Einschulung“, sagt Faruk Süren. So könne der Verstorbene bei besonderen Anlässen dabei sein – auch wenn er nicht mehr da ist.

Der Service von besondere Botschaften kostet pro Video (Länge: zwei Minuten) und je nach Dauer der Datenspeicherung zwischen 19 Euro (für ein Jahr) und 189 Euro für 99 Jahre. „Um sicherzustellen, dass die Botschaften auch in zehn oder 20 Jahren noch pro­blemlos abgerufen werden können, werden die Videos von uns regelmäßig dem aktuellen Stand der Technik angepasst und umformatiert“, sagt Jens Vielhaben. Außerdem sei es möglich, sogenannte Zusatzleistungen zu buchen – wie beispielsweise die Authentifizierung des Empfängers per Reisepass. Damit die Botschaft wirklich nur denjenigen erreicht, für den sie bestimmt ist.

Das hat nichts mit Religion zu tun

Faruk Süren weiß, wie das alles erst einmal klingt. Welche Vorbehalte einige Menschen dagegen haben könnten. Trotzdem, oder gerade deswegen, glaubt er an seine Idee – und er ist nicht der Einzige. „Ich habe viel Bestätigung von Ärzten, Hospizmitarbeitern und Traumapsychologen bekommen“, sagt Faruk Süren. Was ihm wichtig ist: Das Ganze hat nichts mit Religion zu tun, nichts mit Glauben. Nichts mit dem Jenseits, sondern mit dem Diesseits. Dem Leben. Und den Menschen, die man liebt.

Mit ihrem Angebot besondere Botschaften wollen Faruk Süren und Jens Vielhaben den Nerv der Zeit treffen. Denn der Umgang mit dem Tod, die Bestattungskultur, befindet sich im krassen Wandel. Individuelle Lebensentwürfe überlagern althergebrachte Traditionen und führen zu neuen Umgangsweisen – und Geschäftsmodellen – zum Thema Tod und Sterben.

Getrauert wird auch im Internet

Getrauert wird heute nicht mehr (nur) am Grab, sondern auch im Internet – auf virtuellen Friedhöfen oder Gedenkseiten. Den Weg dorthin weisen immer öfter die sogenannten QR-Codes – kleine Pixelquadrate, die für „Quick Reaktion“ stehen, also für „schnelle Antwort“. Scannt man diese mit der Smartphone-Kamera, können spezielle Apps die dahinter liegenden Daten entschlüsseln – zum Beispiel die Lebensgeschichte des Verstorbenen.

QR-Codes oder besondere Botschaften – der Markt für Modelle wie diese ist da, glaubt Faruk Süren. Für die Entwicklung der Website und die Gründung der Firma hat er extra einen Kredit aufgenommen. Von Investoren hält er nichts, die reden ihm zu viel rein, „interessieren sich nur für Gewinne und nicht die Idee“, sagt Süren. Er hat sich die Bilder seiner Töchter auf die Unterarme tätowieren lassen. Die Videos für sie, die er gedreht hat, gibt es immer noch. Auf einer Speicherkarte. Sie sollen bei besondere Botschaften hochgeladen werden.

www.besondere-botschaften.de