Elbphilharmonie

Mahlers Zweite – Kraftakt mit schwächelnder Sopranistin

Thomas Hengelbrock dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester

Thomas Hengelbrock dirigiert das NDR Elbphilharmonie Orchester

Foto: Daniel Bockwoldt / picture alliance / dpa

Das NDR Elbphilharmonie Orchester gab sich spät der Überwältigungskraft der Musik hin. Stille vor dem Applaus der schönste Klang.

Hamburg.  In Gustav Mahlers Welt aus Tönen, Ängsten und Visionen findet man keine Ruhezonen. Was schön daherkommt oder unzweideutig wirkt, soll seinen doppelten Boden erkennen lassen, was naiv und gottergeben klingt, ist es oft mit Hintergedanken. Nur auf eines ist Verlass: Es gibt Abgründe, dazu Katastrophen. Und dennoch und deswegen: Glaube, Liebe, Hoffnung sogar.

Ein unverbindlicher Mittelweg

Thomas Hengelbrock stand als NDR-Chefdirigent bei zwei Aufführungen vor der Aufgabe, im Großen Saal der Elbphilharmonie eine wegweisende Haltung zu Mahlers Weltsicht zu finden. Auf den Pulten lag die Zweite, diese epochale Hamburgensie in Mahlers Werkkatalog, weil der Stadt-Theater-Kapellmeister 1894 bei einer großen Trauerfeier im Michel die Inspiration für sein „Auferstehn“-Chorfinale erhalten hatte. Den NDR-/WDR-Chor hatte Hengelbrock dafür aber nicht hinter dem Orchester postiert, sondern ihn, zu einer langen Vokallinie gedehnt, oberhalb der Bühne in einen Ranggang verlegt; die Gesangs-Solistinnen hatten ihre Podeste hinter dem Schlagwerk.

Der Saal trug die Stimmen von dort mit Leichtigkeit übers Orchester hinweg, sorgte aber auch dafür, dass Ba­lance-Schwankungen so präsent waren, als säße man vor der jeweiligen Tonquelle. Hengelbrock wählte durch dieses Labyrinth aus Stimmungsumschwüngen einen Mittelweg, auf dem er das Stück zwar in der Spur hielt, aber nach einem forsch angegangenen ersten Satz einiges in Unverbindlichkeit erblassen ließ.

Eine schwächelnde Sopranistin

Die fieberkurvigen Steigerungen und die Abstürze danach, die so Mahler-typischen Sinneswandel, das wilde Leiden an Gott und der Welt – um dieses hohe Niveau der Auseinandersetzung wurde gerungen, und der Respekt vor dem Stück war auch einigen Solo-Bläsern im Blech anzuhören. Manches klang mehr nach Kraftakt und zu wenig nach gefühlter Erkenntnis. Gerhild Rombergers warm sonores „Urlicht“-Solo war tadellos, Sopranistin Annette Dasch dagegen schwächelte hin und wieder überraschend. Seine Blicke in die Abgründe wagte Hengelbrock eher mit Sicherheitsabstand und überließ mitunter der Raumwirkung der Musik die Wirkungshoheit.

Natürlich ist es ungemein beeindruckend, wenn ein vollstbesetztes Orchester in der Special-Effect-Arena Elbphilharmonie entfesselt ist, wenn die Bläser der Fernorchester-Gruppen aus den Foyers die Wirkung der Musik im Saal verstärken. Noch beeindruckender wäre es gewesen, wenn Hengelbrock radikaler herausgearbeitet hätte, wie anstrengend und schizophren diese Musik neben ihrer trügerischen Schlichtheit auch sein kann.

Applaus war der schönste Klang

Der volksmusikantisch verpackte Sarkasmus im dritten Satz war eine zu brave Ouvertüre für die Hauptverhandlung vor dem Jüngsten Gericht im Finale, für die mit Pauken und Trompeten die Himmelspforte aufgestoßen wurde. Erst dann gab sich das Tutti der Überwältigungskraft der Musik hin. Nachdem die letzten Glockenschläge und Schallwogen des Schlussakkords im Saal verschwanden, als hätte man nur geträumt, folgte eine atemraubend lange himmlische Ruhe vor dem Applaus, die auf ihre Art der schönste und erschütterndste Klang dieses Abends war.