St. Georg

St. Georg – Ärger zwischen Alster und Afrika

| Lesedauer: 6 Minuten
Nico Binde

Der Stadtteil ist nach den Polizeischüssen auf einen Ghanaer mal wieder im Fokus. Doch eigentlich sei fast alles gut – sagen viele

St. Georg.  „Schreib das auf!“, sagt der Mann, der sich Ali Ahmed nennt. „Wir wollen unabhängige Berichte. Nicht nur das, was die Polizei sagt. Wir sehen, was passiert“, sagt er. „Und das sind Kontrollen. Immer nur Schwarze.“ Ali ist aufgebracht. Wie viele hier.

Etwa 20 Afrikaner haben heute Stellung vor dem sogenannten Lampedusa-Zelt am Steindamm bezogen. Die Dauermahnwache ist Treffpunkt und Klagemauer in einem. Einige Anwohner nervt der Verschlag, andere finden ihn richtig. „Spenden oder Unterstützung aus dem Viertel erfährt das Zelt kaum noch. Auch der Zweck ist nicht mehr zu erkennen“, sagt Quartiermanager Wolfgang Schüler. Aktuell hängen Anti-Rassismus-Spruchbänder aus, Plakate künden von einer Solidaritätskundgebung. Wer hier Teil der afrikanischen Community, wer Lampedusa-Flüchtling oder wer Straßendealer ist, ist nicht auszumachen.

Ali sei oft hier, sagt er. Früher war er Lehrer im Sudan, nun lebe er seit vier Jahren in Hamburg. Aber so etwas wie in diesen Tagen habe er noch nicht erlebt. Er erhebt Vorwürfe gegen die Polizei, Teile seiner „Community“ seien in Rage. Ali meint, die Wahrheit müsse gefunden werden. Dann zeigt er Handy-Fotos von einem Messer. Es sei einem Ghanaer untergeschoben worden. Jenem 33 Jahre alten Mann, der vor drei Wochen von einem Polizisten in St. Georg angeschossen und verletzt worden war.

Nach Polizeiangaben habe der Zivilbeamte die Schüsse auf den Ghanaer in Notwehr abgegeben, weil dieser mit einem Messer gedroht habe. Etwa 100 Afrikaner hatten die Polizei noch am Tatort beschimpft und „This is not america“ skandiert. Zu ähnlich tumultartigen Szenen kam es am Dienstag, als 80 bis 100 Afrikaner lautstark und aggressiv die Festnahme eines 18-jährigen Somaliers begleiteten. Er hatte zuvor gedroht, Spielhallenmitarbeitern den Hals abzuschneiden. Beide Fälle in St. Georg haben den Stadtteil in den Fokus gerückt. Mal wieder.

Trinker, Prostituierte, massenhaft männliche Migranten, Drogen – in anderen Vierteln wären das Probleme. In St. Georg nennen es die Bewohner Vielfalt. In Bezug auf Negativschlagzeilen hat ein Gewöhnungseffekt eingesetzt. „St. Georg, ich liebe dich, auch wenn du mir vor die Füße kotzt“, schreibt etwa Anwohnerin Ina Morgenroth in der aktuellen Bürgerzeitung. Und nun noch aggressive Afrikaner?

„Willkommen im Leben“, sagt der zuständige Bezirksamtsleiter in Mitte, Falko Droßmann (SPD), zur wiederkehrenden Brennpunktdiskussion um St. Georg. Qua Lage bilde das Bahnhofsquartier seit jeher nahezu alle Licht- und Schattenseiten ab. Der Aufruhr nach den zwei Festnahmen sei dabei kein Thema der relativ kleinen afrikanischen Community in St. Georg. „Mit dieser Gemeinschaft befinden wir uns in guten Gesprächen.“ Viele würden den Kampf gegen die Drogenkriminalität begrüßen. Vielmehr fühle sich eine kleine Gruppe nicht genügend berücksichtigt, nutze die beiden Vorfälle mit Kriminellen nun als Symbol. „Alle können aber davon ausgehen, dass in beiden Fällen der Rechtsstaat gehandelt hat, nicht Willkür“, so Droßmann.

Die ständigen Kontrollen im Viertel sorgen trotzdem für Frust bei vielen Afri­kanern, sagt Ali Ahmed. Zwischen August und November 2016 gab es im Stadtteil 75 Schwerpunkteinsätze der Polizei mit 7391 Kontrollen der Taskforce gegen Drogendealer. Polizeisprecher Timo Zill: „Es gibt aber keine rassistisch motivierten Kontrollen.“ Nach Einschätzung der Polizei müsse man zwei Gruppen von Afrikanern in St. Georg trennen: eine Frontdealerszene, gegen die entschlossen und konsequent vorgegangen werde. Und die afrikanische Community, mit der die Polizei ständig spreche. Die Hoffnung sei, auf lange Sicht Kriminelle von der eigentlichen Gemeinschaft zu trennen. Gleichwohl, sagte Olaf Sobotta, Chef des zuständigen Polizeikommissariats 11, der „Welt“, sei die Situation im Moment „angespannter, forcierter“.

Am Hansaplatz ist an diesem Tag alles beim Alten. Trinker, Prostituierte und eine Polizeistreife spielen erfolglos Verstecken. Bewohner wie Gabriele Koppel können mit Formulierungen wie „angespannte Situationen“ wenig anfangen. „Ich habe keine Angst“, sagt sie. Die Außenwahrnehmung von St. Georg nerve sie. Immer würde das Viertel als problembehaftet dargestellt. „Dabei ist es ein buntes Quartier, ein Melting Pot. Fast immer friedlich.“

Im Vor-Ort-Büro spricht Ulrich Gehner davon, dass Afrikaner schon immer da waren, immer noch da sind und nicht erkennbar aggressiver geworden seien. Die Stimmung kippe jedenfalls nicht. Langeweile sei das Grundübel. Und Perspektivlosigkeit. Dass viele Afrikaner kontrolliert werden, sei sicher nicht friedensstiftend. „Wobei sich die Lampedusa-Leute mit dem Rassismus-Vorwurf auch keinen Gefallen tun.“ Leider fielen der Stadt in St. Georg nur restriktive Maßnahmen zur Problemlösung ein, statt soziale Einrichtungen zu stärken. „Momentan führt die Unsicherheit der Afrikaner zu dieser Aufgeregtheit“, sagt Büro-Leiter Michael Schulz.

Während Anwohner das Schlaglicht auf ihren Stadtteil schulterzuckend hinnehmen, hat zumindest der erste Vorfall ein politisches Nachspiel. Der Linken-Bürgerschaftsabgeordnete Martin Dolzer hatte kurz nach den Schüssen davon gesprochen, es könnte ein „rassistisch motivierter Hinrichtungsversuch“ durch die Polizei gewesen sein, sich inzwischen aber davon distanziert. Für die CDU ist dadurch eine Hetzkampagne gegen die Polizei losgetreten worden. Polizeipräsident Ralf Meyer hatte Dolzer wegen übler Nachrede sogar angezeigt, die AfD Konsequenzen gefordert: Afrikanern müsse klargemacht werden, dass es keine rechtsfreien Räume gebe. Polizeisprecher Zill sagt: „Wir werden die Situation und die Entwicklung genau beobachten und entsprechend reagieren. Wir werden präsent sein und unsere Maßnahmen treffen.“

In der Bewertung der zwei Massendemonstrationen von Afrikanern ist St. Georgs Quartiermanager Wolfgang Schüler vorsichtig. „Aber man muss berücksichtigen, welche Erfahrungen diese Menschen mit der Staatsgewalt in ihren Herkunftsländern gemacht haben.“ Das präge ihr Bild, vielleicht sei das ein Erklärungsansatz für das Misstrauen gegen die Polizeieinsätze.“

Eine schwere Aufgabe hätten Beamte im Viertel, keine Frage. Dass ein Programm hinter Polizeieinsätzen steckt oder Afrikaner gezielt Ärger machen, glaubt Schüler aber nicht. „In St. Georg ist kein Platz für Trouble. Das wäre schädlich fürs Geschäft.“ Und letztlich habe die Hoffnung auf wirtschaftlichen Erfolg noch immer verlässlich das Bahnhofsviertel befriedet. Das gilt für Dealer und Geschäftsleute gleichermaßen.

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