neustadt

Ex-Freundin bleibt Aussage erspart

Chris Z. attackierte die Zeugin im Gerichtssaal. Jetzt wird Prozess unter verschärftem Schutz fortgesetzt

neustadt. Seine Beine stecken in Fußfesseln, zwei Justizbeamte flankieren den Angeklagten. Vier weitere sitzen im Verhandlungssaal und lassen Chris Z. nicht aus den Augen. Nach der Attacke des 39-Jährigen im Gerichtssaal sind die Sicherheitsvorkehrungen für den weiteren Prozess erheblich verschärft worden. Vor zwei Wochen war der Hamburger mit einer in den Verhandlungssaal geschmuggelten Waffe auf seine Ex-Freundin losgegangen, hatte die Frau gewürgt und den Staatsanwalt verletzt. Ein erneuter Überraschungsangriff dürfte bei der jetzigen Bewachung schwer möglich sein, auch wenn Chris Z. keine Handfesseln trägt.

Vor Gericht sitzt kein Schrank von einem Kerl, sondern ein eher zierlicher Mann im etwas zu groß wirkenden Jogginganzug. Doch wie hochgefährlich und auch risikobereit der bereits wegen Mordes verurteilte Angeklagte ist, hat Chris Z. am ersten Verhandlungstag in diesem Berufungsverfahren demons­triert. Trotz mehrfacher Kontrollen war es dem 39-Jährigen gelungen, eine präparierte Rasierklinge und eine angespitzte Zahnbürste in den Gerichtssaal zu schleusen. Seine Ex-Freundin wurde gerade als Zeugin gehört, als er plötzlich über den Tisch sprang, sie vom Stuhl zerrte und würgte. Der Staatsanwalt ging dazwischen, wurde leicht am Hals verletzt, auch die Zeugin erlitt eine Verletzung, bevor sie aus dem Saal fliehen konnte. Vor allem erwischte es den Angeklagten selber, der sich offenbar mit der Klinge selbst einen tiefen Schnitt am Hals zufügte.

Auch jetzt, knapp zwei Wochen später, ist die lange verschorfte Wunde, die sich über seine linke Halsseite erstreckt, noch gut zu erkennen. Der Mann mit dem rasierten Schädel wirkt angespannt, den Kopf hält er gesenkt. Nachdem er bereits zwölf Jahre wegen Mordes im Gefängnis saß, weil er im Suff den neuen Partner seiner Ex-Freundin erschossen hatte, wird wegen der Attacke im Gerichtssaal nun wegen versuchten Mordes sowie gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen gegen ihn ermittelt, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Chris Z. soll einem Mitgefangenen gegenüber angekündigt haben, dass er seine Ex-Freundin töten wolle.

Ohnehin steht er vor Gericht, weil er der 25-Jährigen mit Mord gedroht, sie geschlagen und ihre Wohnung verwüstet haben soll. Am 20. Dezember 2015, einige Tage, nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, habe er der Frau aufgelauert, ihr einen Schlag ins Gesicht versetzt und sie angebrüllt: „Willst du, dass ich wieder durchdrehe? Du weißt, warum ich im Knast war!“ Bei seiner Festnahme attackierte er Polizeibeamte mit einem Messer, so- dass er mit einem Schuss ins Bein gestoppt werden musste.

Gegen eine Verurteilung des Amtsgerichts, das 16 Monate Haft ohne Bewährung gegen ihn verhängt hatte, ging er in Berufung, die jetzt vor dem Landgericht verhandelt wird. Doch nach der schockierenden Attacke bleibt der 25-jährigen Ex-Freundin nun ein erneuter Auftritt vor Gericht erspart. Ohnehin wäre sie noch nicht wieder stabil genug, sagte ihr Anwalt. Doch weil sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung ihre Berufung nunmehr auf das Strafmaß beschränken und ein Schuldspruch damit feststeht, wird in dieser zweiten Instanz nur noch über die Höhe der Strafe verhandelt. Deshalb kann auf die erneute Aussage der Zeugin verzichtet werden.

„Von meiner Mandantin ist sehr viel Druck abgefallen“, sagte der Anwalt der 25-Jährigen, Wolfgang Stenz, nach der Entscheidung. Die junge Frau sei immer noch in ärztlicher Behandlung. Der Angeklagte und sie habe keine Beziehung, sondern nur eine kurzzeitige Freundschaft verbunden, doch der Angeklagte habe sie seitdem gestalkt und ihr gedroht.

Chris Z. ist nicht erst seit dem Mord und der Körperverletzung ein Fall für die Justiz, sondern seit Jahrzehnten. Im Alter von zehn Jahren wurde der Hamburger das erste Mal straffällig, mehr als 30 weitere Taten folgten, vor allem Diebstähle, Drogen- und Verkehrsdelikte, bis er dann im Jahr 2002 den Mord beging. Er hat zudem immer wieder erhebliche Probleme mit Alkohol und Drogen.

Wie gefährlich ist der Angeklagte heute, leidet er womöglich unter einer Persönlichkeitsstörung? Unter Ausschluss der Öffentlichkeit hat das Gericht am Montag einen psychiatrischen Sachverständigen angehört, der dazu Stellung nahm. Sollten die Richter zu dem Schluss kommen, dass die Schuldfähigkeit des Angeklagten erheblich vermindert ist, müsste womöglich über eine Unterbringung von Chris Z. in einer psychiatrischen Klinik entschieden werden. Darüber hätte aber nicht mehr das Berufungsgericht zu befinden, sondern die Große Strafkammer am Landgericht. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.