Persönlich

„Fakten sind die besten Argumente“

Multitalent Jörg Thadeusz schreibt als Kolumnist im Abendblatt. Sein Thema ist Freiheit

Rotherbaum.  Er kann keine figurbetonten Anzüge wie Alexander Bommes tragen und gehört doch zum Charmantesten, was der Medienbranche passieren konnte: Jörg Thadeusz (48), Grimme-Preisträger, ausgezeichnete Radiopersönlichkeit und laut einer großen deutschen Frauenzeitschrift „das lustigste Multitalent Deutschlands“, ist seit Kurzem Kolumnist des Abendblatts. Montags schreibt der Journalist und Moderator auf der Titelseite über das, was ihn und alle Welt bewegt, von Politikern, denen es an Ausstrahlung à la Obama fehlt, über Bußgeld für schmutzige Sätze bis zur Katzensteuer. Jüngst verglich er den SPD-Kanzlerkandidaten mit einer Jukebox, die Kuschelstimmung in der Kneipe verbreite so wie Martin Schulz derzeit in der Politik.

Freiheit ist sein Thema. „Ich finde es fantastisch, wenn alle Leute – egal wie ekelhaft ihre Meinung ist – diese äußern. Man muss den Leuten nur die Stirn bieten.“ Die Zeitung mache ihm als Kolumnisten ein Riesen-Kompliment: „Kraft meiner Gedanken darf ich an so prominenter Stelle schreiben. Als öffentliche Figur möchte ich die Gelegenheit nutzen, gegen alle, die ich als Feinde der Freiheit begreife, zu wettern.“ Bei öffentlichen Debatten sei ihm oft zu viel Gefühl im Spiel. Dabei seien Fakten die besten Argumente. „Ich will wissen, nicht werten“, sagt Jörg Thadeusz beim Interview im Café Funk-Eck an der Rothenbaumchaussee. Es gibt Rühreier und Kaffee im Kännchen.

Früh am Morgen ist der Journalist, der mit seiner Frau, der Rundfunkjournalistin Anna Engelke, zwei Katzen und einem Kater in Berlin am Wannsee lebt, von Spandau aus mit der Bahn zum Hamburger Hauptbahnhof gefahren. Die Strecke vom Bahnhof zum Café hat er mit seinem Klapprad bei eisiger Kälte in Anzug und Mantel bewältigt – „so mache ich mich nicht abhängig vom Taxi“. In seiner Aktentasche stecken Thermohandschuhe, eine große Dose Studentenfutter, ein Notizbuch und – Überraschung – ein Malblock. Mit einem verschmitzten Lächeln zeigt er seine ersten Versuche: ein Farbkreis, eine Blume, ein Kreuzfahrtschiff.

Der Mann, der von sich behauptet, jede Sendung im deutschen Fernsehen moderieren zu können („außer Gesundheits-Sendungen – dafür fehlt mir der nötige Ernst“) und für seine Außenreportagen für die WDR-Sendung „Zimmer frei“ mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, traut sich auch auf unbekanntes Terrain. Bei einer Künstlerin in Harvestehude nimmt Thadeusz Malunterricht. „Ich kann dabei wirklich abschalten. Das Malen erfüllt keinen Zweck, ich will nichts verkaufen. Mein Ziel ist es, Flugzeuge und nackte Frauen zu malen.“ Bis dahin sei es noch ein weiter Weg, sagt auch seine Lehrerin. Aber lange Distanzen schrecken den siebenmaligen Marathon-Teilnehmer nicht.

Mit seiner Tätigkeit als Abendblatt-Kolumnist ist Thadeusz übrigens dort angekommen, wo er nie aufhören wollte: in Hamburg. Am Elbufer bereitete er sich nicht nur auf seine Läufe vor („ich kenne da jede Ecke und jeden Stein, kenne die Strecke bei Winter und größter Hitze“). Bei NDR 2 begann auch 1991 seine Laufbahn als Radiomoderator.

Der Norddeutsche Rundfunk sei eine Herzensangelegenheit gewesen. 1994 ging er zu N-Joy Radio, später zu NDR Info. Es folgten Stationen beim WDR, bis er schließlich beim Radio Berlin-Brandenburg landete, wo Thadeusz heute eine gleichnamige TV-Talkshow und die Polit-Gesprächsrunde „Thadeusz und die Beobachter“ moderiert. „Der NDR ist für mich nach wie vor die große Liebe oder die Frau, die einen am Ende dann doch nicht wollte.“ Er habe damals in Altona, Dulsberg und Eppendorf gelebt. Aber irgendwie habe es nicht geklappt, in Hamburg wirklich sesshaft zu werden, so Thadeusz. „Vielleicht passe ich heute besser hier her, weil ich konservativer geworden bin.“

Den Fernsehzuschauern im Norden ist Jörg Thadeusz spätestens seit 2005 bekannt. Für den NDR drehte er die Dauerwander-Dokumentation „Der Norden umsonst“ und lief zu Fuß und ohne Geld von einer Hallig in den Harz. 2007 schloss „Die Küste umsonst“ an. In der mehrteiligen Doku fuhr Thadeusz 1200 Kilometer mit dem Fahrrad von Ostfriesland nach Usedom und tauchte dabei tief in ländliche Regionen ein.

Sein Kulturprogramm im vergangenen Jahr bestand aus einer Lese-Tournee mit der befreundeten Hamburger Bestseller-Autorin Ildikó von Kürthy durch Süddeutschland. Als Mann sei er für sie „völlig indiskutabel, aber sie akzeptiert mich als Freundin. Ich verehre sie sehr“, so Thadeusz. Im Gegenzug würde sie sich kaum für seine Literatur interessieren. Dabei hat der Mann, der in seinem früheren Leben als Bauhilfsarbeiter und Liegewagenschaffner gearbeitet und seine Erfahrungen als Sanitäter in Buchform verarbeitet hat („Rette mich ein bisschen“), auch zwei Romane und einen Erlebnisbericht aus den USA veröffentlicht („Die vereinigten Zutaten von Amerika“).

Entstanden ist dieses Buch während der gemeinsamen Zeit, die Anna Engelke und Jörg Thadeusz in Washington verbrachten. Bei einem Ausflug mit dem Fahrrad nach Mount Vernon stürzte der Moderator und brach sich das Schlüsselbein. Seitdem steckt ein Metallstab in seinem Oberkörper, der ihn stets an Hamburg erinnert, denn zur OP wurde er nach Boberg ins Unfallkrankenhaus geflogen. Dort traf er „die entzückendste Krankenschwester meines Lebens. Ramona war das Destillat aus den besten norddeutschen Eigenschaften: lustig, professionell, klug“.