Computerspielbranche

Hat die Games-Hauptstadt Hamburg ausgespielt?

Schwere Zeiten für die Goodgame-Gründer
und Geschäftsführer
Christian (l.) und Kai Wawrzinek

Schwere Zeiten für die Goodgame-Gründer und Geschäftsführer Christian (l.) und Kai Wawrzinek

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Die in Hamburg lange Zeit wachsende Computerspielbranche muss immer mehr Stellen abbauen. Entwicklern gehen gute Ideen aus.

Hamburg.  Im „Empire“ greifen noch bis heute die Samurai an, gleich darauf folgt die Invasion der Blutkrähen. Die Nomadenhorden rüsten sich bereits zum Angriff und am Horizont droht ein Krieg der Imperien. Das Gemetzel dauert noch bis Mitte Februar und wer dabei besonders fleißig die Feinde bekämpft, bekommt viele Punkte, mit denen er sich neue Truppen und Helden sichern kann.

Es sind Aktionen wie diese, mit denen der Hamburger Spieleentwickler Goodgame Studios versucht, die Teilnehmer an seinem Spiel „Empire“ bei Laune und bei der Stange zu halten. Immerhin ist das Onlinespiel, bei dem es darum geht, sich ein mittelalterliches Reich zu erschaffen und gegen Feinde zu verteidigen, bereits seit August 2011 auf dem Markt, die Smartphone-App „Empire: Four Kingdoms“ zudem schon seit 2013. Seitdem sind Tausende neue solcher digitalen Spiele auf den Markt gekommen. Da können sich selbst bei hartgesottenen „Empire“-Fans schon mal Ermüdungserscheinungen und die Sehnsucht nach neuen virtuellen Welten einstellen.

Das aber ist fatal für Goodgame, denn „Empire“ ist neben dem deutlich weniger blutgetränkten, aber auch schon in die Jahre gekommenen Bauernhofspiel „Big Farm“ eine der großen Einnahmequelle des Hamburger Unternehmens. Das Mitspielen auf PC, Tablet oder Smartphone ist zwar kostenlos, doch richtig Spaß macht es erst, wenn der Spieler Zusatzfunktionen kostenpflichtig ordert. Enthusiasten zahlen nicht selten vierstellige Eurobeträge an Goodgame.

Goodgames Wert seit 2014 geschrumpft

98 Prozent der im Jahr 2014 erzielten Einnahmen in Höhe von etwa 200 Millionen Euro soll Goodgame durch die beiden „Empire“-Varianten und „Big Farm“ erzielt haben. Neuere Zahlen gibt es nicht, sie dürften deutlich niedriger ausfallen. Nach unbestätigten Schätzungen wird der Umsatz in diesem Jahr unter 100 Millionen Euro fallen. Der Goodgame-Mitinhaber Rocket Internet hat den Wert seines 15-Prozent-Anteils im Herbst 2016 drastisch nach unten korrigiert. Von einst gut 100 Millionen auf 14 Millionen Euro. Goodgames Wert schrumpfte demnach binnen zwei Jahren von fast 700 auf 100 Millionen Euro.

Das größte Problem des Unternehmens, das noch vor zwei Jahren ankündigte, zum größten Spieleentwickler der Welt aufsteigen zu wollen und dafür massiv Personal aufstockte: Alles, was nach „Empire“ und „Big Farm“ auf den Markt gebracht wurde, war in der Spieler-Gemeinde entweder ein Totalflop oder erfüllte die wirtschaftlichen Erwartungen bei Weitem nicht.

Massiver Stellenabbau

Mitte der Woche hat Goodgame zum zweiten Mal binnen eines halben Jahres einen massiven Stellenabbau angekündigt: Diesmal müssen 200 Mitarbeiter gehen. Die Firma will sich jetzt nur noch auf seine Kernspiele konzen­trieren. Schon im August hatte Good­game mit Abfindungen und 114 betriebsbedingten Kündigungen massiv Personal abgebaut. Von einst knapp 1200 Jobs bleiben am Ende womöglich nur 350.

Goodgame verliert damit nicht nur die Krone des größten deutschen Spieleentwicklers, die es auch noch nach der ersten Schrumpfkur trug, sondern ist – gemessen an der Mitarbeiterzahl – auch nicht länger die Nummer eins in Hamburg, Deutschlands unbestrittener Games-Hauptstadt.

Negativ-Trend wird sich absehbar fortsetzen

Fünf der zehn größten Unternehmen der Branche haben ihren Sitz an Elbe und Alster: Namhafte Firmen wie Bigpoint – einst 600 Millionen Euro wert, im März 2016 aber für 80 Millionen Euro nach China verkauft – und Innogames gehören dazu. Dort stieg im Herbst der schwedische MTG-Konzern ein und zahlte etwa 90 Millionen Euro für eine 35 Prozent-Beteiligung.

Dass der bisherige Leuchtturm Goodgame nur noch glimmt, geht an der Gesamtbranche in der Stadt nicht spurlos vorüber. Laut einer Befragung des Netzwerks Gamecity:Hamburg vom Herbst sank die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bereits 2016 um etwa 230 auf insgesamt noch knapp 4300. Betrachtet man nur die Festangestellten der 171 befragten Firmen, gingen sogar fast 300 Stellen verloren. Nun gibt es weniger Beschäftigte als 2014. Nach der jüngsten Goodgame-Ankündigung wird sich dieser Trend absehbar fortsetzen.

Auch Daedalic hat bereits Personal abgebaut

Nicht allein Goodgame trägt dazu bei. Auch der Hamburger Entwickler Daedalic – mit 160 Mitarbeitern bis dahin die Nummer zehn in Deutschland – kündigte wenige Wochen vor Weihnachten einen Stellenabbau in der Hamburger Zentrale an. Das Unternehmen, das knapp zur Hälfte dem Verlag Bastei Lübbe gehört, sprach gut ein Dutzend betriebsbedingte Kündigungen aus, eine nicht näher bezeichnete Zahl befristeter Arbeitsverträge wurde nicht verlängert.

Daedalic-Chef Carsten Fichtelmann bezeichnete die Marktsituation seinerzeit als „bescheiden und düster“. Kurz zuvor hatte das Unternehmen noch einen leicht gestiegenen Umsatz gemeldet. Große Hoffnungen setzt man bei Daedalic nun auf neue Spiele wie „Die Säulen der Erde“ nach dem gleichnamigen bei Bastei Lübbe erschienen Roman von Ken Follet. Es soll im Frühjahr auf den Markt kommen.

Zwei wesentliche Gründe für die Krise

Medienökonomie-Professor Jörg Müller-Lietzkow von der Universität Paderborn, der zurzeit gemeinsam mit der Hamburg Media School eine umfassende Studie über den deutschen Games-Markt erstellt, sieht zwei wesentliche Gründe für die Krise: Die zunehmende Konkurrenz von Anbietern insbesondere aus Osteuropa und Skandinavien und ganz neue mobile Unterhaltungsangebote, mit denen die Spielebranche konkurriert.

„Die Firmen haben keine schlechte Arbeit gemacht, aber der Markt hat sich verändert. Der Kuchen wird anders verteilt“, sagt Müller-Lietzkow. Und in einer solchen Situation sei Größe nicht unbedingt von Vorteil. „Unternehmen, die relativ große Personalbestände aufgebaut haben, sind besonders betroffen.“

„Deutlich geringere Fixkosten“

Und kleinere können trotzdem Erfolg haben. So meldete Playa Games aus Hamburg kürzlich 40 Prozent Umsatzplus für 2016. Das Unternehmen habe mehr als acht Millionen Euro erlöst, 2017 werde der Umsatz voraussichtlich auf mehr als zehn Millionen Euro steigen. Playa-Gründer Jan Beuck hob in der Mitteilung hervor, das Unternehmen habe nur zehn feste, aber 50 freie Mitarbeiter. „Wir können schneller als große Unternehmen auf Marktveränderungen reagieren. Und wir haben deutlich geringere Fixkosten“, sagte Beuck. Womöglich hatte er dabei den bisherigen Primus Goodgame im Blick.