Hamburg

Muslime wehren sich gegen Drohungen

Daniel Abdin steht der Al-Nour-Moschee
in St. Georg und dem islamischen Rat Schura vor. Er plädiert für einen Dialog mit der türkischen Ditib

Daniel Abdin steht der Al-Nour-Moschee in St. Georg und dem islamischen Rat Schura vor. Er plädiert für einen Dialog mit der türkischen Ditib

Foto: Bertold Fabricius

Islamischer Rat Schura warnt vor Auflösung des Staatsvertrags – trotz der Skandale um Spitzeleien beim Partner Ditib.

Hamburg.  Die Vertreter der meisten Moscheen in Hamburg melden sich entschieden zu Wort: Gemeinsam haben sich die Vorstände des islamischen Rats Schura von Spitzeleien, weihnachtsfeindlichen Karikaturen und Predigten innerhalb des türkischen Moscheeverbands Ditib distanziert. Deutlich schärfer kritisieren sie Politiker der Parteien CDU, FDP und AfD, die derzeit eine Kündigung des Staatsvertrags mit den Muslimen fordern.

Die Vereinbarung zwischen der Stadt und den drei großen muslimischen Verbänden Schura, Ditib und VIKZ sei kein „Kinderspielzeug“, sagte der Schura-Vorsitzende Mustafa Yoldaş. „Diese Errungenschaft darf nicht aus tagespolitischen Erwägungen aufs Spiel gesetzt werden“, so Yoldaş. Zuletzt hatte etwa der CDU-Innenpolitiker Dennis Gladiator gefordert, das Bündnis aufzukündigen – seitdem Ditib-Mitglieder im Internet Aufrufe zum Boykott von Weihnachten und Silvester verbreitet hatten, sei die Organisation als Vertragspartner ungeeignet.

Leitartikel: Muslime müssen Haltung zeigen

Es wurden auch Sorgen vor Beeinflussungen des Religionsunterrichts im Sinne der Türkei laut. „Tatsächlich haben Ditib-Imame nach den Verträgen keinen Einfluss auf den Religionsunterricht in Hamburg, dieser Vorwurf zeugt von großer Unkenntnis“, sagte nun der Schura-Vorsitzende Yoldaş. Vor allem brauche es einen Dialog mit dem Verband Ditib, der nur türkische Staats­beamte als Imame in Deutschland beschäftigt und als verlängerter Arm der Regierung von Recep Tayyip Erdogan gilt.

„Wir können Ditib in einigen Bereichen weiterhin nur miteinbeziehen, wenn man auch miteinander redet“, sagte Özlem Nas, Bildungsbeauftragte der Schura. So stimmte der Verband vor fünf Jahren bei Abschluss des Staatsvertrags einem „Religionsunterricht für alle“ zu.

Auch die Schura-Vorstände Norbert Müller und Daniel Abdin (Al-Nour-Moschee) sprachen davon, dass der Vertrag zum „Spielball“ gemacht und als politisches Druckmittel missbraucht werde. Im Staatsvertrag sind unter anderem Regeln zu Grabplätzen für Muslime, Kooperationen im Kampf gegen Islamismus, Richtlinien für die Ausbildung von Theologen und ein Bekenntnis zu Werten und Religionsfreiheit enthalten.

Mit 54 Mitgliedsvereinen (davon 36 Moscheen) repräsentiert die Schura allein einen großen Teil der 200.000 Muslime in Hamburg – schon eine Ausgrenzung von Ditib aus dem Vertrag würde aber laut dem Rat nicht nur der türkischen Institution, sondern dem Zusammenleben in Hamburg insgesamt schaden. Eher gelte es, die Ursachen für ausländische Beeinflussung zu beseitigen – etwa mangelnde Bezahlung von Imamen mit westlicher Herkunft.

Skandale „ein großes Problem“

Man sei „verwundert“ darüber gewesen, dass der ganze Vertrag öffentlich infrage gestellt werde, ohne dass CDU und FDP vorher das Gespräch mit den anderen Muslimverbänden gesucht hätten, heißt es von der Schura. Die SPD hatte dagegen klargestellt, dass der Staatsvertrag bestehen bleibe. Am 9. Februar will die Spitze der Schura mit den religionspolitischen Sprechern aller Fraktionen der Bürgerschaft zusammenkommen. Danach soll es ein weiteres Gespräch mit der Spitze des Ditib-Landesverbands geben.

Die jüngsten Skandale um die türkische Organisation stellten „ein großes Problem“ dar, so die Schura. Dies sei den Vertretern von Ditib in internen Gesprächen deutlich mitgeteilt worden. Laut Reza Ramezani, Imam des Islamischen Zentrums Hamburg – der „blauen Moschee“ an der Alster –, verstößt Bespitzelung gegen die Ethik des Islam. „Wenn eine Straftat begangen wird, muss diese nach allen Möglichkeiten des Gesetzes geahndet werden“, sagte Ramezani.

Stärker in öffentliche Diskussion einbringen

Da Mitglieder seiner Moschee am israelfeindlichen Al-Quds-Tag in Berlin teilnahmen, war ein Ausschluss des Islamischen Zentrums aus dem Staatsvertrag diskutiert worden. Der Verein wird wegen der Verbindung zum Regime im Iran vom Verfassungsschutz beobachtet. „Es gibt keine politische Steuerung oder Einflussnahme aus dem Ausland“, sagt dagegen Ramezani.

Der islamische Rat kündigte an, sich stärker in die öffentliche Diskussion einbringen zu wollen. „Wir wissen, dass wir vieles besser machen können“, sagte der Schura-Vorstand Daniel Abdin. Dazu gehöre etwa, den Muslimen eine gesellschaftliche Identität als „deutsche Moslems“ zu vermitteln. „Alle Seiten brauchen das Gespräch“, sagte Abdin.