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Erster Blick auf Hamburgs prominenteste Baustelle

Blick hinter die Fassade: Aktuell wird am Alten Wall die Tiefgarage des Neubaus vervollständigt

Blick hinter die Fassade: Aktuell wird am Alten Wall die Tiefgarage des Neubaus vervollständigt

Foto: Michael Rauhe

Neue Geschäfte hinter alten Fassaden: Für 250 Millionen Euro entsteht ein Gebäudekomplex mit Einzelhandel am Alten Wall.

Altstadt.  Nur die Hülle steht noch. 150 Meter zieht sich die imposante, denkmalgeschützte Fassade am Alten Wall entlang. Hinter diesen Mauern, verteilt auf fünf Gebäude, hatte einst die Vereins- und Westbank ihren Sitz. Übrig blieb nur die Front, der gesamte Gebäudekomplex dahinter wurde abgerissen. Der Projektentwickler Art-Invest investiert hier rund 250 Millionen Euro.

Fünf unterirdische Etagen

Seit April vergangenen Jahres wird eines der größten und spektakulärsten Bauvorhaben in der Innenstadt realisiert. Die Öffentlichkeit bekommt davon wenig mit, denn von außen können Passanten keinen Blick auf die Bauarbeiten werfen. Auch am Alsterfleet steht ein Sicht- und Lärmschutz.

Dahinter, auf der Baustelle, dort, wo bei der Grundsteinlegung noch eine 20 Meter tiefe, 90 Meter lange und 30 Meter breite Baugrube war, wurden bereits unterirdisch fünf Etagen hochgezogen. 223 Stellplätze sollen hier in einer öffentlichen Tiefgarage mit Zufahrt vom Alten Wall entstehen. Das Untergeschoss ist für den Einzelhandel reserviert.

Inzwischen hat der Bau das Erdgeschoss erreicht. Ab dem ersten Obergeschoss wird sich später das Atrium bis in die siebte Etage erstrecken und mit einer 90 Meter langen Glasfläche überspannt sein. Außerdem sind im Erdgeschoss weitere Einzelhandelsflächen – insgesamt sollen es 12.000 Quadratmeter werden – geplant. Auch Cafés und Restaurants sollen einziehen.

In den weiteren sieben Etagen des neu errichteten Gebäudes entstehen 18.000 Quadratmeter Bürofläche. Auch das Bucerius Kunst Forum, das um die Ecke seinen Standort hat, wird hier einziehen. Das neue Gebäude wurde entworfen von den Hamburger gmp Architekten von Gerkan, Marg und Partner.

Beton schützt vor eindringendem Wasser

Mitten auf der Baustelle steht Robert E. Voigt, technischer Leiter der Art- Invest, und zeigt in Richtung Alsterfleet: „Eine öffentliche Passage führt durch das Gebäude, und über das Fleet wird eine Brücke bis zu den Alsterarkaden gebaut.“ 70 Arbeiter sind aktuell im Einsatz. Überall liegen Baumaterialien herum, Funken sprühen, und die beiden Kräne transportieren Lasten von bis zu 6,5 Tonnen. Dass vor Ort alles funktioniert, liegt in den Händen von Voigt und Frank Löwenstrom. Er ist der Bauleiter des Generalunternehmers Züblin: „Wir sind im Zeitplan“, sagt Löwenstrom. Und Voigt ergänzt: „Bis Mitte 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein.“

Eine Herausforderung: „Das Fleet grenzt direkt an das Baufeld, und das Grundwasser liegt hier normalerweise genauso hoch wie im angrenzenden Gewässer. Außerdem verläuft unterirdisch auch noch direkt nebenan die S-Bahn-Trasse“, sagt Voigt. Die fünf Keller­geschosse werden von einer ein Meter dicken Schlitzwand – dem Verbau – ummantelt, sie reicht bis in 50 Metern Tiefe. Allein dafür wurden 11.000 Kubik­meter Stahlbeton verbaut: „Nur so kann verhindert werden, dass Wasser in die Baustelle eindringt“, sagt Voigt.

Seit einigen Tagen wird auf der Baustelle „Hochzeit“ gefeiert. Das heißt: Die historische Fassade, der neue Rohbau und die Schlitzwand werden durch Stahlträger miteinander verbunden. Ein komplizierter Prozess: Einzelne Stahlträger, die in der denkmalgeschützten Fassade befestigt sind, werden mit Stahlgeflecht ummantelt und mit Beton vollgegossen.

Weitere Neubauten sorgen für Konkurrenz

Das sei ein echter Kraftakt. Denn die Arbeiter müssen für jeden Stahlträger per Hand gebogene Eisenstangen zu einem Korb verbinden. Dafür werden Kneifzangen und dünne Stahldrähte verwendet. Das einzige technische Gerät ist in diesem Fall eine Betonpumpe. Mit dem Verbund aus Beton und Stahl entsteht ein Bauteil, das sowohl Zug und Drucklasten aufnehmen kann und so für die Standsicherheit des Gebäudes sorgt. Dieser Ringbalken aus Stahl und Beton wird sich auf etwa 240 Metern um das künftige Gebäudeensemble ziehen: „Der gesamte Vorgang dauert rund drei Wochen“, sagt Voigt.

Danach kann mit dem Hochbau des siebengeschossigen Gebäudes hinter den historischen Mauern begonnen werden. Zur Fleetseite, hier stehen keine alten Gebäudeteile mehr, werden Muschelkalk- und Sandsteinfassaden errichtet. Das Richtfest ist für Sommer dieses Jahres geplant.

Auch die öffentlichen Flächen sollen aufgewertet werden. Der Alte Wall soll zu einer Flaniermeile mit Außengastronomie und Kunstobjekten werden. Zahlreiche Flächen für Büros und Einzelhandel entstehen aktuell in der Innenstadt. Nebenan in den Stadthöfen, wenige Hundert Meter weiter im Springer-Quartier. Die neuen Projekte stehen in Konkurrenz zueinander, wenn es um die Werbung neuer Mieter geht: Bislang sind am Alten Wall rund 8600 der 18.000 Quadratmeter Bürofläche vermietet. Die insgesamt 12.000 Quadratmeter Einzelhandelsflächen sind noch nicht vergeben.