Hamburg

Schachmatt der Matheschwäche am Gymnasium Ohlstedt

Schach dem König! Marius Schwarzenberg zieht den weißen Monarchen (vom Feld a1 nach b1) aus dem Angriff des schwarzen Turms (vom Feld a8). Elias Krieger (l.)
und Adrian Laux arbeiten mit ihm an der Lösung der komplizierten Mattaufgabe. Schachlehrer Franz Reisgis gibt Hilfestellungen

Schach dem König! Marius Schwarzenberg zieht den weißen Monarchen (vom Feld a1 nach b1) aus dem Angriff des schwarzen Turms (vom Feld a8). Elias Krieger (l.) und Adrian Laux arbeiten mit ihm an der Lösung der komplizierten Mattaufgabe. Schachlehrer Franz Reisgis gibt Hilfestellungen

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Durch Schachunterricht verbesserten sich die Leistungen der Schüler in Mathematik. Das bescherte der Schule eine Auszeichnung.

Hamburg.  Die Ruhe im Klassenraum ist zu dieser Uhrzeit ungewöhnlich. Sechs Stunden Schule liegen hinter den 15 Jungen (Mädchen fehlen in diesem Kurs), die sich um 14 Uhr konzentriert über einen Zettel beugen, auf dem sie neun Schachaufgaben lösen sollen. Weiß oder/und Schwarz setzt matt in einem Zug, lautet die Aufforderung unter den Diagrammen. Die Besten brauchen wenige Minuten, aber selbst die schwächeren Spieler befinden sich bald auf dem richtigen Weg.

Schachlehrer schreibt 75-Seiten-Lehrplan

Schach ist Wahlpflichtfach in den Klassen acht bis zehn des Gymnasiums Ohlstedt, zwei Stunden einmal in der Woche. Franz Reisgis (64), Oberstudienrat für Geografie, Sport und Informatik, hat das königliche Spiel vor zweieinhalb Jahren in den Unterricht eingeführt, weil es eine reizvolle Mischung aus Sport, Spiel, Wissenschaft und Kunst darstelle. Der Hobbyschachspieler hat dazu einen 75-seitigen Lehrplan geschrieben. Der Hamburger Schachverband kürte ihn 2016 zum „Schachlehrer des Jahres“.

Noten-Aufwertung nicht rechtens?

Die von Reisgis erhofften schulischen Effekte haben sich alle eingestellt. Die Leistungen der Kursteilnehmer haben sich in vielen Fächern verbessert, besonders im Hamburger Problemfach Mathematik. Dort wiesen die Schachspieler im Vergleich zu ihren Mitschülern in mehreren PISA-Tests deutlich höhere Kompetenzen im schwierigen Umgang mit Zahlen und Formeln nach.

„Vom ersten zum zweiten Messpunkt zeigt die mittlere Mathematikleistung der Schachklasse am Gymnasium Ohlstedt einen deutlichen Zuwachs, während die mittlere Mathematikleistung der Vergleichsklasse deutlich weniger stark ansteigt.“ Das ist das Ergebnis einer begleitenden Studie der Universität Göttingen unter Leitung von Tobias Stubbe, Professor am Arbeitsbereich Schulpädagogik/ Empirische Schulforschung. Weniger wissenschaftlich ausgedrückt heißt das wohl: Adrian (15), der zuvor Fünfen in Mathematik schrieb, schaffte zuletzt Dreien und Zweien. Und Peer und Jonas (beide 14) berichten nach nur einem halben Jahr Schachkurs stolz, „dass wir uns jetzt im Unterricht besser konzentrieren“.

„Eine große Anerkennung“

Das alles ist Grund genug, die Schule auszuzeichnen. Am heutigen Freitagvormittag verleiht Schulsenator Ties Rabe (SPD) dem Gymnasium Ohlstedt in einer Feierstunde das Qualitätssiegel „Deutsche Schachschule“, als erstem Gymnasium Hamburgs.

„Das ist eine große Anerkennung“, sagt Schulleiter Hendrik Löns (44), selbst ein passabler Schachspieler. „Nun geht es darum, das Erreichte zu konsolidieren, um eine gewisse Routine zu gewinnen, bevor wir den nächsten Schritt wagen und Schachkurse in der Oberstufe einführen. Die gab es in Deutschland bislang nicht.“ Es bedürfe stets einige Zeit, bis aus etwas Exotischem an einer Schule Alltag geworden sei.

Die Schüler begriffen ja bereits, dass Schach kein Freizeitvergnügen ist, dass sie hier gefordert sind wie in anderen Fächern auch. Löns: „Es wäre schade, wenn dadurch weniger Mädchen und Jungen die Angebote wahrnähmen. Schach scheint schließlich ein geeignetes Medium zu sein, um schulische Leistungen zu steigern.“ Zahlreiche Untersuchungen im In- und Ausland hätten diese These belegt.

Schachspieler können besser rechnen und lesen

Ausgangspunkt war eine Studie des Zentrums für psychologische Diagnostik der Universität Trier. Sie lief von 2003 bis 2007 an der Olewig-Grundschule und ergab: Kinder, die in diesen vier Jahren Schach an der Schule lernten, waren weit leistungsstärker als jene, die nur im herkömmlichen Fächerkanon unterrichtet wurden.

Das Mathematik- und Leseverständnis der Schachspieler war bei einem Vergleichstest in der vierten Klasse doppelt so gut wie der Landesdurchschnitt in Rheinland-Pfalz, das Leseverständnis 2,5-mal besser, das Sprachverständnis dreimal. Den Autoren der Studie fiel zudem auf, dass sich die allgemeine Intelligenz der Schachspieler signifikant steigerte und gerade leistungsschwache Schüler auffällige Fortschritte machten. Ähnliches beobachtet Reisgis auch in Ohlstedt.

Weitere positive Auswirkungen

Weitere positive Auswirkungen sind offenbar: Das Leistungspotenzial der Kinder wuchs ebenso wie Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen und die Fähigkeit, Aufgabenstellungen genau zu lesen und zu verstehen. Im Bericht zur Evaluation der Wirkung des Schulversuchs Schach an der Grundschule St. Georgen im Schwarzwald heißt es: „Die Resultate zeigen, dass der Zuwachs weit über dem liegt, was man von altersgemäßen Entwicklungen her erwarten konnte.“

Björn Lengwenus, heute Leiter der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg, der einst Schach als Fach an der Barmbeker Grundschule Genslerstraße eingeführt hat, sagt: „Ich brauche keine Studien. Ich habe damals täglich die Erfahrung gemacht, wie Schach das Lernverhalten der Schüler verbessert.“