Hamburg

Hamburger Euler Hermes Rating will durch Kooperation wachsen

Über den Dächern der Hansestadt: Geschäftsführer Ralf Garrn in der Zentrale von Euler Hermes in der Friedensallee

Über den Dächern der Hansestadt: Geschäftsführer Ralf Garrn in der Zentrale von Euler Hermes in der Friedensallee

Foto: Marcelo Hernandez

Mit Moody's will die Euler Hermes Tochter das Geschäft außerhalb Deutschlands ausbauen. 40.000 Euro für ein Firmen-Zeugnis.

Hamburg.  In der Finanzkrise ist der Begriff Ratingagentur zum Reizwort geworden. Gemeint waren damit die drei weltweit tätigen Anbieter Standard & Poor’s, Moody’s und Fitch, die alle ihren Hauptsitz in New York haben. Sie benoten Staaten, internationale Konzerne sowie Anleihen, sofern diese ein Volumen in einem dreistelligen Millionenbetrag haben.

Euler Hermes will Geschäft ausbauen

Doch auch deutsche Mittelständler werden nach Einschätzung von Experten künftig zur Finanzierung stärker auf den Kapitalmarkt zurückgreifen und tendenziell weniger auf Banken. Daher gibt es mehrere Ratingagenturen, die sich auf die Beurteilung der Kreditwürdigkeit mittelgroßer Firmen spezialisieren. Eine dieser Agenturen, die Euler Hermes Rating GmbH (EHR), hat ihren Sitz in Hamburg – und über eine kürzlich vereinbarte Kooperation mit Moody’s will sie in den nächsten Jahren das Geschäft auch außerhalb Deutschlands noch kräftig ausbauen.

Gegründet wurde die EHR im Jahr 2001, Ende 2010 erhielt sie als erste Ratingagentur in Europa eine Lizenz der Europäischen Finanzaufsichtsbehörde ESMA. Muttergesellschaft der EHR ist der zur Allianz-Gruppe gehörende Kreditversicherer Euler Hermes. Dabei gebe es durchaus eine enge Verwandtschaft zwischen dem jeweiligen Geschäft der Mutter und der Tochter, findet EHR-Geschäftsführer Ralf Garrn. „Eine der Kernkompetenzen eines Kreditversicherers besteht darin, Unternehmen zu analysieren“, sagt er. 40 Millionen Firmen hat der Mutterkonzern in der Datenbank, allein drei Millionen in Deutschland.

500 Unternehmen im Portfolio

Doch die 23 Mitarbeiter der Rating-Tochter beschäftigen sich wesentlich eingehender mit den Betrieben, von denen sie Aufträge erhalten – meist dann, wenn die Kunden eine Kapitalmarktfinanzierung etwa über eine Anleihe planen. „In unserem Portfolio haben wir rund 500 Unternehmen“, sagt Garrn. „Die untere Grenze liegt bei Jahresumsätzen von ungefähr 50 Millionen Euro, die obere hat sich zuletzt bis auf etwa fünf Milliarden Euro hochgeschoben“ – wobei eine solche Größenordnung aber eher die Ausnahme darstellt.

Ungefähr 40.000 Euro kostet es den Kunden, sich von der EHR durchleuchten zu lassen. „Für ein Erst-Rating sind zwei Analysten etwa vier Wochen lang beschäftigt, für ein Folgerating mindestens zwei Wochen“, erklärt der Geschäftsführer. „Zum Rating-Prozess gehört ein Besuch vor Ort, bei dem wir uns vom Management bestimmte kritische Punkte und die Unternehmensstrategie erläutern lassen.“ Das Resultat der Analyse wird in einem Bericht von etwa zehn Seiten zusammengefasst.

Rating-Noten verbessern sich

„Es kommt vor, dass ein Unternehmen mit der Ratingnote nicht glücklich ist“, so Garrn. Jedoch fänden sich die Kunden in aller Regel in der Analyse wieder. Diese liefere schließlich stets auch Hinweise darauf, wie sich die Kreditwürdigkeit noch verbessern lasse. Solche Anregungen werden offenbar aufgegriffen: „Im Durchschnitt werden die Rating-Noten eines Unternehmens mit der Zeit besser.“

Generell sieht Garrn gute Perspektiven für die EHR: „Die EU-Kommission verfolgt das langfristige Ziel, dass sich Unternehmen stärker über den Kapitalmarkt finanzieren als heute und weniger über Bankkredite.“ Doch auch wenn Firmen die Bonitätseinstufung nicht gerade für eine neue Anleihe benötigten, sei ein solches Zeugnis hilfreich: „Durch den Rating-Prozess können sich Unternehmen eine deutlich bessere Ausgangsposition für Verhandlungen über Bankkredite verschaffen.“

Solche Kredite werden von den Banken jedoch nicht selten gebündelt und an Großanleger weiterverkauft – auch daraus verspricht sich Garrn Wachstumsperspektiven, denn: „Ausländische Investoren sind sehr interessiert an Portfolien mit deutschen Firmenkrediten.“ Die Anleger wollen aber wissen, wie die einzelnen Firmen, deren Kredite sie im Paket kaufen, finanziell dastehen. Diese Informationen liefern Kurzratings, von denen EHR schon mehr als 3000 erstellt hat.

Auslandsgeschäfte voranbringen

„Dieses Geschäftsfeld wollen wir noch ausbauen und dabei auch kleinere Firmen in den Blick nehmen“, erklärt Garrn. Dies soll den Einnahmen, die sich auf einen mittleren siebenstelligen Betrag belaufen, zusätzlichen Schub geben. Dazu will man das Geschäft im Ausland – bisher hat EHR Bonitätsnoten für Unternehmen aus 14 Ländern außerhalb Deutschlands vergeben und damit etwa 30 Prozent der Einnahmen erzielt – künftig deutlich voranbringen.

Gerade im Hinblick auf diese Pläne ergänzen sich die Euler-Hermes-Tochter und der neue Kooperationspartner Moody’s, der sich mit knapp fünf Prozent an der EHR beteiligt hat, aus Sicht von Garrn hervorragend.

Nicht nur die international tätigen „Großen Drei“ der Ratingagenturen mussten sich jedoch in den zurückliegenden Jahren Kritik gefallen lassen., sondern auch die viel kleineren deutschen Agenturen. Der Hintergrund: Im Jahr 2010 hatte sich in Deutschland ein Börsensegment speziell für Anleihen kleinerer Firmen etabliert - und die große Nachfrage der Anleger, angelockt von Verzinsungen von sieben bis acht Prozent, hatte die Unternehmen zu einer Welle von Emissionen veranlasst.

Markt wird sich etablieren

Doch in der Folge fielen mehr als 40 der gut 200 Anleihen aus, darunter auch etliche, denen die Ratingagenturen eine ausreichende bis gute Bonität (in der Fachsprache: Investment Grade) bescheinigt hatten. Betroffen davon war vor allem die Düsseldorfer Agentur Creditreform, damals mit Abstand der Marktführer im Geschäft mit dem Mittelstand. Die Wettbewerber, wie EHR und Scope aus Berlin, kamen deutlich glimpflicher davon. Zwar gab es auch Insolvenzen unter den EHR-Kunden, aber, so Garrn: „Wir hatten so gut wie keine Ausfälle bei Unternehmen mit einer Investment-Grade-Einstufung.“

Auch wenn der Ruf der Mittelstandsanleihen derzeit ramponiert ist, gibt es nach Auffassung von Garrn einen Bedarf dafür: „Ich bin überzeugt davon, dass sich langfristig ein solcher Markt etablieren wird.“