Hamburg

Wenn Roboter für uns Steuern zahlen . . .

HWWI-Chef Prof. Henning Vöpel

HWWI-Chef Prof. Henning Vöpel

Foto: Marcelo Hernandez

Wie leben und arbeiten wir im Hamburg der Zukunft? Der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts HWWI, Henning Vöpel, blickt voraus

Hamburg.  Die Arbeitswelt verändert sich radikal, gerade in Hamburg. Im Abendblatt-Interview wagt der Chef des renommierten Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI), Henning Vöpel, einen Blick ins Jahr 2100. Er sieht einen technologischen Marxismus, in dem es für jeden Bewohner der Stadt ein Grundeinkommen geben wird, finanziert von Robotern, die Steuern zahlen. Und was geschieht mit dem Hafen? Er wird seiner Meinung nach massiv an Bedeutung verlieren.

Wie zufrieden sind Sie mit dem Wirtschaftsjahr 2016 für Hamburg?

Henning Vöpel: Das Jahr war konjunkturell ein gutes – vor allem getragen von einem starken Konsum und einer regen Bautätigkeit. Allerdings gibt es erste Warnhinweise, die uns zeigen, dass die Stadt sich strukturell wandeln muss. Hamburg darf es nicht versäumen, die Weichen für die nächsten zehn Jahre zu stellen. Wir müssen die Stadt in ihrer Funktionalität umbauen.

Was heißt das konkret?

Hamburg sollte sich nicht auf seinem Status als Hafenstadt ausruhen. Denn durch die digitalen Technologien wird der Hafen in seiner jetzigen Form zwangsläufig an Bedeutung verlieren. So werden sich zum Beispiel durch den 3-D-Druck Wertschöpfungsketten verkürzen, das Handelsvolumen nimmt ab und die Transportlogistik wird zurückgebaut. Schrauben für Maschinen oder Karosserien für Autos werden nicht mehr mit dem Schiff aus fernen Ländern nach Hamburg gebracht, sondern können an der Kaikante oder direkt in Fabriken ausgedruckt werden. Mit Blick auf diese Entwicklung sollte die Stadt versuchen, verstärkt Hochtechnologie aus Zukunftsbranchen anzusiedeln. In Hamburg müssen wieder unternehmerische Visionen entschieden werden. Zudem muss der Transfer zwischen Wirtschaft und Wissenschaft in der Stadt besser funktionieren. Wir brauchen ein viel offeneres und durchlässigeres Innovationssystem.

Wenn der Hafen an Bedeutung verliert, warum brauchen wie dann überhaupt noch die Elbvertiefung?

Der Bedeutungsverlust des Hafens ist ein langfristiger Prozess. In den kommenden Jahren wird die Elbvertiefung dem Hamburger Hafen helfen – und deshalb ist sie auch sinnvoll. Allerdings hilft uns die Elbvertiefung nicht dabei, die angesprochenen strukturellen Pro­bleme zu lösen.

Was wären die Konsequenzen für Hamburg, sollte die Elbvertiefung nicht kommen?

Dann wäre Hamburg gezwungen, den Strukturwandel noch viel schneller anzupacken, vielleicht sogar einen ganz anderen Entwicklungspfad zu beschreiten.

Also erkauft man sich mit der Elbvertiefung lediglich Zeit?

So ist es. Als Brücke für die notwendige Transformation des Hafens.

Wieviel Zeit?

Kaum mehr als vielleicht fünf, maximal zehn Jahre.

Seit Längerem bewegt sich die Arbeitslosenzahl in Hamburg rund um 70.000. Warum kommen wir nicht mehr deutlich unter diese Marke?

Hamburg als attraktive Metropole zieht immer Menschen an, die hier gerne wohnen und arbeiten wollen. Wenn es offene Stellen gibt, führt das automatisch immer auch zu einem Zuzug von außen, sodass sich eine bestimmte Sockelarbeitslosigkeit gar nicht mehr reduzieren lässt. Ich denke, dass die 70.000 Erwerbslosen schon so etwas wie eine stille Reserve sind – in Zukunft deutlich unter diesen Wert zu kommen, wird äußerst schwierig.

Immer mehr Menschen aus der Mittelschicht – zum Beispiel im Bankenbereich oder den Medien – müssen mit Einkommenseinbußen leben oder verlieren sogar ihre Jobs. Macht Ihnen dieser Prozess Sorgen?

Ja, auf jeden Fall. Die Globalisierung und die Digitalisierung treiben Keile in die Mittelschicht und gefährden den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Globalisierung hat hierzulande Druck auf die unteren und mittleren Löhne erzeugt. Auch durch die Digitalisierung wird ein erheblicher Strukturwandel ausgelöst. Algorithmen und künstliche Intelligenz ersetzen zunehmend qualifizierte Arbeit. Zum Beispiel in Banken, Kanzleien oder Krankenhäusern. Und dieser Prozess wird sich fortsetzen.

... und einhergehen mit einem weiteren Verlust von Arbeitsplätzen.

Arbeit geht nie aus, aber zumindest übergangsweise kann es zu hoher struktureller Arbeitslosigkeit kommen. Und dieser Prozess wird in einem sehr hohen Tempo vonstattengehen. Wir befinden uns auf einer Expedition mit unbekanntem Ziel. Deshalb müssen wir uns noch stärker als bisher um Bildung und lebenslanges Lernen kümmern, um die Menschen agil für die Herausforderungen der Zukunft auf dem Arbeitsmarkt zu machen. Und wir müssen unsere Sozialversicherungssysteme grundlegend reformieren, damit sie funktionsfähig bleiben.

Was bedeutet das im Detail?

Es wird immer häufiger passieren, dass bestimmte Tätigkeiten und Qualifikationen durch den Einsatz von Robotern plötzlich nicht mehr gebraucht werden. Um die Menschen kollektiv am digitalen Fortschritt zu beteiligen, könnte man zum Beispiel Roboter besteuern und damit ein Grundeinkommen für jeden finanzieren – also einen festen Transfer, der jedem Bürger vom Staat überwiesen wird. Das wäre eine Art technologischer Marxismus, der nicht wie von Marx vor­ausgesagt durch eine politische, sondern durch eine digitale Revolution entsteht. Wir könnten produzieren, ohne arbeiten zu müssen – eine lang gehegte Utopie der Menschheit. Auf der anderen Seite würden viele Produkte günstiger, denn Roboter könnten Tag und Nacht ohne Pause produzieren – ein immenser Kostenvorteil. Und im Zuge dieser Entwicklung würde menschliche Arbeit wieder wertvoller.

... also zum Beispiel die Pflege von bedürftigen Senioren?

Genau. Die Pflege würde dann von der Gesellschaft weit höher bewertet und entlohnt als zum Beispiel die Produktion eines Autos.

Lassen Sie uns – mit Blick auf Ihre Voraussagen – mal auf Hamburg im Jahr 2100 schauen. Wie werden die Hamburger dann leben und arbeiten?

Wenn uns die Transformation in das neue Zeitalter gelingen sollte, dann könnte Hamburg zu einer Modellstadt für Nachhaltigkeit, Innovation und Lebensqualität werden. Die urbane Gesellschaft wird das Leben und den Alltag völlig neu organisieren, koordinieren und dadurch desynchronisieren – das heißt: Wir fahren nicht mehr alle morgens um sieben Uhr in die Stadt und am Abend nach Hause. Staus wird es nicht mehr geben – ein unglaublicher Gewinn an Zeit und Freiheit. Wir hätten dann auch viel mehr Platz, weil wir weniger Fabriken und Bürogebäude bräuchten. Es würde viel weniger, weil autonom fahrende Autos geben – voraussichtlich noch ein Drittel der heutigen Flotte. Die Luft wäre sauberer, die Stadt leiser, das Leben gesünder. Das kreative und kulturelle Miteinander könnte viel stärker als heute in das Zentrum des urbanen Lebens rücken, weil wir uns den Zwängen der Produktion entledigt hätten. Aber Digitalisierung kann auch scheitern. Wir brauchen einen Plan, denn es kommen schon bald sehr weitreichende Fragen auf uns als Gesellschaft zu.

Und welche Bedeutung würde der Hamburger Hafen noch haben?

Seine Funktion für die Stadt wird eine völlig andere sein. Am Ende könnte der traditionelle Hafen zu einem reinen Umschlagplatz für Rohstoffe schrumpfen.