Hamburg

Damit Weihnachten kein einsames Fest wird

Für viele alleinstehende Menschen sind die Feiertage schwer zu ertragen. Aber dagegen gibt es ein ganz einfaches Rezept – eine Rechtsanwältin zeigt, wie es geht

Hamburg.  Früher, als ihre Familie sich mehr oder weniger komplett um den Weihnachtsbaum herum versammelte, hätte Christina Menck-Kaufmann (49) nicht im Traum daran gedacht, ausgerechnet Heiligabend noch einen Fremden zusätzlich an den festlich gedeckten Tisch zu bitten. Aber dann, vor zehn Jahren, als ihre Kinder Vanessa und Vincent noch klein waren und an den Weihnachtsmann glaubten, passierte etwas Merkwürdiges: Dabei hatte die Rechtsanwältin aus Eimsbüttel bloß den Hausmeister des benachbarten Meridian-Fitnessclubs gebeten, am 24. Dezember den Weihnachtsmann zu geben.

Dieser Hausmeister hieß Herbert, war gut beleibt, besaß vermutlich schon von Geburt an ziemlich rote Wangen, und er nahm diesen Auftrag gerne an.

„Herbert machte seine Sache sehr gut“, sagt Christina Menck-Kaufmann, „sein Vortrag wirkte jedenfalls äußerst überzeugend. Aber als ich ihn dann zur Tür brachte, um ihn zu verabschieden und ihm ebenfalls noch fröhliche Weihnachten zu wünschen, sagte er etwas bedröppelt: ‚Na ja, zu Hause wartet ja niemand auf mich.‘ Da hab ich mich spontan dazu entschieden, Herbert in den Kreis unserer Familie einzuladen.“ Ein Gedeck, ein Weinglas mehr, was mache das schon?

Der Hausmeister brachte sein Kostüm ins Auto und klingelte ein paar Minuten später erneut an ihrer Wohnungstür. „Wir erzählten den Kindern, dass es sich um einen Freund des Onkels handeln würde, der keine Familie besaß“, sagt Christina Menck-Kaufmann, die sich gerne an diesen besonderen Heiligabend erinnert: „Wir waren alle sehr ergriffen – vielleicht sogar ergriffener als sonst“, sagt sie. Denn es sei ja nun mal auch so, dass man sich selbst zumeist besser fühlt, wenn man anderen Menschen etwas Gutes angedeihen lässt – und wenn es sich dabei „nur“ um Nähe, ein bisschen mehr Wärme und Geborgenheit handelt.

Denn das Alleingelassensein und das Sichverlorenfühlen schreitet in unserer modernen, von Effizienz diktierten Gesellschaft unaufhaltsam voran. Zahlreiche weitere Faktoren begünstigen ebenfalls die Einsamkeit des Homo urbanus, gerade zu Weihnachten, zu Heiligabend, der in der Erinnerung vieler zumeist ein ganz besonderer Tag gewesen ist – nicht nur der Geschenke wegen. Früher war zwar nicht alles besser, aber vieles war früher gut.

Doch die Familienstrukturen haben sich verändert, die Bereitschaft zur eher unverbindlichen Beziehung hat zugenommen. Die Enkel der 68er-Generation, die sich trotz des damaligen gesellschaftlichen Umbruchs immerhin noch recht unverdrossen „getraut“ hatte, glänzen längst durch „Bindungsangst“. Sie sind von der großen Sorge getrieben, sie könnten seelisch verletzt werden, könnten wegen der Kinder ihre Karrierepläne beerdigen oder bei einer Trennung oder Scheidung finanziell ruiniert werden.

Waren es 1991 noch rund elf Millionen Singlehaushalte, so sind es nur ein Vierteljahrhundert später fast 17 Millionen, in Hamburg leben bereits 54 Prozent der Menschen allein; im Bezirk Hamburg-Nord liegt der Anteil der Singlehaushalte sogar bei knapp 65 Prozent. Weitere Singlehochburgen sind die Bezirke Hamburg-Mitte und Eimsbüttel (58 Prozent Einpersonenhaushalte) und Altona (54 Prozent); unter dem Durchschnitt liegen nur die Bezirke Wandsbek und Harburg mit je 48 Prozent Singlehaushalten sowie Bergedorf (42 Prozent).

Gleichzeitig mit dieser Entwicklung sinkt auch der Anteil der Haushalte mit Kindern. 1980 lebte noch in jedem vierten Hamburger Haushalt mindestens ein Kind unter 18, sind es heute nur noch rund 18 Prozent, und in fast einem Drittel davon handelt es sich um die sogenannten Alleinerziehenden.

Weitere Faktoren, die den Heiligabend vorm Fernseher mit obligatorischem Bruce-Willis-Spielfilm begünstigen, sind die erhöhte Mobilität, durch die immer mehr traditionelle Familien- und Freundschaftsstrukturen auseinanderdriften. Über 17 Millionen Menschen pendeln täglich, die Familienmitglieder, Verwandte, Freunde und Bekannte leben häufig über den ganzen Erdball verstreut – die Einsamkeit, so scheint es, ist programmiert. Und gerade zu Heiligabend ist das für viele Menschen schlichtweg fatal.

„Seit jenem Weihnachten vor zehn Jahren habe ich deswegen immer ein paar Gedecke mehr in Reserve“, sagt Christina Menck-Kaufmann. Schon im Jahr darauf habe eine Bekannte mit ihrem Sohn – frisch getrennt – mitgefeiert, und so ging es dann weiter, Jahr für Jahr. „Man muss nur in die Runde fragen, ‚was machst du eigentlich Heiligabend?‘, und schon hat man Gäste. Denn niemand sollte den Heiligabend alleine verbringen.“

„Macht hoch die Tür“: Das sollte vor allem auch für die vielen älteren Menschen gelten. 2015 verdrückte das ganze Land Tränen über dem Weihnachtswerbespot des Handelsriesen Edeka, der die Geschichte eines einsamen Familienoberhaupts erzählte, dem es nur mithilfe einer fingierten Todesnachricht gelang, seine über den gesamten Erdball verstreute Familie zu Weihnachten komplett zu versammeln. Der große Erfolg sowie die öffentliche Diskussion, die der Spot auslöste, wäre ohne diese frappierenden Zahlen vermutlich gar nicht möglich gewesen: Schon heute sind über 20 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt, 2060 wird es wahrscheinlich jeder Dritte sein – und über fünf Millionen alter Menschen leben zurzeit allein, eine knappe Million davon in Pflegeeinrichtungen. Aber „der Mensch kann nicht existieren ohne die Beziehung zu anderen; und er ist am Ende auch nur das, was er für andere Menschen bedeutet“, schrieb der deutsche Soziologe Norbert Elias (1897–1990) in seinem Essay über „Die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“.

So ist es auch für die Journalistin Maria Wimmer (47) inzwischen längst zum lieb gewonnenen Brauch geworden, ihre Nachbarn nach der Bescherung ihrer eigenen Kinder und ihrer Schwiegereltern zu sich einzuladen. Dabei handelt es sich um ein Ehepaar, dessen Sohn mit einer Südamerikanerin verheiratet ist und der deshalb häufig die Weihnachtsferien in Argentinien verbringt. „Oft ist auch die frühere Tagesmutter unserer Kinder bei uns, sie ist Witwe“, sagt die Niendorferin. „Mein Mann und ich finden, dass diese Art des Weihnachtenfeierns viel geselliger ist.“

Einsam zu sein bedeutet, keine Bestätigung von seinen Mitmenschen zu erhalten. Diese fehlende, emotionale Harmonie kann krank machen, körperlich, vor allem aber seelisch: Rund fünf Millionen Deutsche erkranken jährlich an einer Depression. Zahlreiche internationale Studien belegen darüber hinaus, dass „Einsamkeit schlechthin das bestimmende Gefühl unserer Jahrzehnte ist“, sagt der Psychiater, Therapeut und Autor Prof. Josef Aldenhoff von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, „Facebook und Co. sind keine wirksamen Gegenmittel.“

Einsame Menschen empfinden daher die Adventszeit, die unerbittlich auf ihren Höhepunkt, den Heiligabend, zusteuert, häufig als viel zu lang. Denn es ist bitter, hilflos dabei zusehen zu müssen, wie sich der Rest der Welt fröhlich um Glühwein- und Bratwurststände versammelt und mit Geschenkpaketen durch die weihnachtlich beleuchteten Einkaufsstraßen bummelt. Besonders prekär ist diese Situation für diejenigen, die zum ersten Mal mit der „Kevin allein zu Haus“-Situation konfrontiert werden, weil der Lebenspartner verstorben oder sich getrennt hat. So wie Maik K. aus Eilbek, dessen Frau sich Anfang Dezember des vergangenen Jahres von ihm trennte: „Wir kannten uns über unsere Kinder aus der Bugenhagen-Schule“, sagt Katharina Blechschmidt (35), die schon immer mit ihrer Familie und mit Freunden gemeinsam Weihnachten gefeiert hatte. „Ich habe damals gemerkt, dass irgendetwas nicht mit ihm stimmt. Als ich ihn fragte, meinte Maik, ‚es sei für ihn schon okay, Heiligabend alleine zu sein‘“, erzählt die Mutter einer 13-jährigen Tochter, die das Büro einer bekannten Hamburger Schiffsrechtskanzlei leitet, „aber ich hab mich dann einfach stur gestellt und ihn quasi dazu genötigt, am 24. Dezember bei uns zu erscheinen und gemeinsam mit meiner Familie am Tisch zu sitzen.“ Dabei, meint sie, gehe es ihr nicht einmal so sehr darum, einem einsamen Menschen einen Weihnachts-Blues zu ersparen. „Das natürlich auch“, sagt Katharina Blechschmidt augenzwinkernd, „aber was ja niemand so richtig bedenkt, ist, dass Weihnachten ein Familienfest ist, und das beinhaltet ja nicht selten auch ein gewisses Konfliktpotenzial. Doch wenn zwei oder drei Fremde mit am Tisch sitzen, dann reißen sich alle mal einen Abend lang zusammen.“