Hamburger Expertin

„Viele Manager schreiben wie Drittklässler“

Handschriften-Trainerin Susanne Darendorff setzt sich für die verbundene Schreibschrift und eine andere Art des Schreibenlernens ein

Handschriften-Trainerin Susanne Darendorff setzt sich für die verbundene Schreibschrift und eine andere Art des Schreibenlernens ein

Foto: Marcelo Hernandez

Susanne Dorendorff ist Handschriften-Coach. Zu ihren Klienten gehören in Hamburg Kinder genauso wie gut bezahlte Führungskräfte.

Hamburg.  Sie unterwandert das System, sagt Susanne Dorendorff und lacht darüber. Die Handschriften-Trainerin meint das Bildungssystem. Denn die Frau mit der Passion für die Handschrift wirft den Pädagogen vor, den Kindern das Schreiben nicht richtig beizubringen. Frau Dorendorff setzt sich für die Schreibschrift ein, dafür, dass Grundschüler die verbindende Schrift lernen statt Druckbuchstaben.

Die Winterhuderin ist Handschriften-Coach. Sie hilft Kindern mit unleserlicher Schrift, flüssiger zu schreiben, und Manager kommen zu ihr, um sich eine leserliche Handschrift anzueignen. „Viele Top-Manager mit teuren Füllfederhaltern haben eine Schrift wie ein Drittklässler“, sagt sie. Die müssten sogar ihre Unterschrift üben.

Die Frau mit den straff nach hinten gebundenen Haaren ist Expertin fürs Handgeschriebene, die mit ihrer Schrift viel Geld verdient hat und sich ihre Weise zu schreiben hat schützen lassen, als Nachahmer versuchten, damit ihrerseits Geld zu verdienen. Ihre Schrift mit diesen feinen Bögen und Linien sieht aus wie gemalt – wie bei der Kalligrafie. Genau das ist sie aber nicht. Denn während bei der Kalligrafie die Hand immer wieder abgesetzt wird, führt die Hand beim Schreiben fließend von Buchstabe zu Buchstabe, verbindet diese miteinander. Wer der 59-Jährigen zuhört, sieht das Schreiben mit anderen Augen, ist fasziniert davon. Was ist schon das Tippen in den Computer gegen das Schreiben mit der Hand? „Schreiben ist eine geistig-motorische Bewegung“, sagt sie. Denken und Schreiben sollen ineinander fließen. Die Schriftart sei egal. „Mein Fokus liegt auf der Bewegung.“

Vor allem Jungs haben Probleme mit der Handschrift

Dass dieser Fluss aber ins Stocken gerät, hört Dorendorff von Eltern und Lehrern, die zu ihr kommen, weil vor allem Jungs eine unleserliche Schrift hätten und weil die Kinder ihre Lust am Schreiben verlieren. „Kinder wissen oft gar nicht, wie man den Stift richtig hält“, sagt sie. Sie benutzen falsche Stifte (rund sei besser als kantig, dünne Stifte besser als dicke Jumbostifte). Die Schuld gibt Frau Dorendorff dem Bildungssystem. Die Lehrer seien schlecht oder gar nicht ausgebildet, um das Schreiben beizubringen.

In Hamburg arbeiten die Grundschullehrer mit der Grundschrift, die sich an der Druckschrift orientiert. Diese sieht das Erlernen formklarer Buchstaben vor, die dann individuell verbunden werden können. Bei großen Schwierigkeiten können einzelne Schüler eine unverbundene Schrift über den Anfangsunterricht hinaus benutzen. Später kann die Schreibschrift folgen.

Susanne Dorendorff, die Grafik-Design und Illustrationsdesign studiert hat, in Werbeagenturen gearbeitet hat und als Designerin und Typografin unter anderem Lehrerfortbildung anbietet, hält nichts von Druckbuchstaben, bekämpft sie regelrecht. Diese blockierten, weil sie zu statisch seien. „Bei Druckbuchstaben muss die Hand immer wieder absetzen, das lenkt ab, stoppt und schreddert die Gedanken“, sagt sie. Druckbuchstaben würden gemalt. Mit Schreiben habe das nichts zu tun.

Eine Umfrage des Deutschen Lehrerverbandes im vergangenen Jahr unter 2000 Lehrern bestätigt Probleme mit der Handschrift: „83 Prozent der befragten Grundschullehrer sagen, dass ihre Schüler Probleme mit der Handschrift haben“, so Josef Kraus vom Deutschen Lehrerverband. Den Schülern fehle Ausdauer. Ihre Hand verkrampfe sich, sie hielten den Stift falsch und hätten zu wenig Routine.

Lehrer von weiterführenden Schulen beklagten sich über eine unleserliche Schrift und zu langsames Schreiben. Fast alle Pädagogen sahen zudem einen Zusammenhang zwischen der Handschrift eines Schülers und seinen schulischen Leistungen. Eine Forderung: „An den Grundschulen muss die verbundene Schrift für mehr Individualität und höheres Schreibtempo geübt werden“, so Kraus. So dramatisch sieht Stefan Kauder vom Grundschulverband die Lage in Hamburg nicht. Er plädiert für mehr Gelassenheit und verweist darauf, dass auch an den weiterführenden Schulen die Ausbildung einer leserlichen Handschrift weiter Thema im Unterricht sein muss.

Susanne Dorendorff hat eine Methode entwickelt, um zügig und leserlich zu schreiben. Sie gibt telefonisch Tipps, hat Literatur dazu verfasst und vermittelt ihre Methode online. Das Coaching ist kostenlos, die Vorlagen und Arbeitsblätter kosten zehn Euro. Zum Trainieren der Feinmotorik gehört ein Stäbchenspiel. Es geht darum, die Fingerfertigkeit zu verbessern, aber auch darum, den Frust herauszunehmen. „Schreib doch mal so schnell, wie ein Porsche fahren kann“, fordert sie Jungs auf. „Jungs brauchen logische Erklärungen“, sagt sie. Warum man auf geraden Linien schreibt? „Weil Wasser auf gerader Fläche ja auch schneller fließt.“

Mit Schönschrift hat Schreibenlernen nichts zu tun, sondern mit Lesbarkeit. „Man sollte Kinder darin ermutigen, ihre Handschrift so zu gestalten, dass sie sie lieben.“ Dorendorff bietet Fortbildungen auch für Lehrer an. Eine Sprachheilpädagogin, die anonym bleiben möchte, weil sie Ärger mit der Schulbehörde fürchtet, hat gute Erfahrungen mit der Methode Dorendorffs gemacht: Dass die lateinische Schreibschrift für Schulanfänger kaum zu erlernen sei, stimme nicht: „Auch Schüler mit kognitiven Einschränkungen lernen sie“, weiß sie. Druckbuchstaben, ist auch sie überzeugt, verhinderten Prozesse im Gehirn. Wer aber flüssig schreibe, könne sich Texte besser einprägen und ihren Sinn erfassen. Es klingt fast esoterisch, wenn Susanne Dorendorff sagt: „Schreiben ist Denken und Fühlen.“ Sie lebt eben für die Schreibschrift. Von Januar an bietet sie in der Galerie Oranie in der Gänsemarktpassage Workshops zum Thema an. Infos unter www.dorendorff.eu