„Women’s History“

Christiane Brahms, die Mutter des Musik-Genies

Johanna Henrika Christiane Nissen ist
die Mutter des Musik-Genies
Johannes
Brahms. Als er geboren wurde, war sie
bereits 44 Jahre alt

Johanna Henrika Christiane Nissen ist die Mutter des Musik-Genies Johannes Brahms. Als er geboren wurde, war sie bereits 44 Jahre alt

Foto: Getty Images

Fünfter Teil der Serie: Die Näherin verliebte sich mit 37 in einen 20-Jährigen und wurde dreifache Mutter.

Hamburg.  1826 entwickelt sich in der heute nicht mehr existierenden Ulricusstraße 91 eine so ungewöhnliche wie folgenschwere Romanze: Eine 37-Jährige Frau verliebt sich in einen 20-jährigen Mann. Sie ist Näherin, gehbehindert und gewohnt, hart zu arbeiten, er ist Musiker. Später werden die beiden einen Sohn haben, der die Welt mit seiner Musik in Entzücken versetzt.

Doch der Reihe nach: Johanna Henrika Christiane Nissen (1789–1865) führt gemeinsam mit ihrer Schwester in der Ulricusstraße ein Geschäft, in dem alles verkauft wird, was man zum Nähen braucht: Knöpfe zum Beispiel und Zwirn. Die nicht mehr junge Frau, die alle nur Christiane nennen, ist es gewohnt, hart zu arbeiten. Seit sie 13 war, musste sie zum Lebensunterhalt ihrer Familie beitragen.

Leicht haben es die Brahms nicht

Geschäftstüchtig ist sie auch, ein Zimmer hat sie zu viel in der Wohnung, das vermietet sie – an eben jenen, der ihr Herz erobern wird, den 20-jährigen Johann Jakob Brahms (1806–1872). Nachts schläft er in dem vermieteten Zimmer und später dann in ihrem Bett, tags verdient er seinen Lebensunterhalt als Straßenmusikant. Am 9. Juni 1830 heiraten die beiden.

Ab diesem Jahr heißt Christiane nicht mehr Nissen, sondern Brahms, muss Johann Jakob nicht mehr im Einzel-, sondern darf offiziell im Ehebett schlafen. Und Straßenmusiker muss er auch nicht mehr sein, wird er doch im Jahr seiner Eheschließung in das Hornistenkorps der Bürgerwehr aufgenommen.

Die Ehe ist fruchtbar, obwohl Christiane besonders für jene Zeit eine sehr späte Mutter ist: Drei Kinder bringt sie zur Welt und das zweite, das ist ein musikalisches Wunderkind. Sein Name ist Johannes, leben wird der 1833 Geborene bis 1897. Leicht haben es die Brahms nicht, trotz Vater Johanns Arbeit im Hornistenkorps: Nur sehr unregelmäßig soll er Geld verdient haben und obendrein nicht sonderlich gut damit umgegangen sein. Sparsames Wirtschaften war dem jungen Vater Johann zum Leidwesen seiner Gattin offenbar ein Fremdwort.

Familie musste mehrfach umziehen

Ein wirkliches Nest hatte die Familie auch nicht, mehrfach musste sie umziehen, vom „Schlütershof“ in der Speckstraße 60 im Gängeviertel, dem Geburtsort von Johannes Brahms, an den Dammtorwall zum Beispiel. Der junge Brahms musste schon in frühen Jahren zum Familienbudget beitragen. Mit 13 begann er in verschiedenen Lokalen Tanzmusik zu spielen.

Leicht war die Kindheit nicht, Johannes Brahms soll einmal sinngemäß gesagt haben: „Die Leute sagen immer, dass ich rüde und taktlos sei. Wo soll ich Takt gelernt haben? Ich musste in meiner Kindheit in Seemanns-Spelunken spielen, um nicht zu verhungern. Dort lernt man nichts Gutes.“ Doch trotz aller Armut und der schwierigen Jugend hat Brahms sein Elternhaus geliebt. In einem Brief über seine Mutter schrieb er einmal: „Es ist so herrlich, bei den Eltern zu sein! Die Mutter möchte ich immer mitnehmen können.“