Arbeitsmarkt

Hamburgs Firmen stellen kaum Menschen mit Behinderungen ein

Die Chefin der Feinwäscherei Lange, Agnieszka Beck, hat in Michael Harp einen engagierten Mitarbeiter gefunden

Die Chefin der Feinwäscherei Lange, Agnieszka Beck, hat in Michael Harp einen engagierten Mitarbeiter gefunden

Foto: Michael Rauhe

Die Zahl der Arbeitslosen in Hamburg sinkt immer weiter. Doch Menschen mit Handicap profitieren davon nicht.

Hamburg.  Selbst der Chef der Arbeitsagentur Sönke Fock konnte sich das zu Beginn des Jahres nicht vorstellen: Die Zahl der Jobsuchenden in der Hansestadt sinkt von Monat zu Monat. Mit 67.726 Arbeitslosen im November wurde zum dritten Mal in Folge die Zahl von 70.000 unterschritten. „Darauf hätte ich zu Beginn des Jahres nicht gewettet“, sagt Fock bei der Vorlage der Zahlen in einer Wäscherei auf der Uhlenhorst. Angesichts der vielen Flüchtlinge seien die Unsicherheitsfaktoren zu groß gewesen.

Niedrigste Arbeitslosenquote seit Herbst 2012

Doch jetzt ist der niedrigste Stand der Arbeitslosigkeit seit Herbst 2012 erreicht. Seit Jahresbeginn ist die Arbeitslosigkeit um neun Prozent gesunken. Allein gegenüber dem November 2015 ging die Zahl der Arbeitslosen um 3,9 Prozent (2747 Personen) zurück. Im Jahresvergleich sank die Arbeitslosenquote um 0,3 Prozentpunkte auf 6,8 Prozent. Im Vergleich zum Oktober 2016 gibt es noch einmal 750 weniger Arbeitslose in der Stadt. „Wir haben unverändert eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften in der Stadt“, sagt Fock. Das zeige sich auch an 17.000 unbesetzten Stellen, die der Arbeitsagentur von den Firmen gemeldet wurden. Mehr als 4000 freie Arbeitsplätze gibt es allein in Hamburgs Industrie. Weitere 3000 Stellen sind in der Logistikbranche und dem Sicherheitsgewerbe unbesetzt. „Es ist aber ein Problem, dass häufig die Vorstellungen der Arbeitgeber und die Qualifizierung der Jobsuchenden nicht übereinstimmen“, sagt Fock. Denn 50 Prozent der Jobsuchenden haben keine Berufsausbildung. Doch auch in diesem Fall kann die Arbeitsagentur durch zielgerichtete Qualifizierung helfen.

11.000 Pflichtstellen für Behinderte unbesetzt

Die Qualifikation ist bei arbeitslosen schwerbehinderten Menschen nicht das Problem. Allein 54 Prozent von ihnen sind Spezialisten und Experten. Dennoch haben die 3141 arbeitslosen Behinderten unterdurchschnittlich von der Erholung des Arbeitsmarktes profitiert. Die Zahl hat sich seit Jahren kaum verändert. „Angesichts des Fachkräftemangels ist das unverständlich“, sagt Fock. „Wenn die Faktoren Alter (ab 50) und Behinderung zusammenkommen, ist es besonders schwierig, eine neue Stelle zu finden.“

Insgesamt müssen Hamburgs Arbeitgeber 31.000 Stellen für Behinderte zur Verfügung stellen. Doch 11.000 Stellen sind unbesetzt – die Firmen zahlen lieber eine Straf­gebühr, als sie zu besetzen. „Bei Menschen mit Behinderung denken Per­sonalentscheider an Rollstühle oder besondere Arbeitsplatzausstattung“, sagt Fock. Doch das sei Unsinn, denn die wenigsten behinderten Menschen sind auf einen Rollstuhl angewiesen.

Einschränkungen kein Thema

Auch Agnieszka Beck hatte gewisse Bedenken, als sie neues Personal für die Feinwäscherei Lange auf der Uhlenhorst suchte. Doch schon im Praktikum überzeugte Michael Harp, der gelernter Bäcker ist und sich inzwischen zur Textilreinigungsfachkraft qualifiziert hat. „Über ein Jahr lang war ich arbeitslos – und viele Bewerbungsgespräche führten nicht zur Einstellung“, sagt der 46-Jährige. „Seine Einschränkungen sind für uns kein Thema“, sagt Beck. „Denn Herr Harp kann in allen Bereichen des Betriebs einschließlich der Kundenberatung eingesetzt werden.“

Umdenken lohnt sich

Für die Chefin der Textilreinigung war wichtig, dass es eine fachliche Begleitung bei der Einarbeitung von Behinderten gibt. Solche Aufgaben übernehmen Bildungsdienstleister wie Ausblick Hamburg. „Wir betreuen 160 bis 200 Bewerber und erreichen eine Vermittlungsquote von 45 Prozent“, sagt deren Chefin Margret Lüder. „Die größte Sorge der Arbeitgeber ist, dass sie einem Behinderten nie mehr kündigen können“, sagt sie. Doch das sei falsch. Lediglich das Integrationsfachamt müsse dazu informiert werden.

Hamburg steht im Vergleich zu anderen Bundesländern mit im unteren Bereich bei der Beschäftigungsquote von Schwerbehinderten. „Es lohnt also ein Umdenken“, sagt Fock.

Auch in Schleswig-Holstein nahm die Arbeitslosigkeit im Jahresvergleich ab. Ende des Monats waren dort 89.300 Menschen arbeitslos gemeldet. Das sind 5,2 Prozent weniger als im November 2015. Erstmals seit 1992 sank die Zahl der Arbeitslosen in einem November unter 90.000. Die Quote ging von 6,2 auf 5,9 Prozent zurück.

Historisch niedriges Niveau

Dank der guten Konjunktur hält sich die Arbeitslosigkeit auch bundesweit auf einem historisch niedrigen Niveau. Die Arbeitslosenzahl sank im November um 8000 auf 2,532 Millionen – der tiefste Stand seit Juni 1991. „Die Nachfrage nach Mitarbeitern bewegt sich auf einem hohen Niveau“, sagte Frank-Jürgen Weise, Chef der Bundesagentur für Arbeit. „Der Beschäftigungsaufbau ist allerdings zuletzt ins Stocken geraten.“ Gegenwind am Arbeitsmarkt dürfte 2017 aufkommen, wenn die Verhandlungen über einen EU-Austritt Großbritanniens beginnen und der künftige US-Präsident Donald Trump seine angekündigten Handelsbeschränkungen umsetzt.