Menschen mit Behinderung

Wie barrierefrei sind die Hamburger Arztpraxen?

In allen Hamburger Pflegeheimen soll es bis 2022 breite Türen und Aufzüge für Rollstuhlfahrer geben

In allen Hamburger Pflegeheimen soll es bis 2022 breite Türen und Aufzüge für Rollstuhlfahrer geben

Foto: Christian Charisius / dpa

Das Projekt ist vor einem Jahr gestartet. Jetzt stellten die Patienteninitiative und KISS Hamburg erste Ergebnisse ihrer Untersuchung vor.

Hamburg. Die Barrierefreiheit in Hamburger Arztpraxen ist das Thema einer Untersuchung, die vor einem Jahr begonnen hat. Am Montag stellten die Patienteninitiative und die Organisation der Hamburger Selbsthilfegruppen (KISS Hamburg) erste Ergebnisse zu 39 untersuchten Arztpraxen vor.

Nur 13 von 38 Praxen hatten tiefhängende Garderoben für Rollstuhlfahrer

Die von dem Projekt entwickelte Checkliste enthält zu den verschiedensten Aspekten 270 Fragen. Eine Untersuchung dauert pro Praxis 90 Minuten. So ist zum Beispiel die Mitnahme von Blindenhunden in 29 der 39 befragten Praxen möglich, in neun Praxen nicht, eine Praxis wollte sich nicht bewerten lassen. Behinderten-Parkplätze sind in 31 Fällen vorhanden, in sieben nicht. Stockhalter für Gehhilfen oder Blindenstöcke gab es nur in drei Praxen, in 35 nicht. Technische Hörhilfen waren in keinem Fall vorhanden. Nur in 13 Fällen waren tiefhängende Garderoben für kleine Menschen oder Rollstuhlfahrer vorhanden, in 25 Fällen nicht.

Die AOK Rheinland/Hamburg wird das Projekt für weitere zwei Jahre finanzieren

In den kommenden zwei Jahren sollen möglichst viele weitere Arztpraxen geprüft werden. „Wir wollen am Ende eine Übersicht von barrierefreien Arztpraxen im Internet veröffentlichen, damit dieser sensible Bereich endlich für Betroffene transparent wird“, sagte Christa Hermann, Leiterin von KISS Hamburg. Die Kosten für das Projekt trägt die AOK Rheinland/Hamburg, die auch eine Verlängerung der Finanzierung um zwei Jahre zugesagt hat.

Allein in Hamburg gibt es mehr als 170.000 Schwerbehinderte

„Das Thema hat gesellschaftliche Relevanz“, sagte Projektleiterin Kerstin Hagemann von der Patienteninitiative. Mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung hätten eine Behinderung von über 50 Prozent und gelten damit als schwerbehindert. Allein in Hamburg sind dies nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes mehr als 170.000 Menschen.

Die Behindertenrechtskommission der Vereinten Nationen schreibt seit 2009 Barrierefreiheit vor. Doch ob die niedergelassenen Ärzte sich danach richten, bleibt ihnen überlassen – und ist auch eine Frage des Geldes. Denn Zuschüsse von der Kassenärztlichen Vereinigung gebe es dafür nicht, kritisieren Mediziner. „Ärzte, die offen für Patienten mit Behinderung sind, werden von Politik und Krankenkassen allein gelassen. Nötige Umbauten werden nicht refinanziert und eine Behandlung behinderter Menschen ist oftmals aufwendiger und zeitintensiver, wird aber genauso vergütet wie bei Standardpatienten. Hier gibt es dringenden Handlungsbedarf“, sagte Kerstin Hagemann von der Patienten-Initiative.

Alle Hamburger Kliniken haben Aufzüge und breite Türen

Nach den Worten von Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) gibt es „ein Recht auf gleichen Zugang aller Bürger zur Gesundheitsversorgung“. Trotz mancher Verbesserungen könne hiervon flächendeckend noch keine Rede sein. Das liege vor allem auch daran, dass "barrierefrei" mehr umfasse als „rollstuhlgerecht“. Es gehe auch um behindertengerechte WCs, Möbel, Eingangsbereiche. Auch in der barrierefreien Kommunikation auf Internetportalen bis hin zur Gestaltung von Antragsformularen bestehe Handlungsbedarf. Die Krankenhäuser in Hamburg sind laut Prüfer-Storcks im Blick auf breite Türen und Aufzüge alle barrierefrei. Bis 2022 soll dies auch in allen Pflegeeinrichtungen umgesetzt werden, einschließlich der Sanitäranlagen und der Verkehrsflächen.