Hamburg

Vom Statisten über Nacht zum Hauptdarsteller

Meine gute Nachricht des Jahres Teil 6: Uwe Behrmann trat vor dem Königspaar auf

Hamburg.  Eine ganz normale Gastspielreise sollte es werden. Sechs Tage Amsterdam mit der Crew vom Thalia Theater. Drei Vorstellungen des Stückes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ von Peter Handke standen auf dem Programm. Für Uwe Behrmann aus Stellingen kein Grund, aufgeregt zu sein. Schließlich soll er in dem Stück ja nicht auf der Bühne stehen, sondern im Parkett, als Bass-Sänger zusammen mit einem Männerchor. Eigentlich.

Uwe Behrmann hat sich schon immer für Theater und Film interessiert. Und so war es ein fester Vorsatz, dass er sich nach seiner aktiven Berufszeit als Verlagskaufmann diesem Hobby widmen wollte. „Von 1995 bis 2014 habe ich mich praktisch bei allen Hamburger Agenturen beworben und als Komparse bei diversen Fernsehsendungen mitgewirkt“, erzählt er. Aber der Höhepunkt war für ihn immer das Theater. Und irgendwann schaffte er es als Statist an das Schauspielhaus und an das Thalia Theater. Und in den Männerchor. An die großen Bühnen, aber immer im Hintergrund. Bis zur Amsterdam-Reise.

Als das Telefon am 1. Juni, einen Tag vor der Abreise, klingelte, war der 78-Jährige gerade dabei, die Reisetasche zu packen. Am anderen Ende der Leitung war Karin Becker, die künstlerische Betriebsdirektorin am Thalia Theater. Sie klang aufgeregt. „Sie teilte mir mit, dass einer der wichtigsten Schauspieler erkrankt sei, und fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte, seine Rolle zu übernehmen. Eine andere Möglichkeit würde es nicht geben“, erzählt Behrmann. Es ist eine anspruchsvolle Rolle, das wusste Behrmann – er hatte das Stück ja oft vom Chorgraben aus verfolgt. Für Bedenken war keine Zeit, er sagte kurzerhand zu.

„Auf der Hinfahrt drückte mir die Regieassistentin ein spezielles Skript mit meinen Auf- und Abgängen in die Hand samt Beschreibung der Figuren, Kostüme und Perücken“, sagt Behrmann. Er sollte unter anderem einen alten Mann, einen Gigolo, einen Weihnachtsgeschenke-Einkäufer, einen Hochzeitsgast, einen Geschäftsmann und den biblischen Abraham spielen. Ganz schön viel, dachte er. Doch zum Glück würde es in Amsterdam noch eine Probe geben. Doch als er gerade dabei war, etwas ruhiger zu werden, machte plötzlich ein Gerücht die Runde. Einige Kollegen erzählten, dass das holländische Königspaar bei der Aufführung dabei sein würde. Behrmann ging voller Elan in die Generalprobe. Und bis auf kleine Unsicherheiten lief diese überraschend gut.

„Als im Hotel unter der Dusche auch die letzten Zweifel an mir abglitten, merkte ich, dass ich mich richtig auf die Premiere freute.“ Und dann ging es los. Der Statist betrat die große Bühne. Und er spielte, als hätte er wochenlang für diese Rolle geprobt. Ein richtiger Hauptdarsteller.

Ganz am Ende, als das Licht am Saal anging, sah Behrmann sie ganz deutlich: „Máxima und Willem-Alexander gaben wie alle anderen im Publikum auch Standing-Ovations. Was für ein Moment.“

Völlig überwältigt und beflügelt ging Behrmann nach diesem Abend auf die Premierenfeier. Und siehe da: Wieder war das Königspaar dabei. Dieses Mal aber in direkter Nähe. „Der Zufall wollte es, dass die beiden mir genau gegenüber standen, und spätestens, als mir Máxima dann noch ein Lächeln schenkte, war mein Glück perfekt.“

Rund ein halbes Jahr ist seit diesem Abend vergangen. Und noch immer sieht sich Behrmann gerne die Fotos von der Premiere und der Party danach an. Aktuell spielt er bei „Eines langen Tages Reise in die Nacht“, „Moby Dick“ und „Peer Gynt“ mit – wieder als Statist.