Hamburg

Nicht alles auf einmal

Es war eine prägende Adventserfahrung: Weil ich es nicht abwarten konnte, habe ich als Junge einmal noch vor dem ersten Advent den gesamten Schoko-Adventskalender geleert. Um nicht dabei ertappt zu werden, schlitzte ich ihn seitlich auf und schüttelte die Schokolade vorsichtig heraus. So blieben die Türchen unberührt, keiner bemerkte etwas. An den Schokoberg, den ich verschlungen haben muss, kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Was hängen blieb, ist die Enttäuschung, die mich damals jeden Morgen erfasste, wenn meine Geschwister ihre Türchen öffneten und sich freuten. Zwar tat ich dies auch, doch ich wusste, dass mich nichts mehr erwartet.

Bis heute bin ich schlecht im Warten geblieben. Die Ungeduld sitzt mir oft im Nacken. Warteschlangen und Warteräume sind mir ein Graus. Im Advent habe ich jedoch das Warten schätzen gelernt: Nicht gleich alle Kerzen auf dem Adventskranz anzünden, sondern erst mal eine an diesem Wochenende. Nicht gleich die ganze Weihnachtsdeko aus dem Keller holen, sondern mit ein paar Sternen beginnen. Nicht gleich alles auf einmal, sondern langsam auf Weihnachten zugehen. Es tut gut, die eigene Umtriebigkeit und den Trubel der Vorweihnachtszeit auszubremsen, innezuhalten, zu warten. Auf was? Vielleicht zuallererst auf mich selbst, auf meine Wünsche und Fragen. Im Alltag brauchen sie immer etwas Zeit, bis sie aufsteigen und ich sie ernst nehme. Was ist mir in diesem Jahr wichtig? Welche Erwartungen habe ich an die vor mir liegende Zeit?

Der Advent mahnt mich aber auch, nicht bei den eigenen Erwartungen stehen zu bleiben. Ich darf mehr erwarten, als ich mir selbst erfüllen kann. Darf mehr erwarten für die Menschen um mich herum und in dieser Welt, als ich selbst zu leisten vermag. Denn: Meiner Hoffnung kommt der Himmel entgegen. Als Morgenstern in der Nacht, als Freudensonn, als Friedefürst für diese Welt. Ich darf mehr erwarten und spüren, wie sich die eigenen Grenzen verschieben können, weil Gott sie aufbrechen hilft. Dies gelingt nicht auf einmal, aber vielleicht Stück für Stück, Kerze für Kerze, Türchen für Türchen. Im Advent darf ich eben mehr erwarten, viel mehr.

Kirchengemeinde St. Gertrud
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