Hamburg

70 Jahre Bürgerschaft – die große Feier im Rathaus

Michael Batz inszeniert Multimedia-Show zum Jubiläum des Landesparlaments

Hamburg. Nein, die Feier zum 70-jährigen Bestehen der frei gewählten Bürgerschaft im Großen Festsaal des Rathauses am Freitagabend hat Franz Schlick nicht besucht. Zu anstrengend für den 88-Jährigen. Aber an die Zeit vor fast 60 Jahren, als Schlick als junger Mann in die Bürgerschaft gewählt wurde, erinnert er sich sehr gut. „Wir waren damals alle eine ziemlich große Gemeinschaft“, sagt Schlick, Mitglied der CDU-Fraktion, über die Jahre von 1957 bis 1961. Der Kaufmann ist vermutlich der älteste lebende ehemalige Bürgerschaftsabgeordnete.

„Das war alles harmonisch, wir trafen uns über die Fraktionsgrenzen hinweg zum parlamentarischen Bier“, erzählt Schlick. „Es gab keine Pöbeleien, Schönfelder hatte alles im Griff.“ Die Autorität Adolph Schönfelders, von 1946 bis 1960 Bürgerschaftspräsident, wurde von allen Abgeordneten akzeptiert. Schlick, der über sein Engagement als Katholik beim Wiederaufbau des Kleinen Michel zur Jungen Union und in die Politik fand, saß im Wirtschaftsausschuss. „Ich war damals mit dem Bau des Großmarktes stark beschäftigt“, sagt der Ex-Parlamentarier. Die Geschichte des Bürgerschaftsabgeordneten Franz Schlick war Teil der Multimedia-Inszenierung, die der Autor, Regisseur und Li chtkünstler Michael Batz vor rund 400 Gästen im Großen Festsaal auf die Bühne brachte.

Ein rund einstündiges Kaleidoskop aus 70 Jahren bewegter und bisweilen dramatischer Parlamentsgeschichte, die wiederum Teil einer sich im Laufe weniger Jahrzehnte völlig verändernden Stadt war: Frühe Fernseh- und Wochenschaubilder aus den Archiven des Norddeutschen Rundfunks zeigten das zerstörte Hamburg und Menschen, die angesichts des Jahrhundertwinters 1946/47 zwischen den Ruinen froren. Batz machte ebenso den rasanten Wiederaufstieg der Stadt und ihre wirtschaftliche Blüte erlebbar und beleuchtete den Anteil, den die Abgeordneten der Bürgerschaft daran hatten.

Schauspieler sprachen Ausschnitte aus historischen Debatten nach und brachten so das frühe Pathos nahe, aber auch die zunehmende Schärfe der Auseinandersetzungen. So standen die großen Namen wie Max Brauer oder Helmut Schmidt, aber auch viele der heute kaum mehr bekannten früheren Abgeordneten den Gästen vor Augen, darunter viele frühere Parlamentarier, aber auch 70 Abendblatt-Leser, die aus der großen Zahl der Interessenten ausgelost worden waren.

Prominentester Gratulant war Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der in einem eingespielten Grußwort bekannte, die Arbeit der Bürgerschaft seit Jahren mit großem Interesse zu verfolgen. „Die Verbindung von kommunalen Aufgaben und landespolitischen Zuständigkeiten ist eine besondere Herausforderung“, sagte Lammert.

„Als bekennender Musikfan hoffe und wünsche ich, dass das Hamburger Rathaus nicht ganz in den Windschatten der Elbphilharmonie gerät und dass man in der Bürgerschaft mit unvermeidlichen Konflikten ähnlich souverän umgeht wie in der Elbphilharmonie mit wohlgesetzter Harmonie“, betonte der Bundestagspräsident mit sehr aktuellem Bezug.

„Dass Hamburg heute eine der wirtschaftlich stärksten, sozial gesündesten und zudem noch schönsten Städte der Welt ist, verdanken wir vor allem Geschick, Fleiß und Arbeitskraft der Bürgerinnen und Bürger und der beharrlichen engagierten Arbeit von insgesamt Tausenden von Frauen und Männern, die mit ihrem Wirken hier im Rathaus und den Bezirksversammlungen unser Hamburg zu dem gemacht haben, was es heute ist“, hatte Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit (SPD) zu Beginn des Abends gesagt. „Ehrenamtlich, nach Feierabend und immer, immer wieder. Darauf sind wir heute stolz, und all diesen Frauen und Männern schulden wir tiefen Dank.“

Franz Schlick kandidierte nach vier Jahren nicht wieder für die Bürgerschaft. „Mein Lebensmittelgeschäft auf St. Georg und meist abends noch die politische Arbeit – das ging nicht zusammen“, sagt der 88-Jährige.