Hamburg

Heute Abschied vom Mann, der den Hafen neu erfand

Helmuth Kern beim Einkaufen an der Waitzstraße im Jahr 2001

Helmuth Kern beim Einkaufen an der Waitzstraße im Jahr 2001

Foto: ullstein bild

Als Wirtschaftssenator brachte Helmuth Kern die Container nach Hamburg. Trauerfeier um 12 Uhr in der Niendstedtener Kirche.

HamburG.  Eigentlich wollte die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) ihrem langjährigen Vorstandschef Helmuth Kern Anfang Dezember mit einem festlichen Abendessen zum 90. Geburtstag gratulieren. Doch das Schicksal entschied anders. Jetzt muss der HHLA-Vorstand Kern die letzte Ehre erweisen, der in der Nacht vom 8. auf den 9. November überraschend verstorben ist. In der Nienstedter Kirche findet heute um 12 Uhr die Trauerfeier für den Mann statt, der als „Mister Hafen“ in die Geschichte Hamburgs eingegangen ist.

Nicht nur die HHLA trauert um Kern. Wer sich heute in der Stadt umschaut, trifft allerorten auf ihn, auch wenn dieses den meisten gar nicht bewusst ist. Kern war von 1966 bis 1976 Senator für Wirtschaft und Verkehr in der Hansestadt. Von 1971 bis 1972 sogar Zweiter Bürgermeister. Köhlbrandbrücke, Neuer Elbtunnel, CCH sind nur einige Wahrzeichen, die in seiner Amtszeit entstanden sind. Kern hat den HVV gegründet sowie den Erz- und Kohlehafen Hansaport. Was aber am Wichtigsten ist: Er hat den Container nach Hamburg gebracht und damit die Grundlage für das jahrzehntelange Wachstum des Hafens gelegt.

Zu Beginn wenig Begeisterung über Container

Der Entschluss zur Containerisierung des Hafens fiel Hamburg schwer und war für Kern mit manchen Risiken verbunden: An der Elbe fand die Stahlbox zunächst nämlich wenige Freunde. „Diese Kiste kommt mir nicht in den Hafen“, sagte Ende der 1950er-Jahre der damalige Wirtschaftssenator Ernst Plate (FDP). Und auch in der Bürgerschaft herrschte die Stimmung vor: „Wenn der Container die Elbe hinaufkommt, dann stirbt der Hafen.“ Die Menschen fürchteten um viele Arbeitsplätze. Zudem hatten sie den Hafen gerade erst wieder aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs aufgebaut, mit neuen Schuppen wie dem Überseezentrum, vielen schmalen Kaizungen – alles Bauten, die man für den Container nicht mehr benötigte.

Kern stellte sich 1966 gegen die allgemeine Stimmung und leitete den Wandel ein: „Als ich das erste Mal im New Yorker Hafen Port Elizabeth den Containerumschlag sah, war mir sofort klar: Diese Transporttechnik wird die Welt revolutionieren. Der Warenumschlag wurde so viel schneller und effizienter als die herkömmlichen Methoden“, sagte Kern kürzlich im Gespräch mit dem Abendblatt.

Aus den USA zurückgekehrt, schrieb „Mister Hafen“ seine allererste Vorlage an den Senat: Ausbau des Burchardkais zum Containerterminal. „Herr Kollege, hier gibt es keine Reedereien mit Containern und keine Containerschiffe. Wissen Sie eigentlich, was Sie da fordern?“, fragte damals Bürgermeister Herbert Weichmann (SPD). „Wenn wir so lange darauf warten, bis die Containerschiffe die Elbe hinaufkommen, ist es zu spät. Wir müssen jetzt beginnen“, antwortete Kern ihm damals und behielt recht.

Große Nähe zur Industrie

Sein Handeln war immer strategisch, seine Weitsicht legendär. Früh erkannte er die Probleme mit dem geringen Tiefgang der Elbe und wollte einen Tiefwasserhafen in Neuwerk bauen.

1926 in Eilbek geboren, hatte Kern schnell gelernt, seinen Kopf durchzusetzen. Furchtlos. Im Internat in Templin (Brandenburg) feilte sich Kern als 14-Jähriger Schüler einen Dietrich, um an von den Nazis geächtete Bücher aus dem „Giftschrank“ zu gelangen. 1947 Eintritt in die SPD, 1957 Wahl in die Hamburgische Bürgerschaft, der Kern 25 Jahre lang, bis 1982 angehörte.

Wegen seines intensiven Einsatzes für den Wirtschaftsstandort wurde der SPD-Politiker nicht nur verehrt. Einige warfen ihm zu große Nähe zur Industrie vor. Zur Ansiedelung des US-amerikanischen Aluminium-Herstellers Reynolds versprach der Wirtschaftssenator massive Subventionen. Er buhlte so um das Werk, dass es zeitweise spöttisch „Onkel Kerns Hütte“ genannt wurde.

Kern war als Schlitzohr bekannt

Kern stärkte als Aufsichtsratschef der Hadag seinem Freund und damaligen Geschäftsführer der Hafendampfschiffahrts-Actien-Gesellschaft, Jens F. K. Jacobsen, den Rücken, als dieser 1975 in einer Nacht-und Nebel-Aktion mit Prisenkommandos zwei an einen zahlungsunfähigen Fährbetrieb verchartete Hadag-Schiffe in Malmö und Kopenhagen kaperte und nach Hamburg zurückbrachte. Juristen rauften sich die Haare. Kern lobte die Aktion.

„Er war ein Schlitzohr, aber für mich auch ein Vorbild“, sagt Jürgen F. Jensen vom Flensburger Schiffsmakler Christian Jürgensen Brink & Wölffel. Er kennt Kern von der Zusammenarbeit im Zentralverband der Seehafenbetriebe (ZDS). Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Wirtschaftssenators 1976 wurde Kern Vorstandsvorsitzender der HHLA und relativ rasch auch Präsident des ZDS, dessen Ehrenmitglied er bis zu seinem Tod war. „Damals ging es dem Verband finanziell schlecht. Kern hat ihn innerhalb kurzer Zeit saniert. Er war ein Macher“, erinnert sich Jensen. „Er hat die HHLA maßgeblich geprägt und die Grundlagen für den bis heute anhaltenden Erfolg des Unternehmens gelegt“, sagt sein Nach-Nachfolger als HHLA-Chef Klaus-Dieter Peters. An all das wird Wirtschaftssenator Frank Hoch (parteilos) heute in seiner Trauerrede erinnern – oder vielleicht nur an die große private Leidenschaft, die der Verstorbene mit ihm teilte: das Segeln.