St. Georg

Neuer Glanz für das Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof

Der restaurierte historische Saal im Gewerkschaftshaus

Der restaurierte historische Saal im Gewerkschaftshaus

Foto: HA / Klaus Bodig

Der 110 Jahre alte Festsaal ist mit Millionenaufwand restauriert worden. Der DGB will ihn wieder zu pulsierendem Treffpunkt machen.

St. Georg.  Revolutionäre Appelle stießen hier auf besonders offene Ohren, Streikaufrufe, Klassenkampf und ketzerische Worte ebenfalls. Redner verlangten Solidarität und Frieden. Andererseits gab es Geselligkeit, Gastronomie, Tanz, Schauspiel oder Musik. Nur wenige Orte erlebten so intensiv hamburgische Geschichte wie die historischen Festsäle im Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof – im Guten wie im Schlechten. Sie spiegeln 110 Jahre wechselvolle Vergangenheit wider.

Nachdem die alte, gediegene Pracht der Arbeiterbewegung jahrzehntelang hinter Gipswänden und Holzfassaden verborgen war, wurde früherer Charme jetzt ansehnlich herausgeputzt. Dazu war ein immenser Aufwand vonnöten, finanziell wie handwerklich. Mit einem Festakt, mit Reden nicht nur vom Ersten Bürgermeister, mit Jazz, Rumba und Theater wird die Wiedereröffnung an diesem Mittwoch gefeiert.

Eine breite Treppe führt in das erste Stockwerk

In der Tat wurde Erstaunliches geschaffen. Durch das große Hauptportal des anno 1906 errichteten Gewerkschaftshauses in St. Georg führt der Weg über eine breite Treppe in das erste Stockwerk. Im Flur vor den Sälen liegt mehr als ein Jahrhundert altes Holzparkett, kunstvoll bearbeitet und wunderbar in Schuss. Nicht nur Rosa Luxemburg und August Bebel schritten hier einst kampfeslustig in den Musiksaal, den größten der vier Räume. Ein kleinerer bietet direkten Zugang auf den Balkon. Früher jubelte unten oft das Volk, von 1933 an auch für nationalsozialistische Arbeiterführer.

Im Mittelpunkt jedoch stand damals wie heute der Musiksaal. Und man muss wahrlich kein Gewerkschafter sein, um heutzutage am Eingang nicht einen Moment in Respekt zu verharren. Die Würde dieses 380 Quadratmeter großen und 8,70 Meter hohen Raums bezieht sich auf die Vergangenheit und Tradition, aber auch auf den heutigen Sinn für Würde und Architektur. Wohl dem, der Sinn für solche Schätze hat und Traditionen pflegt.

Die Stuckateure leisteten mehr als 1000 Arbeitsstunden

Bereits auf den ersten Blick ist klar: Hier waren Fachleute mit Liebe und Sachverstand am Werke. Tatsächlich investierten allein Stuckateurmeister Olaf Scherling und Kollegen weit mehr als 1000 Arbeitsstunden.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Wie bei Kuppeln wölbt sich die reich mit Stuck verzierte Decke. Großformatige Sprossenfenster lassen tagsüber viel Licht hinein. An den Wänden dominiert eine edle Holzvertäfelung. Optisches Prunkstück sind sechs Stuckarbeiten vor der Fensterfront, die Hamburger Zünfte darstellen. Hafenarbeiter sind zu erkennen, Bäcker und Bauern. Hut ab vor solcher Handwerkskunst.

Der Musiksaal wurde im Jahr 1913 eröffnet

Wahrscheinlich wäre alles nicht so weit und gut gekommen, hätte der Autor Michael Joho 2006 nicht ein lesens- und sehenswertes Buch zum 100. Einweihungstag des geschichtsträchtigen Gewerkschaftshauses veröffentlicht, in dem umfassend wie fundiert Sternstunden, aber auch finstere Episoden geschildert werden. So waren bei Eröffnung des Musiksaals im Jahr 1913 in Hamburg fast 120.000 Gewerkschaftsmitglieder registriert. Aktivisten wie der ehemalige Bildungsreferent Heinrich Schümann fassten einen Plan: „Die historischen Säle der Arbeiterbewegung sollen in alter Pracht wiederhergestellt werden.“

Traditionsbewusstsein und Herzblut der Genossen bewegte die Vermögensverwaltung- und Treuhandgesellschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum außerordentlichen Engagement, gut 3,5 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Probleme mit Planung, Vertäfelung und Akustik führten dazu, dass sich die für 2014 geplante Fertigstellung um zwei Jahre verzögerte und letztlich 500.000 Euro mehr kostete, also insgesamt etwa vier Millionen Euro. Doch bisweilen heiligt der Zweck die Mittel.

Der DGB möchte Konzerte und Feste veranstalten

Ende gut, fast alles gut. Quasi als Testlauf beging die IG Metall im Musiksaal vor zwei Monaten ihren 125. Gründungstag. Am Mittwoch werden neben Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) Hamburgs DGB-Vorsitzende Katja Karger sowie Stefan Körzell aus dem Bundesvorstand der Organisation ans Redner-pult treten. Vielleicht erinnert einer der Ehrengäste an eine spezielle Anekdote des Gewerkschaftshauses am Besenbinderhof: 1963 zeichnete der NDR im heute nicht mehr existenten Theatersaal das Stück „Dinner for one“ auf. Silvester wird es wieder, wie jedes Jahr, gesendet.

Das passt ins Bild, denn in den Festsälen sollen nicht nur Politik und Kongresse zu Hause sein. Die Gewerkschaft hofft, vor Ort zukünftig auch Konzerte, Aufführungen und Feste veranstalten zu können – um einen Teil der Investition zu refinanzieren. Vielleicht wird sogar der Tanz in den Mai wiederbelebt.

Stuckdecken, Reliefs, Fliesen zieren die Räume

„Wer diese Räume betritt, der atmet Geschichte“, sagt Hamburgs DGB-Chefin Katja Karger. „Wir machen das Gewerkschaftshaus zu einem pulsierenden Treffpunkt.“ Was nach den Bombenangriffen und Feuersbrünsten des Zweiten Weltkriegs verschüttet war und notdürftig verkleidet wurde, ist fortan in früherer Würde zu erkennen: Stuckdecken, Reliefs, Fliesenarbeiten. Stil und Kunst der Arbeiterbewegung.

Zumindest ein Besucher beim Festakt am Mittwoch kennt die große Vergangenheit noch aus eigenen Augen. Hans Saalfeld, gelernter Maschinenbauer und später langjähriger DGB-Vorsitzender in seiner Geburtsstadt und Vizepräsident der Bürgerschaft, besuchte den Großen Saal schon 1932, als vierjähriger Buttje. Gemeinsam mit seinen Eltern und der vier Jahre älteren Schwester Anneliese ging Hans an Sonntagen zu Fuß von Rothenburgsort nach St. Georg ins Gewerkschaftsgebäude. Die Erwachsenen genossen deftige Kost wie Eisbein mit Erbsenpüree für kaum mehr als eine Reichsmark.

„Wir Kinder freuten uns über das turbulente Leben im Saal“, erinnert sich Hans Saalfeld an Festtagsstimmung am Wochenende. „Mal gab es Musik, mal Theater oder Varieté.“ Zur Wiedereröffnung wird der 88-Jährige von seinem Schwiegersohn nach St. Georg gebracht. Nicht nur einen wie ihn, der seit 70 Jahren mit Leib und Seele Sozialdemokrat und Gewerkschafter ist, erwartet ein Erlebnis mit historischem Stellenwert.