Wirtschaftsreise

Iran lockt Hamburg mit Steuerfreiheit

Baustellenbesuch am Kaspischen Meer: Kiels Landesminister Reinhard Meyer (l.) und Senator Frank Horch (r.) trafen die iranischen Projektmanager

Baustellenbesuch am Kaspischen Meer: Kiels Landesminister Reinhard Meyer (l.) und Senator Frank Horch (r.) trafen die iranischen Projektmanager

Foto: Schade / HA

Norddeutsche Wirtschaftsdelegation besucht den bald größten Hafen am Kaspischen Meer. Senator Horch zieht positives Reisefazit.

Anzali.  Da stehen sie nun im staubigen Sand. Hinter ihnen fahren Lastwagen aus den 1970er-Jahren der Marke Mercedes, die Baumaterial auf ihren Ladeflächen transportieren. Zwischen ihnen stehen zwei iranische Manager, die hier auf der Baustelle das Sagen haben. Hamburgs Wirtschaftssenator Frank Horch (parteilos), sein Kieler Amtskollege Reinhard Meyer (SPD) und ein großer Teil der rund 60-köpfigen Wirtschaftsdelegation aus Norddeutschland, zu der unter anderem Tchibo-Chef Markus Conrad, Hamburg Port Authority-Geschäftsführer Wolfgang Hurtienne und Garabed Antranikian, der Präsident der Technischen Universität Hamburg, gehören, sind in der Freihandelszone Anzali direkt am Kaspischen Meer. Tags zuvor haben sie den Betonmoloch Teheran mit seinen rund zwölf Millionen Einwohnern hinter sich gelassen, um nach einer rund siebenstündigen Busfahrt endlich an diesem Ort im Nordwesten des Iran anzukommen.

Für die Norddeutschen ist es zunächst nur eine Baustelle, für die Iraner schon lange ein Ort der Hoffnung, der Zukunft. Denn hier soll der größte Hafen am Kaspischen Meer entstehen. 22 Terminals, 15 Millionen Tonnen Jahresumschlag. In sechs Monaten soll in dem neuen Hafen bereits erste Ladung umgeschlagen werden. Wer auf die Baustelle schaut, kann das kaum glauben. Zu unfertig sieht noch alles aus.

Aber der Chef der Freihandelszone, Reza Masrour, ist sich sicher, dass dieser Zeitplan eingehalten wird: „Die Menschen hier arbeiten hart“, sagt er. Der Manager ist für den Job direkt vom Staatspräsidenten ausgewählt worden. Das zeigt die Bedeutung, welche die landesweit sieben Freihandelszonen für das iranische Regime haben. In diesen Zukunftsregionen soll es bald nicht nur exzellente Verkehrsanbindungen geben, sondern der Iran lockt ausländische Investoren, die beim Aufbau der Infrastruktur helfen oder dort eine Fabrik bauen, auch mit langfristiger Steuer- und Zollfreiheit.

Neuen Verkehrsweg schaffen

Dass es hier um reales Business zum Anfassen und nicht nur um Baustellen mit Zukunft geht, kann sich die norddeutsche Delegation bei der Besichtigung einer iranischen Textilfabrik namens Happy Land – nur wenige Hundert Meter vom künftigen Hafen entfernt – anschauen. Dicht an dicht sitzen hier Frauen mit Kopftuch und nähen T-Shirts, Kleider und Babylätzchen.

„Wir suchen immer Kunden aus Deutschland“, wirbt der Manager, der die Delegation durch die sauberen und belüfteten Räume führt, für seine Produkte. Fotografieren ist nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Man will schließlich zeigen, was man kann. Noch wird die Kleidung „made in Iran“ über den alten Hafen in die Nachbarländer am Kaspischen Meer und zum Teil sogar nach Europa transportiert. Doch schon bald soll über die neuen Kaianlagen alles noch schneller und kostengünstiger verladen werden. In Anzali stehen nicht Babylätzchen im Zentrum des Handelns, man will einen neuen Verkehrsweg schaffen, der sogar in Konkurrenz zur Route über den Suezkanal treten könnte. In Zeiten der Globalisierung ein Projekt, dessen Bedeutung man nur erahnen kann.

Kaspisches Meer für riesige Schiffe nicht geeignet

„Über das Kaspische Meer spart man im Vergleich zum Suezkanal viel Zeit und Geld“, wirbt Freihandels­zonen-Chef Masrour für das Vorhaben, in dem Anzali der entscheidende Mosaikstein ist. Allerdings ist das Kaspische Meer wegen der fehlenden Tiefen für riesige Containerschiffe nicht geeignet, vor allem Projektladung sowie Flüssigkeiten oder Baustoffe wären ein interessantes Geschäft. Sie würden dann von Europa kommend über das Kaspische Meer nach Anzali gebracht – und von dort weiter per Eisenbahn ins iranische Bandar Abbas am Persischen Golf, wo der norddeutsche Terminalbetreiber Eurogate womöglich bald mitmischen wird.

Von Bandar Abbas wäre der Weg dann frei per Schiff nach Fernost. Ein auch für Senator Horch und Minister Meyer spannender Plan. „Das ist ein äußerst Interessantes Projekt“, sagt Horch. Und er meint das nicht nur als höfliche Floskel. In neun Monaten soll die rund 1800 Kilometer lange Eisenbahnstrecke vom Kaspischen Meer nach Bandar Abbas fertig sein. Dann könnten die ersten Waren schon rollen.

Doch Anzali will mehr als nur ein Warenumschlagplatz mit angeschlossenen Fabriken sein, die Region möchte auch Touristen anlocken. Für Iraner sind die langen Sandstrände bereits heute ein wichtiges Reiseziel. Auch damit wirbt Masrour bei den Gästen aus Norddeutschland. Doch er möchte Horch, Meyer und die anderen Besucher aus dem kühlen Norden gar nicht zu einem Badeurlaub überreden. Investitionen in die Infrastruktur liegen Masrour am Herzen. „Gerade beim Bau von Hotels haben wir großen Bedarf“, sagt er.

Davon konnten sich Horch und Meyer in der Nacht zuvor überzeugen. Denn das gute Mittelklassehotel, in dem sie gemeinsam mit der Delegation eingecheckt hatten, steht in dieser Qualität doch ein wenig einsam am breiten Strand. Die Gegend rundherum aber wird bereits von Baustellen geprägt, an deren Rand Holzschilder mit bunten Hotelfotos zu sehen sind. So wie auf den Fotos könnte es hier eines Tages flächendeckend aussehen. Aber wohl nur mit Milliarden aus dem Ausland.

Positives Fazit der Iran-Reise

Auf der Fahrt zurück nach Teheran – bereit zum Abflug nach Deutschland – ziehen Horch und Meyer ein positives Fazit ihrer Iran-Reise. Hamburgs Wirtschaftssenator spricht von „sehr tiefgehenden und seriösen Gesprächen“. Er weist aber auch darauf hin, dass sich einige Voraussetzungen für Investoren noch verbessern sollten – und spricht konkret das Thema Korruption an.

Meyer sieht vor allem für kleinere und mittlere Firmen Geschäftspotenziale, während er bei Großinvestitionen auf die offenen Finanzierungsfragen verweist. Gemeinsam loben beide die „große Gastfreundschaft“ der Iraner – und freuen sich darüber, dass im Iran das Label „made in Germany“ noch einen so hohen Stellenwert genießt. Der Kontakt in den Iran werde nicht abreißen, sagen sie. Was am Ende geschäftlich daraus wird, bleibt abzuwarten.