Rentner

Mit 80 Jahren noch bei Budni an der Kasse

Hannelore Labitzke sitzt im Alter von 80
Jahren noch einmal pro Woche in der Budnifiliale
im AEZ an der Kasse

Hannelore Labitzke sitzt im Alter von 80 Jahren noch einmal pro Woche in der Budnifiliale im AEZ an der Kasse

Foto: Carsten Milbret

Rund eine Million Rentner haben einen Job. Weil sie das wollen – so wie Hannelore Labitzke – oder weil sie es müssen.

Hamburg. Schon am Vorabend hat sie alles zurechtgelegt, fertig gemacht. Sie hat die hellblaue Bluse aus dem Schrank geholt, die dunkle Weste ein letztes Mal abgebürstet und sich dann die Nägel gemacht, die tagsüber im Garten ganz dreckig geworden waren. Am Morgen, wenn sie zur Arbeit geht, hat sie dafür keine Zeit. Um 5.30 Uhr, spätestens um 5.45 steht sie auf, trinkt einen Becher Ingwertee und macht den Fernseher an. Damit es nicht so leise in der Wohnung ist.

Sie mag es, wenn sie die im Frühstücksfernsehen reden hört. Sie selbst hat morgens niemanden zum Reden, ihr Mann ist vor langer Zeit gestorben. Mehr als 20 Jahre ist das jetzt her. „Mit ihm wäre ich gerne alt geworden“, sagt Hannelore Labitzke. Nicht verbittert oder traurig, auch nicht resigniert. Eher energisch. So energisch, wie sie damals, nach seinem Tod, beschlossen hat, sich nicht zurückzuziehen. „Zusammenzusacken“, wie sie es nennt, sondern weiterzumachen. Und weiterzuarbeiten. Auch, als sie später 60 geworden und in Rente gegangen ist. Oder gerade dann. Weil sie sich nicht nur um den kleinen Schrebergarten und ihre Dreizimmerwohnung in Bergstedt kümmern wollte, sondern eine Aufgabe brauchte. Und weil sie nach dem Auszug ihrer Tochter nicht allein sein, sondern unter Menschen wollte. 20 Jahre ist das her. Jahre, in denen sie Rentnerin ist und trotzdem weiterarbeitet. Jeden Donnerstag. Hannelore Labitzke ist 80 Jahre alt.

Rente. Ruhestand. Stillstand. Begriffe, die früher einmal untrennbar miteinander verwoben schienen, brechen heute auseinander. Fast 40 Jahre, nachdem Udo Jürgens in seinem Lied „Mit 66 Jahren“ ein Loblied auf das Leben nach der Arbeit sang, geht es immer mehr Menschen nicht mehr darum, sich im Alter „zur Ruhe“ zu setzen – sondern weiterzumachen. Weiter aktiv zu bleiben. Und zu arbeiten. Inzwischen sind fast dreimal so viele Menschen wie zur Jahrtausendwende auch im Rentenalter noch berufstätig. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ab 65 Jahren von 73.863 im Jahr 1999 auf rund 200.000 angestiegen. Hinzu kommen etwa 900.000 Menschen in der gleichen Altersgruppe, die als geringfügig Beschäftigte gelten, also weniger als 15 Stunden pro Woche arbeiten und weniger als 450 Euro im Monat verdienen. So die Statistik, die Zahlen.

Es sind Zahlen, die nichts über die Gründe sagen, warum sich die Erwerbstätigenquote allein in der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen zwischen 2005 und 2015 von 6,5 auf 14,5 Prozent mehr als verdoppelt hat. Zahlen, aus denen sich nicht ablesen lässt, ob dieser Anstieg nur mit der Alterung der Gesellschaft zusammenhängt oder mit der zunehmenden Altersarmut zu tun hat. Zahlen, die oft vergessen lassen, dass hinter jeder von ihnen ein Mensch steht. Eine Geschichte.

Die Geschichte von Hannelore Labitzke beginnt in der ehemaligen DDR, aus der sie mit noch nicht einmal 16 Jahren geflohen ist, alleine. Über die Grenze, den Harz, gelangt sie zu ihrer Tante nach Niendorf, macht eine Hauswirtschaftslehre und arbeitet in einem Mühlenbetrieb. Sie heiratet, wird Mutter, später Witwe. Es ist die Geschichte einer Frau, die sich durchsetzen muss, durchschlagen. Ein Leben, erzählt im Zeitraffer.

Manchmal, wenn Hannelore Labitzke mittwochs in ihrem Schrebergarten arbeitet, bedauern die Nachbarn sie. Sagen Sachen wie: „Du Arme, musst morgen wieder arbeiten.“ Dann lächelt sie meistens und sagt, dass sie nicht arbeiten muss, sondern will. Möchte. Darf. Kann. Und darüber ist sie froh.

Sie spricht nicht von „der Arbeit“, sondern von ihrem Laden. Ihrer Budni-Filiale im AEZ. In der sie seit 35 Jahren arbeitet, in der sie jede Ecke kennt, jedes Regal, jedes Produkt. Und jeden Kunden. Naja, jeden natürlich nicht, dafür sind es zu viele. Aber die Stammkunden. Die Kinder, denen sie einen Lolli zusteckt. Die sie aufwachsen sieht, großwerden. An denen sie merkt, wie die Zeit vergeht. Kinder, die eines Tages keinen Lolli mehr wollen, sondern sich Nagellack kaufen. Sie kommt gut mit allen aus, mit den Jungen und den Alten, begrüßt alle mit: „Einen schönen guten Tag“. Nur „Hallo“ würde sie nicht sagen. Das wäre ihr zu einfach. Das würde ihr nicht reichen.

Ehemalige haben viel Fachexpertise

Meistens fährt sie mit dem Rad in ihren Laden. Nur im Winter, wenn es glatt draußen ist, nimmt sie den Bus. Vier bis fünf Kilometer sind es bis zur Arbeit. Vorbei an der Bergstedter Kirche, in der ihre Enkelkinder getauft wurden, und dem Friedhof, auf dem ihr Mann liegt. Um kurz vor neun, wenn sie sich hinten im Mitarbeiterraum umgezogen und die Ankündigungen am Schwarzen Brett gelesen hat, setzt sie sich an ihre Kasse und fängt mit der Arbeit an. Früher hat sie alles mögliche gemacht, auch Warenbestellungen und so, doch seit sie in Rente ist, kassiert sie nur noch. Mit Kassen kennt sie sich aus, ihr Mann hatte früher eine Tankstelle in der Kurt-Schumacher-Alle. Zehn Jahre hat sie dort mitgearbeitet, dann wurde die Tankstelle von Shell übernommen – und sie arbeitslos. Das Arbeitsamt hat ihr einen Vorstellungstermin bei Budni vermittelt, einen Tag später hat sie dort angefangen. An einem 18. Februar. An das Datum kann sie sich genau erinnern.

Sie hat ein gutes Gedächtnis, merkt sich jedes Gesicht und fast jede Zahl, obwohl das eigentlich die Kasse für sie tut. Ihr ist es wichtig, gut informiert zu sein, auf dem Laufenden zu bleiben. Mit ihren Nachbarn teilt sie sich eine Zeitung. Die anderen lesen sie morgens, Hannelore Labitzke abends, wenn sie nach Hause kommt. Bis 20 Uhr arbeitet sie meistens, nur wenn sie zu viele Stunden auf dem Zettel hat, macht sie aber auch schon mal um 19 Uhr Feierabend. Die langen Tage machen ihr nichts aus.

Mit ihren 80 Jahren ist Hannelore Labitzke eine der ältesten Mitarbeiter von Budni. Ein Einzelfall ist die arbeitende Rentnerin aber nicht. Firmen wie Airbus oder Budni setzen seit Jahren auf die Fachexpertise der Ehemaligen, deren Verbundenheit mit dem Unternehmen und die oftmals langjährigen Kundenkontakte.

Drogeriemarktkette verfügt über Rentnerpool

Die Hamburger Drogeriemarktkette verfügt über einen eigenen Rentnerpool, in dem rund 30 ehemalige Mitarbeiter im Rentenalter registriert sind. Durchschnittsalter: zwischen 63 und 70 Jahren. Sie arbeiten in der Regel 40 Stunden im Monat und werden primär bei besonderen Events oder auch bei hohem Krankenstand eingesetzt. Die meisten von ihnen bleiben zehn Jahre im Rentnerpool. Hannelore Labitzke ist seit rund 20 Jahren dabei.

In Hamburg waren zuletzt 8168 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte ab 65 Jahren registriert – das waren mehr als doppelt so viele wie im Jahr 2004, als sich der Stand auf 3478 belief. Hinzu kommen derzeit in der Hansestadt noch einmal knapp 20.000 geringfügig Beschäftigte in der gleichen Altersgruppe. Im März 2004 waren es erst 14.401 gewesen.

Wieder Zahlen. Wieder Fragen. Den Hintergründen zur Arbeit im Ruhestandsalter versucht der Arbeitszeitreport Deutschland nachzugehen. Die Autoren kommen zum Ergebnis, dass die Erwerbstätigen im Ruhestandsalter knapp 32 Stunden in der Woche arbeiten, eine vergleichsweise hohe Bildung haben und ihren Gesundheitszustand genauso gut einschätzen wie die Erwerbstätigen im Alter bis 65 Jahre. Und: Ihre Zufriedenheit mit der Work-Life-Balance ist vergleichsweise hoch. 20.000 Menschen sind befragt worden. Hannelore Labitzke nicht.

Einige Kunden sagen „Junge Frau“ zu Hannelore Labitzke

Am liebsten spricht Hannelore Labitzke über ihre Kunden. Die oftmals nur ihretwegen in den Laden kommen. Die sie manchmal spaßeshalber „Frau Donnerstag“ nennen. Und die ihr ans Herz gewachsen sind, in all den Jahren. Vor allem die „älteren Herrschaften“, wie Hannelore Labitzke sie nennt. Ältere Damen und Herren aus den umliegenden Heimen, die regelmäßig jede Woche kommen. Jeden Donnerstag. Die Hannelore Labitzke schon mal mit „Junge Frau“ ansprechen, weil sie trotz ihrer 80 Jahre jünger ist als viele von ihnen selbst, die oftmals über 90 sind. Die nicht nur kommen, um Rasierwasser und Deo zu kaufen, sondern um zu reden. Hannelore Labitzke kennt das Gefühl. Den Wunsch, mit jemandem zu reden, wenn niemand zum Reden da ist.

Zum Abschied sagt Hannelore Labitzke immer „Bleiben Sie gesund“ zu ihren Kunden. Das ist das Wichtigste. Wenn sie jemanden von den älteren Herrschaften lange nicht gesehen hat, wird sie immer ein bisschen traurig. Sie weiß, was das zu bedeuten hat. Es gibt Kunden, die verabschieden sich nach dem Zahlen ebenfalls mit: „Bleiben Sie gesund“ von Hannelore Labitzke. Andere sagen: „Bis nächste Woche.“