Hamburg

Wie ein Stadtteil verloren ging

„Hamburger Geheimnisse“ – Serie, Teil 2 In Neuhof lebten einst Milchbauern und Fischer, heute ist die Insel im Hafen ein reines Industriegebiet

Die Sicherheitsmaßnahmen sind so aufwendig, dass man vermuten möchte, hier gebe es etwas sehr Wertvolles zu schützen. Dabei steht hinter dem modernen Stahlzaun mit Stacheldraht nur eine Ruine. Die Backsteinmauern sind mit Graffiti und Schmierereien übersät, einige Fenster mit Brettern zugenagelt, andere Scheiben eingeworfen. Ein trostloser Anblick. Und durchaus passend. „Diese ehemalige Schule ist das letzte Überbleibsel eines einst lebendigen Stadtteils, in dem mehr als 3000 Menschen lebten“, sagt Margret Markert. Der aktuelle Einwohnerstand lautet: null. Wie seit 36 Jahren, als die letzte Bewohnerin den Stadtteil Neuhof verließ. „Seitdem ist die Insel mitten im Hamburger Hafen ein reines Industriegebiet“, erläutert Markert, die in der Geschichtswerkstatt Wilhelmsburg und Hafen arbeitet.

Die Geschichte Neuhofs ist die eines ländlichen Idylls, aus dem die Industrie erst die Fischer und Bauern vertrieb, um Platz für Arbeiterwohnungen zu schaffen – um schließlich auch die Arbeiter zu vertreiben.

Ende des 19. Jahrhunderts war Neuhof im Besitz der Familie von Grote. Das Land war verpachtet an Milchbauern und Fischer. „Doch der rasch wachsende Hamburger Hafen rückte immer näher, und längst wurde auf das günstig gelegene Gebiet spekuliert“, sagt Margret Markert. 1895 schließlich wollte Otto von Grote verkaufen. „Der nicht mehr ganz junge Junggeselle (…) fühle sich nicht mehr behaglich und wünsche zu verkaufen“, notierte der Bankier Eduard Martin Friedburg. Die eigens dafür gegründete Neuhof AG erwarb die 260 Hektar für 2,6 Millionen Mark – und machte kräftige Gewinne. Denn ein paar Jahre später veräußerte sie 80 Hektar davon an die Stadt Hamburg: für fünf Millionen Mark. Auf dem Gelände wurde die Vulcan-Werft angesiedelt, die von Stettin an die Elbe wechselte, um hier die größten Schiffe der Welt bauen zu können. „Die Werft brachte ihre Arbeiter mit, und für die wurden fast 1000 Wohnungen auf Neuhof errichtet“, beschreibt Markert die Entwicklung. Treibende Kraft hinter der Neuhof AG und der nun gegründeten Neuhöfer Wohnstätten-Gesellschaft war Ferdinand Nippold (1871–1929), ein Berliner Unternehmer, der sich hier sein eigenes Reich schuf, in dem er unangefochten schalten und walten konnte. Noch heute erinnert die nach ihm benannte Straße an ihn.

Die letzten verbliebenen Fischer zogen nach Altenwerder oder Moorburg, und bis 1914 wurden 87 viergeschossige Mietshäuser hochgezogen, die als mehrere Hundert Meter langer Quader mit Innenhöfen eine einzige Wohnanlage bildeten. „Wegen der zugezogenen Arbeiter wurde das Quartier Klein Stettin genannt, später dann Klein Moskau, weil die KPD hier eine Hochburg hatte“, berichtet Markert.

Die Vulkan-Werft, auf der 1912 mit dem „Imperator“ tatsächlich das größte Schiff der Welt gebaut wurde – noch größer als die im selben Jahr gesunkene „Titanic“! – bildete nur den Anfang. Es folgten Ölmühlen, Raffinerien und ein Kraftwerk. Und doch hatte die Siedlung etwas Idyllisches, denn die Arbeiter besaßen alle Kleingärten direkt am Wasser. Es gab Dutzende kleine Geschäfte und Kneipen, und viele Neuhöfer fühlten sich ihrem Stadtteil eng verbunden.

1968 begann die erste Abwanderungswelle

„Doch das Ende bahnte sich in den 60er-Jahren an“, berichtet Markert. Der Hafen wurde für das Container-Zeitalter umgerüstet, neue Flächen erschlossen – und eine neue Brücke geplant: die Köhlbrandbrücke. Die lange Auffahrt sollte direkt durch Neuhof führen. 1968 erklärte der Senat, dass allen Einwohnern bevorzugt andere Wohnungen zur Verfügung gestellt würden – und die erste Abwanderungswelle begann. Es war die Zeit, in der die heute so verpönten Hochhaussiedlungen wie in Kirchdorf-Süd, Steilshoop oder Osdorf aus dem Boden gestampft wurden.

1971 schien noch einmal eine Wende möglich, als die gewerkschaftseigene Wohnungsbaugesellschaft Neue Heimat, die die Wohnungen übernommen hatte, eine Modernisierung ankündigte. Doch schon ein Jahr später nahm man davon Abstand – und der Senat machte Neuhof zum reinen Industriegebiet. Als die Brücke 1974 eingeweiht wurde, blieben dennoch viele weiter dort wohnen, auch neue Bewohner kamen – angelockt von sehr niedrigen Mieten. Doch spätestens nach der schweren Sturmflut vom 3. Januar 1976, als die ganze Insel überflutet wurde, wanderten die meisten ab. Im Januar 1980 dann – der Abriss hatte längst begonnen – packte die letzte Neuhoferin ihre Koffer. 1985 verschwand auch die Werft, die mittlerweile den Howaldtswerken Deutsche Werft (HDW) gehörte. Auch die Besetzung durch die Arbeiter 1983 hatte das Schicksal nicht abwenden können.

Heute besteht Neuhof vor allem aus der kilometerlangen Brückenauffahrt, den verbliebenen Industrie-Betrieben – und viel Brachland. Sowie der alten Schule. „Anfang der 80er-Jahre wurde sie geschlossen“, erzählt Markert. Zuletzt hatte sie noch Schlagzeilen gemacht als „Deutschlands erste Schule ohne deutsche Kinder“. Es war ein Experiment, die Kinder von gerade eingewanderten Migranten zentral zu unterrichten. Doch das wurde bald wieder aufgegeben – wie die Schule. Das Gebäude diente später noch ein paar Jahre als Asylbewerber-Unterkunft. Aktuelle Pläne gibt es mit dem Gelände nicht. Und so wird das Gebäude noch weiter das einzige Relikt bleiben, das an Neuhofs Geschichte erinnert.

So geht’s nach Neuhof: Ab S-Bahn-Station Wilhelmsburg mit dem Bus der Linie 152 bis Neuhöfer Damm. Schöner ist es mit dem Fahrrad ab Landungsbrücken mit der Fähre 61 bis Neuhof und dann entlang der Köhlbrandbrückenauffahrt bis zum Neuhöfer Damm.Lesen Sie morgen die nächste Folge